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Auf und Ab ins normale Leben

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1050 Gramm wog Fenno bei seiner Geburt – Drei Monate Neugeborenen-Intensivstation waren auch für die Eltern extrem belastend

Von Bärbel Kistner

Im Alltag ist es kein Thema, es schränkt sie nicht ein. Fenno, der nächste Woche seinen zweiten Geburtstag feiert, ist das „Sonnenscheinkind“ seiner Eltern. Manchmal habe er das Zeug zum „Bruchpiloten“, erzählt Nadine Cwik, der, weil es ihm nicht schnell genug geht, auch mal aus seinem Kinderstuhl purzelt und sich eine Platzwunde am Kopf holt. 

Sie versuchen, gelassen zu bleiben. Auch wenn der Zweijährige leichtes Fieber hat, versetzt das Nadine und Marek Cwik nicht in Panik. Sie seien keine Hypochonder-Eltern, die ihr Kind wie ein rohes Ei behandeln, nur weil es zu früh geboren wurde. „Wir rennen nicht bei jedem Pieps in die Notaufnahme. Wir würden Fenno keinen Gefallen tun.“

Aber es gibt Situationen, in denen alles wieder hochkommt. „Das steckt uns in den Knochen.“ Und es laufen auch mal die Tränen. Bis zur 25. Schwangerschaftswoche lief alles normal. Dann wachte Nadine Cwik morgens in einer Blutlache auf. Das wird schon werden, dachte die damals 38-Jährige. Ihr anfangs schlimmstes Szenario war gewesen, dass sie die drei Monate bis zum errechneten Geburtstermin in der Klinik bleiben müsste.

Mit einer Frühgeburt hatte sie nicht gerechnet. Doch die Geburt konnte nur noch gut zwei Wochen hinausgezögert werden. Fenno per Notkaiserschnitt am 13. Mai auf die Welt zu holen, war eine Entscheidung der Ärzte, weil die Überlebenschancen des Kindes außerhalb des Mutterleibs höher eingeschätzt wurden.
1050 Gramm wog ihr Kind bei der Geburt, eine Handvoll Leben. Marek Cwik saß „heulend wie ein Schlosshund“ vor dem Operationssaal, „völlig überfordert mit der Situation.“ Sein Sohn wurde im Inkubator an ihm vorbei auf die Neonatologie-Intensivstation gefahren. „In dem Moment ist man sehr alleine und überhaupt nicht vorbereitet, was einen dort erwartet“, erinnert sich der 41-Jährige. Überall stehen Apparate und piepsen Monitore. Nadine Cwik sieht Fenno erst am nächsten Tag. 

Eltern von Frühchen sind auch auf ihr Kind nicht vorbereitet, das nicht so aussieht, wie man sich propere Neugeborene vorstelle. „Unser kleiner Alien“ haben die Cwiks ihren Fenno genannt, das unfertige Baby mit der durchscheinenden Haut und den besonderen Augen. „Man muss akzeptieren lernen, dass alles nicht so gelaufen ist, wie man es sich erträumt hat“, sagt die 40-Jährige.

Die ersten fünf bis sechs Tage sind bei extremen Frühchen besonders kritisch. Knallhart bekomme man das gesagt. Wenn das Kind diese überlebt, stehen die Chancen gut. Eine Garantie gibt es nicht.

Emtionen „Wir hatten Glück im Unglück“ findet das Paar. Fast alle viel zu früh Geborene haben eine Hirnblutung. Bei Fenno war sie gering. „Am Anfang weiß man jedoch nie, ob das Kind unter Folgeschäden leidet.“ Gut drei Monate waren beide täglich im Krankenhaus, Nadine Cwik viele Stunden lang. Ein Auf und Ab der Emotionen, kein normaler Alltag mit einem Neugeborenen, die Angst als stetiger Begleiter. Auszeiten seien wichtig, auch für die Zeit nach der Klinik. Im heißen Sommer 2015 sind die beiden deshalb gerne zum Schwimmen gefahren, ihr Kind wussten sie gut versorgt.

Nadine und Marek Cwik erinnern sich an „schlimme Stunden in der Klinik“. Anderen Eltern wollen sie dennoch Hoffnung machen: „Nicht jeder Tag war nur Geheule.“ Sie hatten schöne Momente, „mit unserem Kind, den Schwestern und Ärzten und mit anderen Eltern, denen man sich sehr verbunden fühlt“. 

Im Herbst 2018 soll die neue Neonatologie fertig sein. Die geplanten Neuerungen, die mit Hilfe der Stiftung Große Hilfe für Kleine Helden finanziert werden, bringen Eltern große Erleichterung, davon sind die Cwiks überzeugt. Mehr Platz helfe, „weil man sehr private Momente dort hat“. Chefarzt Peter Rueff wolle die Eltern in die Versorgung einbinden, „die räumliche Situation lässt aber nicht vieles zu“, so die Erfahrung von Nadine und Marek Cwik.

Als Fenno 2700 Gramm wog, durfte er nach Hause. Für das Leben nach der Klinik fühlten sich die Cwiks gut vorbereitet, die Nachsorge habe geholfen. Das erste Lebensjahr habe dennoch viel Kraft gekostet und sie „ausgesaugt. Es hat lange gedauert, bis wir wieder auf dem Energie-Level von vorher waren.“

 

 

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