Erzählkunst aus Oedheim
Die Erzählkünstlerin Eva-Maria Dannbacher-Frei macht Liebevolles, Skurriles, Nachdenkliches oder Spannendes lebendig.

Die Geschichten, die Eva-Maria Dannbacher-Frei erzählt, fallen unterschiedlich aus: feinsinnig oder skurril, liebevoll oder spannend. Zum Lachen, Staunen, Kopfschütteln oder Nachdenken. Ein Ziel verfolgt sie jedoch stets mit dem lebendigen Vortrag: Die Erzählungen sollen das Kino im Kopf anregen und die Zuhörer auf eine literarische Reise mitnehmen. In Anklang an die freie mündliche Tradition, die schon die höfischen Dichter des Hochmittelalters, die bunte Gesellschaft in Boccaccios "Il Decamerone" oder Dorothea Viehmann als verlässlichste Quelle der Bruder Grimm pflegten. Eine ihrer Lieblingsgeschichten stammt von Siegfried Lenz: "So war das mit dem Zirkus". Sie erzählt das Stück im nordbadischen Dialekt.
Eine besondere Kraft
Geboren wurde die 63-Jährige in Bretzingen im Neckar-Odenwald-Kreis rund 19 Kilometer von Tauberbischofsheim entfernt. "Wenn ich diese Geschichte in meiner Sprache erzähle, bekommt sie eine besondere Kraft", sagt sie.
Auch im Hochdeutschen bewegt sich die Oedheimer Erzählkünstlerin, die durch die Liebe 2010 ins Kochertal kam, stilsicher. Geschichten des syrisch-deutschen Schriftstellers Rafik Schami gehören zu ihrem Repertoire. Die Indianergeschichte "Zwei alte Frauen" von Velma Wallis, die den Wert überlieferten Wissens unterstreicht und beim 85. Geburtstag der Mutter zum Vortrag kam, hat nicht nur den betagteren Gästen gefallen. Ray Bradburys futuristischen Roman "Fahrenheit 451" hat sie auf 15 Erzählminuten eingedampft. Die besondere Herausforderung: "Es muss trotzdem spannend und logisch bleiben." Dabei denkt sie auch an die Emotionen der Zuhörer. So hat sie dem "Robbenweibchen" einen verträglicheren Schluss verliehen. Statt im Selbstmord des Originals endet ihre Erzählung mit Treffen während der Raunächte.
Blickkontakt und Interaktion
Ein Leitfaden der Geschichte, manchmal sogar als Storyboard mit Bildern, hilft ihr, um sich vom geschriebenen Text zu lösen. Mimik, Gestik und Intonation, Blickkontakt und Interaktion mit den Zuhörern spielen eine entscheidende Rolle, um sie zu fesseln. Stets in Variationen: "Ich kann eine Geschichte zehnmal erzählen und jedes Mal ist sie ein bisschen anders."
Das Rüstzeug hat sie bei der Münchner Goldmund-Erzählakademie erlernt. Ein Jahr lang von Donnerstag bis Sonntag: "2014 wurde ein Kurs in Würzburg angeboten", erinnert sie sich an den Lehrgang unter Leitung von Dr. Norbert Kober. Intensive Wochenenden, Hausaufgaben und eine Art Prüfung am Ende gehörten dazu. Dabei ging es um die Erzählkunst und wie aus Papier Mündlichkeit wird, um Erzählpädagogik und dialogisches Erzählen mit und für Kinder, um kreatives Schreiben, Schauspiel und Improtheater ebenso wie um die Selbstvermarktung und Planung eigener Veranstaltungen. Andere Kompetenzen, als es ihr Beruf, Medizinisch-Technische-Assistentin, erforderte, waren gefragt.
Netzwerk
Der regelmäßige Besuch bei Goldmund-Repertoire- und Erzähltagen sowie das Netzwerk mit Erzählfreunden bei Weikersheim bieten ihr die Möglichkeit, neue Geschichten kennenzulernen, zu entwickeln und in der Kleingruppe vorzustellen. Austausch und gegenseitige kollegiale Beratung sind ihr sehr wichtig: "Auch für mich als Erzählerin setzen sich Weiterbildung und Lernen fort."
Rund 40 Mal stand Eva-Maria Dannbacher-Frei vor Publikum. Das Lampenfieber ist geblieben. "Gut so, weil es Adrenalin freisetzt", sagt sie, das fördere die Konzentration. "Wenn die ersten drei Sätze stehen, wird es ein Selbstläufer." Auslöser für die neue Herausforderung war eine schwere Erkrankung 2012, die viel Zeit zum Nachdenken bot. Und dann gab es noch diese Aufforderung von Enkelin Milla: "Oma, sag's nochmal so". Auch mit Enkel Johan (8) sind schon eigene Geschichten entstanden.
Für kleine und große Zuhörer den Pfad in eine andere Welt zu bereiten, ist ihr leidenschaftliches Anliegen: "Es macht einfach Spaß, wenn sie am Ende sagen, dass sie dadurch in eine andere Welt abgetaucht sind."
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