Wie ein Spatz ohne Federn
Zwölf Wochen zu früh kam Hendrik im Gesundbrunnen auf die Welt − Mutter und Sohn blicken 19 Jahre später zurück

Die Mutter sieht Hendrik noch heute vor sich, 19 Jahre nach der Geburt, wie er als winziges Baby in der Hand seines Vaters lag. Kim Kolb blickt auf ihre nach oben geöffnete Handfläche und sagt: "Links und rechts sind seine Ärmchen und Beinchen heruntergehangen". Hendrik kam zwölf Wochen zu früh auf die Welt. Er wog 980 Gramm. Eigentlich war er nur eine Handvoll Haut und Knochen, "einfach noch nicht fertig", erinnert sich seine Mutter. Sie hat zwei alte Fotoalben herausgeholt und sagt: "Ich hab immer gesagt, er sieht aus wie ein Spatz ohne Federn."
Hendrik sitzt neben ihr. Er ist ein großer schlaksiger Junge mit strohblonden Haaren und blauen Augen. Weil er seinen Namen nicht veröffentlichen will, hat die Redaktion seinen und den seiner Mutter geändert. Einen Moment lang sucht er die richtigen Worte, dann sagt er: "Das ist alles ein bisschen unecht für mich, ich kann mich ja nicht daran erinnern. Aber ich frage mich, wie es sein kann, dass ich mal so war."
Es war Anfang März vor 19 Jahren, als die Ärzte im Gesundbrunnen um Hendriks Leben gekämpft haben. "In den ersten drei Tagen durfte ich überhaupt nicht zu ihm", sagt Kolb. Das habe sie am meisten Kraft gekostet. "Es gibt eine innere Uhr, die Alarm schlägt, wenn etwas nicht stimmt." Mit vier Tagen musste Hendrik reanimiert werden, mit sieben Tagen bekam er Gelbsucht und nahm 100 Gramm ab. Mit einem Blutdruck von 190 zu 160 war Kim Kolb von ihrem Frauenarzt in die Klinik am Plattenwald geschickt worden. Dort habe man es aber nicht in den Griff bekommen und sie an einem Freitagnachmittag in den Gesundbrunnen überwiesen.
Bis dahin hatte die Frau so viel Wasser eingelagert, dass die Leber schmerzte. Eine Schwangerschaftsvergiftung, weiß sie heute. Erst montagmorgens ging es los. "Wir bringen Sie jetzt in den Kreißsaal", habe die Ärztin gesagt. An die Geburt ihres Sohnes hatte Kolb in der 28. Woche überhaupt nicht gedacht. Um 9.38 Uhr haben die Ärzte Hendrik auf die Welt geholt.
Sieben Wochen musste das Frühchen auf der Intensivstation bleiben. Nach neun Wochen durften ihn seine Eltern zum ersten Mal mit nach Hause nehmen. Da wog er immerhin 2700 Gramm. Kraft zu schreien hatte er nicht, aber überlebt.

"Wir mussten wirklich um ihn kämpfen", sagt seine Mutter. Auch Jahre später, vor allem während der Schulzeit. Die meisten seiner Mitschüler mochten Hendrik nicht. Als Junge bewegte er sich "eckig", streckte den rechten Ellenbogen immer nach oben. Das störte seine Sitznachbarn. Schüler wie Lehrer gingen kaum auf ihn ein. Doch Kolb gab nicht auf und erklärte Eltern und Lehrern immer wieder, wie man mit Hendrik umgehen kann. Die Klassenlehrerin in der achten Klasse am Heilbronner Bildungszentrum St. Kilian habe sich für ihn eingesetzt, dem Mobbing ein Ende gemacht. Seither hat Hendrik gute Freunde. In einer Umgebung, in der das soziale Miteinander großgeschrieben wird, ging Hendrik auf.
Nach langer Suche nach einem Sportverein hat er ein Hobby gefunden, in dem er Sport und Soziales verbinden kann − um anderen zu helfen, nimmt sich Henrik sogar Urlaub. Seine Ausbildung zum technischen Produktdesigner schließt er nächstes Jahr ab.
"Ohne die sieben Jahre Physiotherapie im Gesundbrunnen wäre Hendrik heute nicht da, wo er ist", ist Kolb sich sicher. Logopädie und Ergotherapie waren auch wichtig für ihn. In einer Festhaltetherapie hat der Junge gelernt, sich und seinen Körper zu spüren. Am Anfang hat ihn seine Mutter anderthalb Stunden mit aller Kraft festhalten müssen, wenn er hysterisch war. Kolb sagt: "Für mich war das die Hölle. Ich dachte, ich breche ihm den Willen." Danach sei er aber überglücklich und selig gewesen.
Schwimmen, Klettern und Radfahren tun ihm gut. Hendrik sagt über sich, er denke manchmal umständlicher als andere und lege sich zum Arbeiten ein bestimmtes Schema zurecht. "Wenn ich damit nicht weiterkomme, ist es wie bei einem Computer. Der zeigt dann Error an."
Stimme.de
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