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"Ohne Gefühl lebe ich den Tanz nicht"

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Die Weinsberger Ballettlehrerin Renate Lindner-Klodt spricht über Disziplin und Haltung, Anmut und Grazie.

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Ballett ist mehr als Spitze: Renate Lindner-Klodt in ihrem Studio in Weinsberg zeigt eine Übung.
Foto: Mario Berger
Ballett ist mehr als Spitze: Renate Lindner-Klodt in ihrem Studio in Weinsberg zeigt eine Übung. Foto: Mario Berger  Foto: Berger, Mario

Beim Ballett geht es um Emotionen und das eigene Körpergefühl. Das mache das Tanzen so spannend und wertvoll, sagt Renate Lindner-Klodt, die seit 26 Jahren die gleichnamige Ballettschule in Weinsberg leitet. Sie äußert sich zu Disziplin und Haltung, zu Anmut und Grazie – alles Eigenschaften, die sich auch aufs Leben übertragen lassen.

 

Frau Lindner-Klodt, ist die Ballettschule eine Schule fürs Leben?

Renate Lindner-Klodt: Auf jeden Fall, weil es im Leben auf Haltung ankommt, die innere und äußere, auf die Haltung gegenüber mir selbst und anderen gegenüber.

 

Beschreiben Sie die Magie des Tanzes.

Lindner-Klodt: Es geht um Emotionen und um die Technik, die man sich erarbeiten muss. Was den Tanz spannend und wertvoll macht, ist, dass das Gefühl dazukommt. Ohne Gefühl lebe ich den Tanz nicht. Dann ist keine Berührung drin. Aber ich will berühren.

 

Wie sind Sie zum Ballett gekommen?

Lindner-Klodt: Über meine Freundin aus dem Kindergarten. Das unglaublich Schöne ist, dass man seinen eigenen Körper wahrnimmt.

 

Wer war Ihr großes Vorbild?

Lindner-Klodt: Anna Pawlowa, die russische Meistertänzerin. Sie starb 1931, ich habe also nur Fotos von ihr gesehen als sterbender Schwan. Wobei ich aber nie selbst als Schwänchen auf die Bühne wollte.

 

Was macht das Tanzen mit dem Körper?

Lindner-Klodt: Es ist ein totales Workout von Kräftigen und Dehnen, von Flexibilität in allem und von Lebendigkeit im Kopf. Die Aufmerksamkeit, die in mir drin ist, geht raus. Es ist die Abwechslung zwischen Introvertiertheit und Extrovertiertheit.

 

Disziplin ist eine der wichtigsten Eigenschaften beim Ballett. Wenn Sie aus dem Studio blicken: Wo fehlt es heute an Disziplin?

Lindner-Klodt: Die Achtsamkeit gegenüber Menschen fehlt. Das äußert sich in kleinen Dingen: Man grüßt nicht zurück oder steht kaugummikauend vor jemandem. Man gibt zu früh auf. Es ist die Herausforderung in jeder Sportart, zu üben und dranzubleiben.

 

Warum ist das so?

Lindner-Klodt: Es liegt an der großen Ablenkung. Wir werden mit so vielem konfrontiert und vieles ändert sich zu schnell. Die Bereitschaft, sich in etwas reinzuknien, ist nicht mehr so stark vorhanden.

 

Arabesque, Attitude, Developée, Grand Plié – Wer diese Bewegungsformen beherrschen will, muss sich ganz schön schinden. Sind Ihre Schüler dazu überhaupt noch bereit?

Lindner-Klodt: Ja, absolut. Aber das Wort schinden gibt es heute nicht mehr. Sie arbeiten, bis sie nicht mehr können. Der Zugang ist heute ein anderer in der Tanzausbildung. Sie ist immer noch diszipliniert, es ist ein hartes und intensives Training, aber es ist anatomisch besser und körperfreundlicher geworden. Man übt mit viel mehr Lachen und Lockerheit.

 

Es gilt ja das Klischee der strengen Ballettlehrerin.

Lindner-Klodt: Was die Technik betrifft, stimmt das. Aber das Korsett hat sich gelockert, weil auch andere Tanzrichtungen dazugekommen sind, vor allem Modern Dance.

 

Jeder Muskel, jede Sehne wird beim Ballett trainiert. Das hört sich nach einem tollen Fitnessprogramm an. Aber Spitzentanz und Biegsamkeit können auf Dauer doch nicht gesund sein – oder?

Lindner-Klodt: Man muss anatomisch korrekt auftrainieren. Deshalb macht man Spitze erst ab zwölf Jahren, wenn der Muskelaufbau und die Kraft vorhanden sind. Man geht an seine körperlichen Grenzen, aber der Laie geht nicht darüber.

 

Ich brauche Haltung, um zu tanzen. Hat das auch etwas mit Rückgrat zu tun?

Lindner-Klodt: Auf jeden Fall – hocherhobenen Hauptes, ohne arrogant zu sein, klar in der Haltung sein und im Leben stehen.

 

Eine Ballerina strahlt Anmut und Grazie aus. Begriffe, die kaum zum Wortschatz eines jungen Menschen gehören. Sind sie noch zeitgemäß?

Lindner-Klodt: Ja. Jeder Mensch will schön sein, nicht im Sinne einer Barbie-Puppe. Er will in sich harmonisch sein, das ist Schönheit. Die Begriffe hört man heute wenig, aber meine Schülerinnen leben sie. Viele Menschen tun das.

 

Wie definieren Sie Anmut und Grazie?

Lindner-Klodt: Grazie ist die feine Form der Bewegung. Anmut hat eine gewisse Leichtigkeit, etwas von Freiheit und ein bisschen was von Schweben. Das wird in jeder Kommunikation praktiziert.

 

Sie haben viele Generationen ausgebildet. Hat sich der Typus der Elevinnen verändert?

Lindner-Klodt: Die Pädagogik hat sich verändert. Die ganz Kleinen sehen die Tüllröcke, den Glitzer, das Funkeln, staunen dann aber, dass man was tun muss. Es glitzert nicht, ohne dass man vorher trainiert hat. Es ist tatsächlich so, dass Ballett mehr in der Gesellschaft angekommen ist, es hat nicht mehr das Elitäre.

 

Welches ist denn Ihr Lieblings-Ballett?

Lindner-Klodt: "Krabat" nach dem Jugendroman von Otfried Preußler, den Demis Volpi 2013 für das Stuttgarter Ballett choreographiert hat. Da ist alles drin: ein wahnsinniger Rhythmus, wahnsinnige Emotionen, Düsternis, Freude. "Giselle" habe ich sehr geliebt und die "Kameliendame" mit Marcia Haydée.

 

Wird ein Junge, der ins Ballett geht, immer noch belächelt?

Lindner-Klodt: Ja. In Deutschland ist das extrem. Die Gesellschaft ist sehr maskulin. Und Tanzen wird nach wie vor als weiblich gesehen.

 

Aber wie führt man einen Pas de deux ohne einen männlichen Tänzer auf?

Lindner-Klodt: Wir greifen bei unseren Aufführungen auf Freunde zurück. Meine Söhne mussten herhalten, als sie noch nicht verheiratet waren, obwohl sie Handball spielten. Das funktionierte gut, weil die Jungen nur halten müssen.

 

Sie muss gertenschlank sein, darf aber auch nicht zu groß sein: Dieses Körperideal wird beim Ballett propagiert. Schürt das nicht ein falsches Frauenbild?

Lindner-Klodt: Diese Propaganda ist absolut überholt. Wegweisend war William Forsythe, der von 1984 bis 2004 Direktor des Frankfurter Balletts war. Er hatte in seinen Choreographien Typen: Frauen und Männer, die nicht dieses Gardemaß hatten. Ob man im Tanz gut oder schlecht ist, hängt nicht damit zusammen, ob man stabiler gebaut ist oder nicht.

 

Warum muss es der strenge Dutt sein? Warum sieht man keine Tänzerinnen mit Beachwaves?

Lindner-Klodt: (lacht) Weil offene Haare einfach stören. Ich sehe im Training die Körperhaltung von der Nackenlinie bis zur Ferse. Wenn die Haare über den Rücken fallen, sehe ich den Schiefstand der Schulter nicht und wie die Wirbelsäule verläuft. Und lange, geflochtene Zöpfe würden zum Beispiel bei einer Drehung wie ein Peitschenhieb sein.

 

Zur Person

Renate Lindner-Klodt (65) führt seit 1994 eine Ballettschule in Weinsberg. Sie ist durch tänzerische Inszenierungen und die Auftritte mit ihren Elevinnen in regionalen Projekten und bei Kultur-Events bekannt. Sie hat ihre Ausbildung in Kinderballett und Ballettpädagogik in Stuttgart, Frankfurt und Düsseldorf absolviert und hat eine große Leidenschaft für Modern Dance. Lindner-Klodt ist verheiratet, hat vier erwachsene Kinder und sieben Enkel. 

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