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Weinsberg
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Besondere Fixpunkte im traditionsreichen Tal

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Die Stadt der treuen Weiber verfügt über ein tolle Verkehrsanbindung, einen guten Branchenmix und familiäre Strukturen. Auch bringt der Gang durch die Stadt einige Überraschungen.

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Auch der Präsident des Württembergischen Weinbauverbands, Hermann Hohl, residiert in der Stadt.
Auch der Präsident des Württembergischen Weinbauverbands, Hermann Hohl, residiert in der Stadt.  Foto: Zimmermann, Thomas

Wein, Weibertreu und Rosenkulturen sind die Fixpunkte der Stadt, die vor den Toren Heilbronns zu Füßen wunderbarer Hügel liegt. Egal von welcher Richtung man sich Weinsberg nähert, fallen einem schon von weitem die mächtige Burgruine auf dem Burgberg und der gegenüberliegende Schemelsberg ins Auge, die umsäumt von Weinbergen über der Stadt thronen. Der Wartberg, das Wahrzeichen der Nachbarstadt Heilbronn, rundet mit seinen Weinbergen das prächtige Ensemble ab.

Kein Wunder, dass die 12 500 Einwohner große Kommune den Wein in ihrem Namen trägt. Und welche Stadt wäre besser geeignet, den Württembergischen Weinbauverband, eine Weinbauschule und die Staatliche Lehr- und Versuchsanstalt für Wein- und Obstbau zu beherbergen. "Die Zusammenarbeit mit Weinbauschule und der Lehr- und Versuchsanstalt ist eine ideale Win-Win-Situation", freut sich der Weinbaupräsident des Landes, Hermann Hohl, der bereits seit 26 Jahren im Amt ist und unweit der Hauptstraße residiert. Hochdekorierte Weinbaubetriebe und herausragende Besenwirtschaften runden das Bild nicht nur in der Stadt, sondern auch in den Teilorten Gellmersbach, Wimmental und Grantschen ab.

"Weibertreu, Wein, Weinsberg und Rosen, das passt einfach wunderbar zusammen und macht das Flair der Stadt aus", betont Hohl. Seit Jahrhunderten setzen Weingärtner Rosenstöcke in ihren Weinberge, weil sie gute Indikatoren für den Mehltau sind, der auch Weinreben befällt. Neu ist, dass Schulabgänger seit einem Jahr den Bachelor-Studiengang Wein-Technologie-Management an der Dualen Hochschule Heilbronn und an der Lehr- und Versuchsanstalt Weinsberg belegen können. "Das ist einmalig in Deutschland", freut sich Hermann Hohl über die Zusammenarbeit.

Bewohner schätzen Geschäfte und gute Gastronomie

Mayra Buschmanns kauft Weihnachtsgebäck bei Kerstin Kesel. Die Bäckerei Hönnige in der Hauptstraße kann über mangelnde Kundschaft nicht klagen.
Mayra Buschmanns kauft Weihnachtsgebäck bei Kerstin Kesel. Die Bäckerei Hönnige in der Hauptstraße kann über mangelnde Kundschaft nicht klagen.  Foto: Zimmermann, Thomas

Doch nicht nur Lemberger, Riesling, Kerner und Spätburgunder fühlen sich in Weinsberg wohl, auch die meisten Einwohner sind zufrieden. "Für die Größe der Stadt ist eigentlich alles da", sagt Carina Kurz, die mit der dreijährigen Juli bei herrlichem Herbstwetter auf dem Weg nach Hause im Weinsberger Osten ist. "Freibad, Musikschule, Bücherei, viele Vereine, Geschäfte, eine gute Gastronomie", zählt die 37-Jährige als Pluspunkte auf. Carina Kurz schätzt aber auch die "familiären Strukturen" in der Stadt. "Ich hoffe das bleibt so", betont sie.

Für Isolde Quiz könnte dagegen in Weinsberg "mehr geboten werden". Die 76-Jährige, die mit Tommy, dem Chihuahua-Männchen ihrer Nichte, in Richtung Hauptstraße unterwegs ist, wohnt seit kurzem im Seniorenwohnheim in der Hirschbergsstraße. "Ich habe ein Auto, und das braucht man hier auch. Meine Kollegen sagen: Früher war in Weinsberg mehr los", so Quiz, die in Berlin geboren ist und lange in Bayern gelebt hat. Das sei aber auch Corona geschuldet.

Carina Kurz und ihre dreijährige Tochter Juli fühlen sich in der Stadt sehr wohl.
Carina Kurz und ihre dreijährige Tochter Juli fühlen sich in der Stadt sehr wohl.  Foto: Zimmermann, Thomas

Das sieht Susanne Eisenhardt, die mit Sohn Luis (8) ihrer Freundin Katharina Schledewitz und deren Kindern wenige Meter entfernt vor der städtischen Musikschule steht, ganz anders. "Die Stadt hat eine sehr gute Größe. Groß genug, um viele Möglichkeiten und klein genug, um viele Kontakte zu bieten", betont die 40-jährige. Auch die Verkehrsanbindung über das Autobahnkreuz und die drei S-Bahn-Stationen findet sie toll. Für Katharina Schledewitz ist die Stadt "schön und gemütlich". Sie würde sich aber mehr Spielplätze und Sportgelegenheiten für ihre Kinder Erwin (8) und Diana (4) wünschen. "Öhringen hat in dieser Hinsicht mehr zu bieten", unterstreicht sie.

Breites Angebot

Mayra Buschmanns kauft Weihnachtsgebäck bei Kerstin Kesel. Die Bäckerei Hönnige in der Hauptstraße kann über mangelnde Kundschaft nicht klagen.
Mayra Buschmanns kauft Weihnachtsgebäck bei Kerstin Kesel. Die Bäckerei Hönnige in der Hauptstraße kann über mangelnde Kundschaft nicht klagen.  Foto: Zimmermann, Thomas

Immerhin wartet die Stadt an Marktplatz, Hauptstraße und der Durchfahrtstraße nach Heilbronn mit einer Musikschule, dem schmucken Rathaus, kostenlosen Parkplätze, zwei Reisebüros, Modegeschäften, Restaurants, Kneipen, Tankstelle, Sportgeschäft, Foto- und Schmuckgeschäft sowie der Bäckerei Hönnige auf. "Uns gibt es schon ewig", sagt Kerstin Kesel, die hinter der Theke steht. "Bei uns sind Fertigmischungen tabu, unser Backverfahren nennt sich Slow-Baking", versichert die 59-Jährige. So entstehen Dinkel-, Weizen-, Roggen- und sogenannte Urkornbrote, die aus alten, traditionellen Getreidesorten wie Emmer und Einkorn stammen. Bekannt ist auch der Kerner-Stollen, benannt wie die Weinsorte nach dem größten Sohn der Stadt, dem schwäbischen Arzt und Dichter Justinus Kerner, der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts einen Kreis bekannter süddeutscher Dichter in Weinsberg um sich scharte. Ihm ist mit dem Kerner-Haus in der Öhringer Straße ein Museum gewidmet.

Das Geschäft in der Bäckerei läuft gut. Brot, Brötchen, Weihnachtsgebäck und Kuchen aus der Bäckerei sind gefragt, trotz Corona-Pandemie. "Ich fühl mich hier sehr wohl", sagt Kerstin Kesel und ergänzt: "Wir haben tolle Arbeitskollegen und einen sehr sozialen Chef". Deshalb nimmt sie seit drei Jahren auch die weite Anreise von ihrem Wohnort Schwaigern in Kauf. Die direkte Stadtbahnverbindung bis zum zentral gelegenen Weinsberger Bahnhof macht es möglich.

Unvermittelt begegnet einem in der Florian-Geyer-Gasse ein bunter Bücherschrank, an dem jeder sich das eine oder andere Werk ausleihen kann. Sein Inhalt reicht von Micky Maus über Noah Gordon "Der Katalane" bis zu Goethes "Götz von Berlichingen".

Neue Baugebiete im Osten

Über das schmucke Rathaus mit dem imposanten Weibertreu-Denkmal, das 1708 als Vogtei erbaute jetzige evangelische Dekanatsgebäude und die evangelische Johanneskirche, an der noch Reste der historischen Stadtmauer zu sehen sind, führt der gepflegte Weg von der Innenstadt zum Burgberg mit der legendären Burgruine - der Weibertreu. Einem Bericht der Kölner Königschronik zufolge ergaben sich im Dezember 1140 die von den Staufern belagerten Besatzer der Burg. Daraufhin wurden den Frauen freier Abzug gewährt, unter Mitnahme der Lasten, die sie tragen konnten. Und die listigen Weiber trugen ihre Männer herab, denen sie so das Leben retteten, da der König sein Wort hielt. Die Legende von den treuen Weibern zu Weinsberg ist bis heute weithin bekannt. Die gut erhaltene und gepflegte Ruine, die von zahlreichen Informationsschildern umgeben ist, ist für jeden Besucher der Stadt ein Muss. Weiter führt der Weg nach Osten, wo schnell wachsende Baugebiete von der Attraktivität der Stadt zeugen, bis zum Stadtausgang, wo eine weitere Besonderheit, die Weinsberger Rosenkulturen, zu Hause sind.

Königin der Blumen

Volker Kutofsky betreibt in vierter Generation mit seiner Frau Julia und Mutter Hannelore am Stadtausgang die Weinsberger Rosenkulturen.
Volker Kutofsky betreibt in vierter Generation mit seiner Frau Julia und Mutter Hannelore am Stadtausgang die Weinsberger Rosenkulturen.  Foto: Zimmermann, Thomas

Schon seit 1903 wird auf den weitläufigen Feldern zwischen Weibertreu und den Heilbronner Weinbergen die Königin der Blumen gepflanzt, veredelt und gepflegt. Heute liefern Volker und Julia Kutofsky Rosen und Zierpflanzen in vierter Generation nach Süddeutschland, Österreich und in die Schweiz. "Wir überzeugen aus Tradition mit sehr guten Produkten. Man muss weit gehen, um solche Qualitäten zu finden", sagt Volker Kutofsky. Dabei sind die Ansprüche der Pflanzen hoch, nur alle zehn Jahre werden die Weinsberger Böden mit Rosen bepflanzt, dann wechseln die Fruchtfolgen, das bringt Qualität für die rund 350 verschiedenen Sorten, die vor Ort produziert werden. "Wir sind froh, dass wir eine treue Stammkundschaft haben, die auch in angeschlossene Gärtnerei kommt. Das ist auch ein wichtiges Standbein", betont Kutofsky. Rosen sind auch für die Stadt ein Markenzeichen, neben dem Wein und der Burg natürlich, die alles überstrahlt.

Da passt es wunderbar, dass es rund um die Weibertreu-Ruine einen weitläufigen Wein- und Rosenrundweg gibt, der die Weinsberger Fixpunkte symbolisch an einem Punkt vereint.

 
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