In aller Herrgottsfrühe klingelte der Wecker
Luise Knöll war 45 Jahre lang Austrägerin der Heilbronner Stimme in Talheim. In schneereichen Wintern war sie mit dem Schlitten unterwegs

„Ich war nie eine Frühaufsteherin“, gibt Luise Knöll lachend zu. Dabei musste sie 45 Jahre lang mitten in der Nacht aus den Federn, um ihrer Arbeit nachzugehen. Sie war Austrägerin der Heilbronner Stimme in ihrem Heimatort Talheim. Viele schöne Erinnerungen hat sie an diese lange Zeit.
Frische Luft „Ich habe das furchtbar gerne gemacht“, blickt die heute 81-Jährige zurück. An der frischen Luft und in Bewegung zu sein, das zählt sie als Vorteile ihrer Dienstleistung auf. „Ein Sportstudio gab es damals noch nicht.“ Und so war das Austragen der Zeitung für sie der ideale Frühsport, der sich mit Haushalt und den drei Kindern vereinbaren ließ. Wenn du morgens ohnehin spazieren gehst, dann kannst du auch Zeitungen mitnehmen, habe ihr ihre Vorgängerin damals gesagt.
Damals war noch die Unterschrift des Ehemanns nötig
Knöll hat sogar noch ihren Anstellungsvertrag. „Den hat mein Mann unterschreiben müssen“, erzählt die gebürtige Talheimerin. Denn 1970 war es einer Frau nicht gestattet, ohne die Unterschrift des Ehemannes zu arbeiten.
„Ich hatte einen ganz wunderbaren Bezirk“, meint Knöll zu ihrem Einsatzgebiet, dem Hundsberg, einer schön gelegenen Gegend. Den Bezirk hat sie auch nicht aufgegeben, als die Familie in den 90er Jahren von der Schlossstraße ins Wohngebiet „Mühläcker“ zog.
Um 3.15 Uhr klingelte bei der dreifachen Mutter der Wecker. Eine Viertelstunde später machte sie sich auf den Weg. In den Anfangsjahren wurden die Zeitungsbündel noch vor die Haustür geliefert. Bis zu eineinhalb Stunden dauerte ihre Tour von Briefkasten zu Briefkasten. Als die Zahl der Abonnenten zunahm und ihr Mann Heinz in Ruhestand ging, teilte sich das Ehepaar die Tour auf.
Bei Glatteis mit Spikes unterwegs
Bei Wind und Wetter sind die Austräger unterwegs. „Wir waren gerüstet“, sagt Luise Knöll, nur selten sei sie richtig nass geworden. Und in harten Wintern, bevor sie Spikes bekam, zog sie Wollsocken über die Schuhe. Ein probates Mittel gegen Glatteis. Wetterunbillen machten ihr nie etwas aus. Als in einem Jahr viel Schnee lag, präparierte ihr Mann einen Schlitten, montierte Kisten darauf, so dass seine Frau die Zeitungen problemlos auf den Kufen ziehen konnte.
Luise Knöll schätzte den persönlichen Kontakt zu den Abonnenten. Es passierte schon mal, dass sich ein Fenster öffnete, und sie von einem anderen Frühaufsteher eine Tasse Kaffee angeboten bekam. Die Talheimerin erfüllte auch Sonderwünsche. Bei einem Kunden legte sie die Zeitung unter einem Stein am Küchenfenster ab, bei einem anderen klemmte sie sie hinter das vergitterte Klofenster. „Ich hatte lange eine ältere Dame, die ließ aus dem oberen Stockwerk ein Körbchen runter, in das ich die Zeitung gelegt habe.“ Klar, dass Knöll für ihren Service von Abonnenten Lob und Dank zu Weihnachten bekam. „Bis heute erhalte ich von einer Familie einen Weihnachtsgruß.“
Früher wurde an der Haustüre bezahlt
Früher kassierten die Austräger an jeder Haustür das Geld für das Abo. Auf dieser Extratour bei Tageslicht war dann Zeit für ein Schwätzchen oder einen Likör. „So habe ich meinen ersten Portwein auf einem grünen Plüschsofa getrunken“, erzählt sie lachend. „Oder ich habe mal geholfen, Vorhänge aufzuhängen.“
„Es war ein schöner Zusatzverdienst für die Familie“, meint Knöll, die bis zu ihrer Heirat als Näherin bei Betten Braun in Flein gearbeitet hatte, zu ihrem Austrägerdasein. Zwar ist sie auch heute noch viel an der frischen Luft, aber morgens ist ausschlafen angesagt.
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