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Oedheim
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Für einige ist Oedheim kein Wohnort, sondern eine Liebe fürs Leben

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Manch einer hat sein Herz an die Gemeinde am Kocher verloren. Begegnungen am Fluss, im Ziegenstall oder im Café machen klar, weshalb das so ist.

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Oedheim ist keine abgeschottete Welt, obwohl der Ort am Kocher - glücklicherweise - abseits vom Hauptverkehr zwischen Bad Friedrichshall und Neuenstadt liegt. Stattdessen fließt der Kocher behäbig durchs Tal, zerschneidet den Ort aber einer Straße gleich in den alten Teil und jenen, den alle das Neudorf nennen. Einzige Verbindung ist die Kocherbrücke. Die wird auch rege genutzt, denn was es fürs tägliche Leben bedarf, ist auf beide Seiten verteilt.

Schon die Kinder gehören zu den Grenzgängern

Zu den Grenzgängern gehören schon die Jüngsten. Um in die Schule zu kommen, queren viele im morgendlichen Berufsverkehr den Kocher. "1,8 Kilometer Schulweg sind nicht von Pappe. Das ist mit Bauchschmerzen verbunden", beschreibt Isabell Bergmann die Situation, während sie darauf wartet, dass ihr jüngerer Spross aus dem Kindergarten kommt. "Aber sie gehen als Laufgemeinschaft, und man muss halt irgendwann loslassen."

Loslassen fällt hier ein bisschen leichter

Kleinod: Im Bautzenschloss mitten im Ort können Brautpaare Hochzeit feiern.
Kleinod: Im Bautzenschloss mitten im Ort können Brautpaare Hochzeit feiern.  Foto: Tschürtz, Andreas

Dass man das hier kann - loslassen -, diesen Eindruck macht Oedheim durchaus: mit seinen vielen Gässchen abseits der Hauptstraße, dem schmucken Bautzenschloss, den Gärten am Fluss, in denen Gänse, Hühner und Enten ein gutes Leben führen dürfen. So will Isabell Bergmann auf ihren Ort auch nichts kommen lassen. Von Oedheim fortzuziehen, das fiele der jungen Mutter nicht im Traum ein. "Mir gefällt es hier. Und mit Kindern ist es ideal. Kinderbetreuung gibt es genug. Durch die Kernzeit der Schule lässt sich die Arbeit gut regeln. Und Vereine hat es jede Menge. Also ich bin wunschlos glücklich." Eine Aussage, die an diesem Tag so oder ähnlich noch öfters zu hören sein wird.

Der Ort hat eine gute Infrastruktur

Morgen wird selbst gekocht: Die jungen Helfer befördern die Lebensmittel dafür in den katholischen Kindergarten Sankt Elisabeth. Fotos: Andreas Tschürtz
Morgen wird selbst gekocht: Die jungen Helfer befördern die Lebensmittel dafür in den katholischen Kindergarten Sankt Elisabeth. Fotos: Andreas Tschürtz  Foto: Tschürtz, Andreas

Etwa von Evelyne Gottselig, die mit inzwischen einem Dutzend Eltern vor dem katholischen Kindergarten Sankt Elisabeth auf ihren Enkel wartet. Dass ihre Tochter in den Quittenbusch, das große Neubaugebiet oben am Hang, gezogen ist, freut die Seniorin. "In den 70ern gab es keine Bauplätze. Also mussten wir fort. Aber meine Tochter ist zurück, und das freut mich ganz arg." Denn im Herzen sei sie Ur-Oedheimerin geblieben, und der Ort sei gut aufgestellt mit Kindergärten, Schule, Ärzten, Edeka und Penny. Sogar ein großes Modehaus, den Müller, gibt es. "Für Familien ein gutes Pflaster. Und Oedheim liegt zentral zu Bad Friedrichshall, Heilbronn, und Neuenstadt. Es ist alles da."

Erzieherinnen schätzen die aktiven Eltern

Und dann kommen sie endlich herausgestürmt, die Kleinen. Mit großem Hurra und Hallo! Für Eva Renz bedeutet das: Mittagspause. Zeit für einen Kaffee. Seit 25 Jahren arbeitet die Erzieherin hier. "Sehr gerne", sagt sie, denn sie erlebe eine aktive Elternschaft, die hilft, sich abspricht und stets mitmacht, wenn es darum geht, im Kindergarten etwas auf die Beine zu stellen. "Das ist so, seit ich hier bin. Es ist immer ein Miteinander. Das macht das Arbeiten hier sehr schön." Und es zeigt, wie aus Vielfalt etwas Gemeinsames werden kann, wenn alle das wollen. Denn die Herkunftsfamilien der 23 Kinder ihrer Gruppe sind so unterschiedlich wie die Farben von Pippi Langstrumpfs Villa Kunterbunt. "Ich habe deutsche, syrische, rumänische, albanische, türkische Kinder - aber es klappt. Auch beim Gottesdienst sind alle mit dabei."

In der Au hat der Kanuclub sein Zuhause

Treffpunkt nach dem Kindergarten sind die Spielplätze. Oder die Tiere unten in der Au. Dort hat auch der Kanuclub Oedheim sein Zuhause. Die verkohlten Holzreste vom Dreikönigsfeuer, ein Fest, mit dem sich der Verein die Kasse aufbessert, liegen noch herum. Klaus Balschus, zweiter Vorsitzender, macht Ordnung. Wie es ist, so ein Leben mit dem Fluss? "Meine Frau sagt: 'Warum wohnen wir nicht hier am Fluss?'", antwortet der 68-Jährige. "Da sage ich: ,Das ist so lange gut, bis Hochwasser kommt.'" Und das bringt der Kocher immer wieder. "Unser Bootskeller ist fast jeden Winter voll Wasser, mitunter bis unter die Decke."

Oedheim und der Kocher − Klaus Balschus vom Kanuclub liebt den Sport auf dem Wasser und in der Natur.
Oedheim und der Kocher − Klaus Balschus vom Kanuclub liebt den Sport auf dem Wasser und in der Natur.  Foto: Tschürtz, Andreas

Im Sommer dagegen sei es wunderbar hier. "Der Kocher ist schnell warm, die Strömung durch das nahe Wehr moderat, und tief ist es auch nicht. Wir schwimmen oft beim Training." Auch andere Oedheimer räkeln sich an warmen Tagen auf der Wiese des Kanuclubs. "Mit Strandmuscheln und Handtüchern - das ist erlaubt."

Der Stammtisch im Café ist beliebt

Zu jeder Jahreszeit ein beliebter Treffpunkt ist das Café Denzer an der Hauptstraße. Auch heute ist es voll, Senioren aus dem Ortsteil Degmarn treffen sich zum Stammtisch. "Das lässt sich gut mit einem Spaziergang verbinden", sagt Herbert Leinmüller, viele Jahre im Gemeinderat. An einem kleinen Tisch sitzt auch Ralph Walter. Zwar hat der 71-jährige ehemalige Lehrer vergangenes Jahr "Ralphs Retro-Schau" geschlossen, in der er Interessantes und Kurioses aus Oedheim ausgestellt hat.

Ralph Walter im Café Denzer: Statt in "Ralphs Retro-Schau" zeigt er die Ortsgeschichte jetzt auf Facebook.
Ralph Walter im Café Denzer: Statt in "Ralphs Retro-Schau" zeigt er die Ortsgeschichte jetzt auf Facebook.  Foto: Tschürtz, Andreas

Auf Facebook setzt er sich aber weiter mit dem Ort auseinander, in den er nicht gewollt, wohin ihn das Oberschulamt aber 1969 beordert hatte und den er schließlich, erst als Autor für die Heilbronner Stimme, dann als umtriebiger Heimatkundler, "kennen und lieben" lernte. Ich habe Oedheimer gefunden, in allen Epochen, die etwas Bedeutendes zustande gebracht haben." Etwa den mittelalterlichen Medicus Cyriacus Augustinus Ochs oder Franz Mosthav, den Begründer der Badischen Landesbühne. Playmate und Internet-Livestrip: Auch das gab es einmal in Oedheim.

Oedheim war einmal eine Ziegenhochburg

Zu den Besonderheiten Oedheims zählt seine Vergangenheit als Ziegenhochburg des Unterlands. Wenngleich diese Hochzeit ebenso Geschichte ist wie der bäuerliche Charakter der Wohngemeinde. Den Strukturwandel hautnah erlebt hat Stefan Funk, mit seinem Bruder zusammen letzter Ziegenzüchter des Orts. Eingekastelt von den Blöcken moderner Geschossbauten liegt der Stall in dem im Vergleich winzigen alten Haus verloren da. Das war mal anders.

Leben in der Bude: Die Bunte Deutsche Edelziege Sophie von Stefan Funk hat Nachwuchs bekommen.
Leben in der Bude: Die Bunte Deutsche Edelziege Sophie von Stefan Funk hat Nachwuchs bekommen.  Foto: Tschürtz, Andreas

"Hinter unserem Grundstück gab es eine Gärtnerei. Hier war ein Bauernhof, dort war einer, da drüben einer und die Straße runter auch überall." Ob es gut ausgeht mit den neuen Nachbarn? "Ich hoffe es. Und dass niemand sich beschwert, wenn die Ziege schreit, weil sie zum Bock will." Der ist aber schon ausgelagert. "Weil es ja immer enger wird und die Böcke ein gewisses Düftchen haben."

Mit dem Wohlstand ging die Ziege

So steht auch die Züchter-Zukunft im 114. Jahr nach Gründung des Ziegenzuchtvereins durch den Großvater auf tönernen Füßen. "Nach dem Krieg, da hat hier fast jeder Ziegen gehalten", sagt der 57-Jährige. Mit dem Wohlstand ging die Ziege, und der Städter ist gekommen. "Das macht ja auch Sinn. Der Ort würde ausbluten", sagt Funk. Und gefallen täte es ihm hier schon auch noch. "Im Ort gibt es viele Gässchen. Am Steinbruch habe ich Bienen. Und auf dem Radweg kannst du entlang des Kochers und des Neckars fahren, wie du willst. Ich liebe Oedheim. Ich würde hier nie wegziehen."

Noch so einer, der sein Herz an Oedheim verloren hat. Es muss wohl was dran sein.

 
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