Niedernhall als inspirierendes Kleinod am Kocher
Ein Spaziergang an einem sonnigen Spätsommertag führt weit in eine teils düstere Vergangenheit der Stadt im Hohenlohekreis und zu einem strittigen Zukunftsprojekt.

Gisela und Georg Wolpert fahren an diesem Spätsommernachmittag auf der Landstraße 1045 durch Niedernhall. An der Kreuzung zur Hauptstraße muss das Ehepaar aus Wertheim halten, hat also kurz Zeit, den Blick schweifen zu lassen. Die beiden sehen die mit Blumen verzierte Brücke über den Kocher, das reich verzierte Götzenhaus (an dem morgens noch die Spinnweben entfernt wurden), den Turm der Laurentiuskirche, die mittelalterliche Stadtmauer. "Da haben wir spontan beschlossen, abzubiegen und uns den Ort mal näher anzuschauen", sagt Gisela Wolpert.
Schon die Anreise ist ein kleines Abenteurer im Terra Incognita
Keine Frage, die Niedernhaller Altstadt ist ein sehenswertes Kleinod und entschädigt auch den aus Heilbronn angereisten Redakteur für die leicht abenteuerliche Anfahrt. Mit Verlassen der A6 beginnt für den Unterländer ja praktisch Terra Incognita. Im konkreten Fall schon wenige hundert Meter nach der Autobahnabfahrt.
Da die Ortsdurchfahrt Kirchensall noch bis Ende des Jahres gesperrt ist, leitet das Navi über Emmertshof, Tiergarten und Langensall um. Tiergarten? Diesen zu Kirchensall gehörenden Weiler kennt nicht einmal Niedernhalls Bürgermeister Achim Beck, vermutet aber gleich, dass die Fahrstrecke nicht in allen Abschnitten über legale Wege geführt habe.
Bevor es jedoch im Rathaus zur Zufallsbegegnung mit dem Stadtoberhaupt kommt, fällt noch vor der Ortsgrenze das erste Wahrzeichen Niedernhalls ins Auge: der Wasserturm Giebelheide. Erinnerungen an einen Termin aus dem Jahr 2012 werden lebendig. In der Reihe "Spaß am Sport" ging es damals mit dem Lauftreff am Wasserturm auf eine Joggingrunde. "Luft ohne Ende" lautete der Titel der Geschichte. Sie war der Auslöser dafür, das eigene Lauftraining zu intensivieren. Ob Niedernhall auch heute wieder inspirierende Menschen zu bieten hat?
Ein Raum voll mit Arbeitsgeräten und Fledermäusen
Die erste Anlaufstelle ist das Heimatmuseum im Rathaus. Ein Spontanbesuch ist kein Problem. Sabine Herz schließt die Tür im Dachgeschoss auf, knipst das Licht an. "Nicht erschrecken, wir haben Fledermäuse hier", warnt die Stadtmitarbeiterin. Die lassen sich jedoch vom einzigen Besucher an diesem Tag nicht wecken.

"Unangemeldete Besichtigungen sind sehr selten. Normalerweise laufen hier nur Stadtführungen und Schulklassen durch", erklärt Herz. Der Raum ist voll mit Alltagsgegenständen und Arbeitsgeräten aus den vergangenen 150 Jahren, vom Butterfass bis zum Dreschflegel. "Ich finde es interessant, zu sehen, wie schwer die Menschen früher arbeiten mussten", sagt Herz. Angesichts der massiven Holzschlitten dürften selbst Freizeitvergnügungen mit schweren körperlichen Anstrengungen verbunden gewesen sein.
Neig'schmeckter bleibt man für immer
Als solche empfindet Hartmut Schneider seine Gartenarbeit nicht. Direkt an der Stadtmauer beim Säuturm vermietet die Stadt Parzellen, der 82-Jährige sitzt in blauer Latzhose und mit einem Strohhut auf einem kleinen Hocker und harkt. "Das Bücken geht nicht mehr so gut wie früher." Drei Jahrzehnte hat Schneider in einer Gärtnerei gearbeitet. Er kennt sich also aus. Jetzt geht es aber nicht mehr um Ertrag, sondern um eine sinnvolle Beschäftigung. "Hier habe ich eine schöne Aufgabe, um ein, zwei Stunden des Tages rumzubringen."
Seit 60 Jahren wohnt er in Niedernhall. "Ich bin trotzdem ein Neig'schmeckter. Das bleibt man für immer." Schneider stammt aus der Region Danzig, flüchtete im Winter 1945 mit der Mutter und drei Geschwistern vor der Roten Armee Richtung Westen. Obwohl die Ereignisse 75 Jahre zurückliegen und er ein kleiner Junge war, erinnert er sich gut, erzählt lebendig. Inmitten des Gartenidylls an der Stadtmauer erwacht eine düstere Vergangenheit.

"Der Boden war so hart gefroren, dass die Toten einfach liegengelassen wurden." Unwillkürlich geht der Blick auf die geharkte Erde unter seinen Füßen. "Manchmal sind wir in den Wald geflüchtet, damit uns die Tiefflieger nicht erwischten." Der Himmel leuchtet blau über Niedernhall. "Wenn wir Glück hatten, durften wir bei einem Bauern in einer Scheune übernachten. Da war man zumindest vor dem Erfrieren sicher." In Niedernhall herrschen an diesem Tag 28 Grad - plus.
Gartenarbeit führt die Familie wieder zusammen
Die vier Kriegsflüchtlinge wurden schließlich einem Bauern in der Nähe von Hamburg zugewiesen. "Meine Mutter kannte sich in Garten- und Landwirtschaft aus, war auf dem Hof schnell eine wertvolle Hilfe." Die Pflanzenaufzucht brachte die Familie schließlich 1948 wieder zusammen. Der Vater hatte nach der Kriegsgefangenschaft in Belgien eine Anstellung in einer Gärtnerei bei Schloss Stetten gefunden.
Mit dem Zug reiste die Familie von Hamburg gen Süden. "Hamburg war noch immer eine Trümmerwüste. Ich war überrascht, dass die Gleise soweit instand gesetzt waren, dass wir innerhalb eines Tages in Künzelsau angekommen sind." Die Stadtmauer in Niedernhall steht seit dem 14. Jahrhundert. Hier baute sich Hartmut Schneider ab 1960 sein Leben auf.
Zwei kleine Kastaniensammler bekommen Konkurrenz
Wo sich Sirius und Falk einmal ein Leben aufbauen werden, wissen sie natürlich noch nicht. Die beiden Jungs sammeln am Kocher Kastanien. "Zum Basteln", wie die Oma verrät. Das erste Säckchen ist bereits proppenvoll. Schnell rennen die beiden los, um sich einen neuen Hundekotbeutel abzureißen und mit Kastanien zu füllen.

Tempo ist angesagt, denn inzwischen ist eine konkurrierende dreiköpfige Sammelgruppe gleichen Alters eingetroffen. "Die Jahreszeiten haben sich um vier Wochen nach vorne verschoben. Kastanien waren früher erst Ende September reif", weiß die Oma.
Neubauprojekt Kelterareal hat nicht nur Freunde
Niedernhall scheint ein guter Ort zum Aufwachsen und Großwerden zu sein. Zum Bewahren und Erhalten. "Drehen Sie sich in der Altstadt mal um. Ich behaupte, egal wo Sie sich befinden, Sie werden ein Fachwerkgebäude sehen", behauptete Bürgermeister Beck beim kurzen Plausch in der Stadtverwaltung. Ausgerechnet in Spuckweite des historischen Rathauses gilt das womöglich bald nicht mehr.
Auf dem Kelterareal entstehen vier Mehrfamilienhäuser mit 19 Eigentumswohnungen. Trotz umfangreicher Bürgerbeteiligung gibt es immer noch kritische Stimmen zu dem Projekt. Beispielsweise, dass sich entgegen der offiziellen Verlautbarungen gerade junge Familien die neuen Wohnungen sicher nicht leisten könnten. Ob das Areal am Ende wirklich ins Gesamtgefüge passt, wird sich wohl erst nach der Fertigstellung 2021 zeigen.
Die Wolperts jedenfalls bereuen ihre Stippvisite nicht. "Allein für das romanische Eingangsportal der Kirche hat es sich gelohnt", sagt Georg Wolpert. Selbstredend möchte sich das Touristen-Paar auch dort fotografieren lassen.

Stimme.de
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