Hier wird noch selbst geschlachtet
Chris Obenland führt die gleichnamige Metzgerei und das Gasthaus Stern in Neckarwestheim in der dritten Generation. Schon früh musste er Verantwortung übernehmen. Mutter und Tante sind immer an seiner Seite.

Chris Obenland ist "im Betrieb aufgewachsen". Dass er ihn aber schon im Alter von 19 Jahren übernehmen würde, gerade frisch von der Meisterschule, hätte er niemals gedacht. "Es stand auf der Kippe. Mache ich das?", blickt Chris Obenland auf die Zeit zurück, als bei seinem Vater eine tödliche Krankheit diagnostiziert wurde. Mit Mutter Stefanie und Tante Gudrun an seiner Seite ist es geglückt. Er führt die Neckarwestheimer Metzgerei samt zugehöriger Gaststätte Stern (früher Rössle) in der dritten Generation.
"Wir haben Chris das offengelassen. Es war seine Entscheidung", betont Stefanie Obenland. "Zu den Zeiten meines Mannes war das anders. Er und Gudrun sind da reingestellt worden."
Helmut Obenland gründete den Betrieb 1953
Der Vater der beiden Geschwister, Helmut Obenland, hat den Betrieb im Jahr 1953 gegründet und zusammen mit seinem Sohn Rolf bis 1990 geführt. "Nach dem Krieg waren Metzger heiß begehrt", berichtet Chris Obenland von den Anfängen. Da sein Opa aus einem landwirtschaftlichen Betrieb stammte, hielt er eigene Mastbullen und -schweine. 1965 baute er schräg gegenüber neu.
Die Tradition wird gepflegt in der Familie Obenland. Die Konkurrenz vom Discounter am Ortsrand fürchten sie nicht. Bis heute wird selbst geschlachtet. Das Vieh stammt zwar nicht mehr aus eigener Haltung, kommt aber von einem Schweinemastbetrieb aus Ilsfeld. "Das sind fünf Minuten Anfahrtszeit. Wir legen besonderen Wert auf stressfreie Schlachtung", sagt Chris Obenland.

Vieles ist noch so, wie es Opa und Papa gemacht haben: Montags wird geschlachtet. Im Laden gibt es dann frische Innereien und dienstags in der Gaststätte Schlachtplatte. Mittwoch ist Maultaschentag. Und vor allem: "An den Rezepten für die Wurst habe ich gar nichts verändert, die Gewürze sind immer noch die gleichen", betont der Chef von 19 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. "Sonst kommt die Kundschaft und sagt, es schmeckt nicht mehr."
Tradition ist nicht gleichbedeutend mit Stillstand
Die Zeit ist aber nicht stehen geblieben. War früher alles noch Handarbeit, machen Maschinen heutzutage vieles leichter. Während Rolf Obenland noch seinen eigenen Wein fürs Gasthaus hergestellt hat, sind die Weinberge inzwischen verpachtet. Und ganz aktuell denkt Chris Obenland darüber nach, den Laden umzubauen.
Den managt seine Mutter Stefanie. Aus Pfaffenhofen kam die gelernte Fleischereifachverkäuferin als junge Frau nach Neckarwestheim, um eine Stellung in der Metzgerei Obenland anzutreten. "Und dann bin ich dageblieben", meint sie augenzwinkernd. Der Verkauf ist genau ihr Ding. "Der persönliche Draht zu den Kunden ist besonders wichtig", sagt die 47-Jährige.
Erfahrung im Gasthaus und am Verkaufstresen
Den Großteil kennt sie sowieso. Und wenn nicht, fragt sie nach, da ist sie unerschrocken. "Das macht den Ort aus. Man muss wissen, wo die Leute herkommen", findet Stefanie Obenland. "Die Stammkunden mögen es auch, wenn der Chef mal wieder persönlich am Verkaufstresen steht." Oder sie fragen nach der Oma, Ottilie Obenland, die bis vor zehn Jahren regelmäßig mit im Laden stand. Bis vor Corona kam die 91-Jährige noch einmal täglich zum Spülen ins Gasthaus.
In Corona-Zeiten ist das Gasthaus Stern zwar geschlossen. Aber viele Stammkunden holen sich täglich ihren Mittagstisch ab. Wer möchte, bekommt das Essen auch nach Hause geliefert. "Wir wussten nicht, ob das angenommen wird. Aber die alten Leute sind froh darüber", sagt Stefanie Obenland.
Der "Stern" mit seinen 35 Sitzplätzen ist die Domäne von Gudrun Hetzel. "Mit fünf Jahren habe ich angefangen, zu bedienen", erzählt die 60-Jährige. Sie konnte zwar noch nicht rechnen, aber schon Zahlen aufschreiben. "Die Gäste mussten dann alles zusammenzählen." Sie ging anschließend zum Vater in die Küche, der das Ergebnis überprüfte. Neulich sei ein Gast gekommen, der so einen Zettel aufgehoben hat, freut sich Gudrun Hetzel. "Manche Gäste kennen mich von klein auf. Das war immer mein Leben. 55 Jahre hat hier nie jemand außer mir bedient."

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