Vom Modebusiness in die Milchverarbeitung
Lange Jahre war Karin Reuther-Gruschka in der Textilbranche zu Hause und bereiste die Welt. Dann veränderte sich durch eine Fernseh-Reportage ihr Leben.
Als 2010 im Fernsehen eine Reportage über Hofmolkereien lief, war es um Karin Reuther-Gruschka geschehen. "Wir saßen zusammen auf dem Sofa und meine Frau sagte: Das ist es", erinnert sich ihr Ehemann Sven Gruschka an den zukunftweisenden Fernsehabend. Da war die Idee, auf dem Aussiedlerhof des Milchviehbetriebs von Reuther-Gruschkas Bruder Bernd eine hofeigene Molkerei aufzubauen, geboren. Zwar ist die Marlacherin auf einem Bauernhof aufgewachsen, aber ihr beruflicher Weg hatte sie zunächst in eine ganz andere Branche geführt.
Karriere im Modebusiness
Reuther-Gruschka ist nämlich Textilbetriebswirtin und hat lange Jahre in der Modeindustrie gearbeitet. Schon während ihrer Ausbildung zur Industriekauffrau, die sie in den 1990er Jahren bei einem Stuttgarter Strumpfhersteller absolvierte, war es für sie klar: "Ich wollte genauso viel über Textilien wissen wie mein damaliger Arbeitskollege, der für die Kollektionen zuständig war."
1994 begann die heute 50-Jährige im bayrischen Münchberg ihre Ausbildung zum Textilbetriebswirt. Danach arbeitete sie an bei einer Modefirma des gehobenen Preissegments. Bis ein attraktives Jobangebot bei einer Künzelsauer Modefirma sie wieder zurück in ihre Heimat lockte. Zusammen mit Ehemann Sven Gruschka, der in derselben Branche tätig ist.
Regelmäßig war die Produktentwicklerin fortan für ihren Künzelsauer Arbeitgeber in Indonesien, Hongkong oder auf Mauritius unterwegs: zeigte sich für Prototypen der Kollektionen verantwortlich und suchte für diese Stoffe sowie Zutaten aus.
Unterstützung von der Familie
Als 2012 ihre Abteilung nach Hongkong verlegt wurde, hatte Reuther-Gruschka zusammen mit Ehemann Sven schon zahlreiche Hofmolkereien besichtigt und sich über die Weiterverarbeitung von Milch kundig gemacht.
"Einen Milchviehbetrieb und eine Hofmolkerei zu betreiben, dafür reicht ein Arbeitstag gar nicht aus", hat Reuther-Gruschka bald festgestellt. Ein Glück, dass die Familie hinter ihr stand. Alle waren begeistert von der Idee, dass ein Teil der Milch, die im landwirtschaftlichen Betrieb des Bruders produziert wird, zu Joghurt verarbeitet wird.
Und das hieß anfangs, sich intensiv mit der Materie zu befassen und vor allem Entwicklungsarbeit zu leisten. Denn Reuther-Gruschka wollte alles richtig machen. Erst galt es die hohen Auflagen zu erfüllen, die die Weiterverarbeitung von Milch erfordert und dann ein attraktives Produkt zu entwickeln.
Als Test-Verkoster der Joghurt-Zubereitungen wurde die Marlacher Dorfbevölkerung auserkoren. Immer wieder wurde die Milchzubereitung, die ohne die industriell üblichen Verdickungsmittel auskommt, optimiert. Über die Ladentheke ging in dieser Zeit kein einziger Joghurtbecher. Irgendwann hätte sogar das Veterinäramt gesagt: "Jetzt ist aber gut; fangen Sie endlich mit dem Verkauf an", erinnert sich Reuther-Gruschka und lacht. Das war 2014.
In direkter Nachbarschaft zu den Kühen
Während rund 100 Kühe auf dem Marlacher Aussiedlerhof im Boxenlaufstall sich die Zeit mit Fressen, Wiederkäuen und Liegen vertreiben oder unter der stalleigenen Rinderdusche den feinen Sprühnebel genießen, kontrolliert Reuther-Gruschka in ihrem Molkereibetrieb Milchhandwerk Marlach (MHM) gegenüber vom Kuhstall den PH-Wert des Joghurts, der im Pasteur vor sich hinreift, schreibt Angebotslisten, druckt Etiketten für die Joghurtbecher oder erledigt die Buchhaltung. Karin Reuther-Gruschkas Arbeitstage sind lang.
Via Selbstbedienungs-Hofladen, Einzelhandel, Gastronomie oder Kantine finden die MHM-Joghurts in vielfältigen Geschmackssorten mittlerweile zu ihren Konsumenten. Und hat sie die Entscheidung, in das Milchgeschäft einzusteigen je bereut? "Immer wenn ich positive Resonanz meiner Kundschaft bekomme, sage ich mir: du hast schon alles richtig gemacht", meint die Schöntalerin.

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