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Wie das Bauerndorf Böckingen zum größten Stadtteil Heilbronns wurde

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Böckingen hat immer von Zuwanderung gelebt. So wurde das einstmalige Dorf zum größten Heilbronner Stadtteil mit heute mehr als 23.000 Einwohnern. Dennoch hat sich der Ort einen eigenwilligen Charakter bewahrt. Die Böckinger sind ein ganz besonderer Menschenschlag.

von Helmut Buchholz
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Die Neue Mitte: Hier soll Alt- und Neu-Böckingen zusammenwachsen. Das Einkaufs- und Verwaltungszentrum verkörpert den städtebaulichen Aufbruch.
Die Neue Mitte: Hier soll Alt- und Neu-Böckingen zusammenwachsen. Das Einkaufs- und Verwaltungszentrum verkörpert den städtebaulichen Aufbruch.  Foto: Berger, Mario

Wer verstehen will, wie die Böckinger ticken, muss sich ihre Geschichte vergegenwärtigen. Denn der nach der Kernstadt mit heute mehr als 23.000 Einwohnern größte Heilbronner Stadtteil mit seinem Multi-Kulti-Image fing ganz klein an - als Bauern- und Wengerterdorf. Wenn es eine Konstante in der Geschichte des Ortes gibt, dann die der stetigen Zuwanderung. Das ist es, was den Ort bis heute ausmacht, ihm seinen ganz eigenen Charme verleiht.

Ländliche Idylle paart sich mit urbanem Flair

Es gibt noch die ländliche Idylle auf den Äckern vor den Toren des Ortes, wo die Bauernfamilien mit alten Böckinger Stammbäumen leben und wo das größte Fest des Stadtteils im Hochsommer stattfindet: das Schützhüttenfest der Geselligkeit Böckingen. Da ist aber auch das urbane Flair mit seinem bunten Kulturenmix, etwa in der Ludwigsburger Straße in Alt-Böckingen, wo sich viele Döner-Imbisse und andere Lokale aneinander reihen.

Die Ludwigsburger Straße in Alt-Böckingen versprüht urbanes Flair mit ihrem bunten Kulturenmix. Hier reiht sich Lokal an Lokal.
Fotos: Mario Berger
Die Ludwigsburger Straße in Alt-Böckingen versprüht urbanes Flair mit ihrem bunten Kulturenmix. Hier reiht sich Lokal an Lokal. Fotos: Mario Berger  Foto: Berger, Mario

Böckingen hat es immer verstanden, die Fremden, die neu hinzukommen, zu einem großen Ganzen zu vereinen - und dabei seinen Charakter zu behalten. Zwischen 1820 und 1920 verzehnfachte sich die Bevölkerung von 1100 auf 11.300. Der Bau der Bahntrasse der Württembergischen Nordbahn zog die Menschen an. Bis heute ist Böckingen eine Eisenbahner-Hochburg mit dem Süddeutschen Eisenbahnmuseum und seinem original erhaltenen Ringlokschuppen und einem rührigen Trägerverein, der dieses historische Kleinod erhalten will.

Weitere Sprünge machte die Bevölkerungszahl zum Beispiel mit den Spätaussiedlern in den 1960er und 70er Jahren, mit denen das neue Wohngebiet auf der Schanz in Neu-Böckingen entstand. Nicht zu vergessen die Gastarbeiter, die Ende der 1960er, Anfang der 70er Jahre ansiedelten.

Die selbstständige Gemeinde wurde unter den Nazis 1933 zu Heilbronn zwangseingemeindet. Peter Lipp, der Enkel des letzten Böckinger Bürgermeisters Adolf Alter, ist Hobbyhistoriker und kennt die ganz speziellen Böckinger Befindlichkeiten. Da sind zum Beispiel die Ressentiments gegenüber den Heilbronnern jenseits des Neckars.


Legendär sind die Fußball-Stadtderbys zwischen der Union Böckingen und dem VfR Heilbronn, die die Stadien füllten und die Rivalität plastisch machten. "Diese Ressentiments sind historisch bedingt", erklärt Lipp. Böckingen sei im Mittelalter ein Herrendorf Heilbronns gewesen. Die Einwohner gehörten zum Besitz der Heilbronner, die Böckinger mussten Frondienste leisten.

Man sagt: Ohne Messer geht der Böckinger nicht aus dem Haus

Schon damals begehrten die berühmt-berüchtigten Böckinger Bauernkriegsführer - Jäcklein Rohrbach und die Schwarze Hofmännin - gegen die Obrigkeit auf. Vielleicht ist es ihr Erbe, das den Böckingern den Ruf beschert, nie ohne Messer aus dem Haus und keinem Streit aus dem Weg zu gehen. "Das ist kein Stereotyp", versichert Lipp. Das stimme wirklich, auch wenn sich diese Markenzeichen mit der Zeit in ihrer Ausprägung etwas verwässern. "Doch noch in meiner Schulzeit war fast immer ein Böckinger dabei, wenn es irgendwo eine Prügelei gab", so Peter Lipp.

Ein Bild wie ein Gemälde: Das Böckinger Original Emilie Mogler fuhr noch bis in die 1970er Jahre hinein mit ihrem Maulesel die Milch im Ort aus.
Foto: Archiv/Hermann Eisenmenger
Ein Bild wie ein Gemälde: Das Böckinger Original Emilie Mogler fuhr noch bis in die 1970er Jahre hinein mit ihrem Maulesel die Milch im Ort aus. Foto: Archiv/Hermann Eisenmenger  Foto: Eisenmenger

Die Böckinger haben jedenfalls immer noch die innere Einstellung, "dass wir bereit sein müssen, uns jederzeit wehren zu können", betont Lipp. Lange hatte der Stadtteil das Gefühl, dass die Heilbronner sie am ausgestreckten Arm verhungern lassen. Mit der dynamischen Entwicklung der Kernstadt hielt Böckingen nicht mit. Dieser Eindruck änderte sich in jüngster Zeit mit dem Millionenprojekt der Neuen Mitte - einem Einkaufs- und Verwaltungszentrum - und der neuen Verkehrslösung am Sonnenbrunnen auf der Bundesstraße 293, das die stauträchtige Hauptverkehrsachse entlasten soll. Hier soll endlich zusammenwachsen, was zusammen gehört: Alt- und Neu-Böckingen.

Sogar ein Neubaugebiet, Länglelter II, soll kommen. Der größte Stadtteil wächst weiter - und hält wie Pech und Schwefel zusammen, wenn es um seine Interessen geht. Das merkt man zum Beispiel auch im Bezirks- und Gemeinderat. Wenn es um Böckingen geht, machen die Räte aus dem Stadtteil über Parteigrenzen hinweg gemeinsame Sache. Typisch Böckingen eben.

 

 
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