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Bäcker Kolb: "Für mich ist der Morgen die Nacht"

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Bäcker Rainer Kolb fängt morgens um halb zwei an zu arbeiten, lange bevor Untereisesheim zum Leben erwacht. Im Interview der Woche spricht er über die letzten Nachtschwärmer und eine historische Ortsmitte, die bebaut wird.

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Rainer Kolb in der Back- stube: Die Familie führt den Untereisesheimer Betrieb in der zehnten Generation. Foto: Andreas Veigel
Rainer Kolb in der Back- stube: Die Familie führt den Untereisesheimer Betrieb in der zehnten Generation. Foto: Andreas Veigel  Foto: Veigel, Andreas

Rainer Kolb ist einer der ersten, der in Untereisesheim aufsteht: Er betreibt die gleichnamige Familienbäckerei direkt beim Rathaus − mittlerweile in zehnter Generation. Über seine Morgenrituale, das Frühstück und die Menschen in der Gemeinde spricht der 45-Jährige im Interview der Woche.

 

Wenn Sie aufstehen, gibt es weder frische Brötchen noch frisches Brot. Was frühstücken Sie eigentlich?

Rainer Kolb: Wir frühstücken ab 6 Uhr, wenn wir mit dem Gröbsten durch sind. Unser Frühstück sieht ganz normal aus − mit Brötchen, was man halt so frühstückt.

 

Sie stehen mit nüchternem Magen in Ihrer Backstube?

Kolb: Ja, wir fangen um halb zwei an zu arbeiten. Ich kann um die Zeit noch nichts frühstücken.

 

Haben Sie ein Morgenritual, bevor Sie zur Arbeit gehen?

Kolb: Ich stehe gleich auf. Bei mir sieht es anders aus: Ich schaue am Tag zuvor, dass ich alles herrichte, was ich morgens benötige. Ich achte darauf, dass ich dann morgens beim Teig nicht mehr groß rechnen muss. Wenn ich morgens mit der Arbeit beginne, will ich bei den Zutaten nichts falsch machen. Das ist sozusagen mein Abendritual.

 

Viele Menschen verbinden im Frühling mit dem Aufwachen, dass die Vögel zwitschern. Wenn Sie aufstehen, ist es noch ruhig. Was bedeutet für Sie denn der Morgen?

Kolb: Für mich ist der Morgen die Nacht. Um halb zwei kommen manche erst heim, das ist vor allem in der Nacht auf Samstag der Fall. Sie waren in der Disco und machen danach einen Abstecher zu mir. Sie holen sich dann eine Brezel. Das ist lustig: Für diese Kunden ist es gefühlt noch der Tag davor, für mich ist es schon Samstag.

 

Kaufen stets die üblichen Verdächtigen ein?

Kolb: Klar, die kenne ich schon. Gerade nach längeren Vereinsfeiern kommen sie erst morgens vorbei.

 

Können Sie auf den ersten Blick sehen, wie die Nacht für die Kunden war − ob es Streit mit dem Freundin oder dem Freund gab?

Kolb: Sie sind in der Regel alle gut drauf. Unsere Mitarbeiter haben auch immer eine gute Stimmung.

 

Wie charakterisieren Sie die Untereisesheimer, wenn diese morgens ihre Brötchen holen?

Kolb: Manche gehen ins Geschäft, andere kommen von der Nachtschicht und holen sich ihr Vesper vor dem Einschlafen. Wer erst auf dem Weg in die Arbeit ist, ist müde. Die anderen sind topfit und freuen sich auf den Feierabend.

 

Und Sie stecken mitten im Arbeitstag. Wie fühlen Sie sich?

Kolb: Nach der Frühstückspause beginnen wir mit dem süßen Gebäck. Unsere Tage verlaufen immer ähnlich: Mit Brot und Brötchen beginnen wir, zwischen 6 und 7 Uhr machen wir eine Frühstückspause, danach geht es an die Torten, Kuchen und süßen Stückchen.

 

Sie führen in der zehnten Generation den Betrieb, der immer in der Neckarstraße liegt. Hier, im früheren Zentrum, ist der Wandel in der Gemeinde gut zu sehen: Das Rathaus ist saniert, der Platz drumherum schön angelegt, neue Mehrfamilienhäuser entstehen dort, wo einst nur wenige Menschen wohnten. Erwacht ihr Heimatort Untereisesheim zu neuem Leben?

Kolb: Mit Bauarbeitern haben wir gerade sehr viel Betrieb. Sie holen morgens bei uns ihr Vesper, Frühstück und den Kaffee, bevor es losgeht. Dass mittlerweile neue Mitbürger hinzugezogen sind, erlebe ich so nicht. Ich sehe meist die bekannten Gesichter, unsere Stammkunden.

 

Macht sich der schöne Rathausplatz bemerkbar?

Kolb: Vor der Corona-Krise war hier mittags natürlich viel los. Nehmen wir die heißen Wochen: Dann sind auch Kinder im Brunnen, was die eigentlich nicht dürfen. Viele sonnen sich, Radfahrer rasten.

 

Pausieren und draußen sitzen: Ist das ein Sinnbild für die Gemeinde, ist Untereisesheim ein eher ruhiger Ort?

Kolb: Mir kommt es so vor, dass bei uns viele Menschen wohnen, die auswärts arbeiten und erst abends wiederkommen. Früher war es anders. Ich kenne es aus meiner Kindheit, als Mütter zu Hause waren, mittags zum Einkaufen gingen und mit den Kindern unterwegs waren. Das ist weniger geworden. Mittlerweile arbeiten beide Eltern, die Kinder werden in der Kita betreut. Im Ort ist dann tagsüber gar nicht mehr so viel Betrieb.

 

Bedauern Sie es?

Kolb: Ich finde es schade. Für mich ist es schöner, wenn ich Menschen unterwegs sehe. Mittlerweile treffen wir kaum noch Personen, wenn wir beispielsweise mit unserem Hund unterwegs sind. Es gibt wenige, die mit dem Kind unterwegs sind.

 

Ist das auch am Wochenende der Fall?

Kolb: Samstags und sonntags sind die Untereisesheimer schon draußen. Dann sehe ich sie, wie sie mit dem Fahrrad oder den Inlinern fahren. Viele sind am Sportplatz unterwegs.

 

Wünschen Sie sich mehr Familien im alten Ortskern rund ums Rathaus, damit wieder mehr Leben reinkommt?

Kolb: Ob dann wirklich mehr los ist, wird sich zeigen. Für mein Geschäft wäre es schön, wenn dann tatsächlich mehr Menschen zum Einkaufen kommen. Aber vom Optischen her finde ich es schade, wenn neu Gebäude eng beieinander errichtet werden. Ich finde, dass Grünflächen bleiben sollten.

 

Steckt Untereisesheim im Dornröschenschlaf und muss nur wachgeküsst werden?

Kolb: Das sehe ich nicht so, wir haben schon viele Vereinsaktivitäten. Das Seefest ist groß, zum Fest der Tischtennis-Spieler kommen viele. Es sind aber oft immer dieselben, die man sieht. Es wäre schön, wenn auch mal neue Gesichter zu entdecken wären. Die neu Hinzugezogenen sind leider selten dabei, die könnten ruhig häufiger vorbeischauen.

 

Ihre Familie ist seit Jahrzehnten mit Untereisesheim verbunden. Wie sehr schmerzt Sie, dass mancher nur noch hier wohnt, sich aber nicht in der Gesellschaft der Gemeinde einbringt?

Kolb: Es ist der Lauf der Zeit, daran kann man nichts machen. Beide Partner sind heutzutage meist berufstätig. In meiner Kindheit arbeitete meist nur der Ehemann, die Ehefrau blieb daheim.

 

Als Bäcker gehören Sie zu den ersten, die in Untereisesheim aufwachen. Wann endet denn für Sie ein Tag?

Kolb: Ich bleibe recht lange wach. Um 22 Uhr abends gehe ich ins Bett.

 

Reichen Ihnen drei Stunden Schlaf?

Kolb: Nachmittags schlafe ich auch nochmal zwei Stunden.

 

Haben Sie ein Abendritual?

Kolb: Ich schließe alles ab.

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