Knut Kircher sieht den Video-Beweis gelassen
Der ehemalige Fifa-Schiedsrichter Knut Kircher war zunächst dagegen, einen Videobeweis in der Bundesliga einzuführen. Warum er die neue Technik jetzt doch unterstützt, verrät er im Interview.

Knut Kircher war acht Jahre lang Fifa-Schiedsrichter. Bei einer Schulung der Schiedsrichtergruppe Künzelsau sprach der ehemalige Bundesliga-Schiri über seine Einstellung zum Videobeweis, dessen Chancen, Risiken und den richtigen Umgang damit.
Herr Kircher, was halten Sie vom Videobeweis?
Knut Kircher: Ich bin mir sicher, dass es in der Bundesliga einen erfolgreichen Start geben wird. Denn wir haben einen großen Unterschied zum Confed-Cup: In der Bundesliga sind wir seit einem Jahr in der Testphase, indem wir dort schon Spiele begleiten. Diese Vorlaufphase hatten die Confed-Cup-Schiedsrichter nicht, deshalb ging"s meiner Ansicht nach dort auch ein bisschen schief.
Wo wird es trotzdem knifflig werden?
Kircher: Ein ganz spannendes Thema wird sein, wo die Eingriffsgrenze gezogen wird. Es gibt eine klare Guideline, das Fifa-Protokoll. Also: Wann darf der Videoschiedsrichter bei welchem Vergehen eingreifen? Denn es gibt vier Aspekte, die schwarz-weiß sind und es gibt den Graubereich in Entscheidungen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Jungs das gut umsetzen. Allerdings sollte die Erwartungshaltung ein bisschen gedämpft werden, gerade weil es diesen Graubereich gibt. Es kann nicht der Anspruch sein, dass man am Ende einer Entscheidung oder eines Spiels aus dem Stadion geht und denkt: Super, alles geregelt, jetzt muss oder kann ich gar nicht mehr über Entscheidungen diskutieren. Das wird nicht passieren.
Sie klingen optimistisch. Sind Sie ein Verfechter des Videobeweises?
Kircher: Ich war am Anfang ehrlich gesagt Traditionalist: Ich will das gar nicht, lasst dem Fußball seine Emotionen. Aber wieso soll man sich den technischen Möglichkeiten, den Hilfsmitteln verwehren? Wenn so etwas schnell geht, wieso sollte ich Dinge, die man auflösen kann, nicht auch in diesem Moment auflösen und stattdessen wochen-, monate- oder jahrelang diese Emotionen im Gepäck herumtragen?
Hilft der Videobeweis Ihren Kollegen oder macht er alles noch schwieriger?
Kircher: Ich glaube, dass die Möglichkeit ihnen hilft. Aber es muss da oben im Kopf Klick machen: Der Videoschiedsrichter ist ein Hilfsmittel, eine Back-up-Lösung und nicht der Kontrolleur des Schiedsrichters. Wenn der Schiedsrichter das erkennt, dann ist der Videobeweis ein richtiges Hilfsmittel. Ideal wäre, dass der Videoassistent dem Schiedsrichter mehr Sicherheit gibt, denn bei Bedarf sitzt da jemand, den ich fragen kann.
Kann man da bei anderen etwas abschauen?
Kircher: Wir profitieren von den Erfahrungen im American Football oder im Hockey. Als Fußballschiedsrichter schaut man auch über den Tellerrand hinaus. Man schaut: Wie handhaben die das und was will man für den Fußball? Letztlich ist es eine Pilotphase. Die gibt"s ja nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Nationen.
Sie sind kein aktiver Bundesliga-Schiedsrichter mehr. Hätten Sie den Videobeweis gerne noch miterlebt?
Kircher: Klar ist man als technikaffiner Mensch daran interessiert, so etwas mitzumachen − aber da kam nun mal die Altersgrenze. Ich bin nicht traurig, bin ja als Coach und Beobachter in der Bundesliga immer noch hautnah dabei und darf die Einführung einer solchen Technik aus einer anderen Perspektive begleiten.
Das heißt?
Kircher: Als Beobachter gebe ich anhand eines Spielprotokolls in der Schiedsrichterkabine ein kurzes Feedback an die Schiedsrichter: Haben die Gelben Karten, hat das Auftreten gepasst? Als Coach betrachte ich das Spiel oder die Szenen zwei, drei Tage später und bespreche das dann mit dem Schiedsrichter. Vielleicht ergeben sich Schwerpunkte, wo er Stärken hat, die er beibehalten muss. Oder er hat Handlungsfelder, an denen wir arbeiten sollten.
Schiedsrichter stehen öfters mal in der Kritik. Macht der Videobeweis das nicht schlimmer, wenn dann noch Fehlentscheidungen auftreten?
Kircher: Ja, dann haben nämlich zwei Menschen falsch hingeschaut. Nehmen wir das Beispiel aus dem Finale des Confed-Cups, wo man sagt, eigentlich müssen beide zu dem Schluss kommen: Das ist Rot. Er hat aber Gelb gezeigt. Das ist natürlich fatal. Klar wird es Menschen geben, die nach wie vor mit einem kolorierten Blick aus Sicht einer Mannschaft hingucken und sagen: Ha, das ist für mich, also den Fan, ein klarer Strafstoß. Ein anderer schaut hin und sagt: Das kann man pfeifen, muss man aber nicht. Das ist der berühmte Graubereich, wo wir die Entscheidung beim Schiedsrichter auf dem Platz belassen und herrlich über Fußball diskutieren können.
Zur Person

Knut Kircher (48) ist verheiratet, hat drei Kinder und wohnt mit seiner Familie in Hailfingen, einem Stadtteil von Rottenburg a.N. Hauptberuflich ist er Entwicklungsingenieur bei der Daimler AG in Sindelfingen. Von 2002 bis 2016 pfiff er insgesamt 244 Bundesligaspiele. Sein Karrierehöhepunkt war das DFB-Pokal-Finale zwischen dem FC Bayern und Borussia Dortmund 2008.
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