Sontheimer Kirchlein wird zum Architekturbüro
Eine neue Nutzung rettet die denkmalgeschützte Methodistenkirche von 1907.

Es ist einer der Zufälle, die Dinge auf den richtigen Weg bringen. Seit Längerem suchte das Architekturbüro Herzog + Herzog in Horkheim nach einem neuen Standort - in einem besonderen Gebäude. Die Idee, eine alte Tabakscheune umzunutzen, ließ sich nicht realisieren. Also erinnerten sich Christoph und Sabine Herzog an die zum Verkauf stehende Methodistenkirche in der Sontheimer Hofwiesenstraße. Die vorherige Interessentin war gerade abgesprungen.
Anbau schafft Platz
Architekt Herzog überlegte nicht lange - vor allem, nachdem ein schmaler Anbau an der Westseite des denkmalgeschützten Sakralbaus möglich war. "Das Stadtplanungsamt und das Denkmalamt haben uns gut unterstützt." Ohne die Erweiterung wäre nicht genügend Platz für das achtköpfige Büroteam gewesen. Mit dem an zwei Seiten verglasten und mit Metall verkleideten schlichten Holzkubus hat das Gebäude 150 Quadrameter: "Genau die richtige Größe für uns."
Weiß statt rustikales Holz
Eine kleine, schwarze Wendeltreppe schafft eine Verbindung in den Keller, der bislang nur von außen zu erreichen war. Der neue Besprechungsraum ist ein Glaskasten, die Kellerwände bleiben sichtbar. Der Kirchenraum mit vier Meter Raumhöhe hat seinen Charme behalten.
Einzig der rustikale Charakter ist verschwunden: Der Holzfußboden ist weiß lackiert, ebenso die steile Holztreppe ins obere Stockwerk und die Dachbalken. Sabine Herzog freut sich über den Blick vom südlichen Giebelfenster auf Sontheimer geschichtsträchtige Bauten wie die Alice-Salomon-Schule und die Villa des Schuhfabrikanten Wolf.
Ziegel bleiben rosa
Von außen nähert sich das Kirchlein aus dem Jahr 1907 wieder mehr seinem ursprünglichen Aussehen an. Das nachträglich angebrachte Vordach ist abmontiert, ebenso der schmiedeeiserne Handlauf. Die Kacheln auf den Stufen werden noch entfernt und mit Stahlblech verkleidet.

Die Ziegel müssen ihren rosafarbenen Anstrich jedoch behalten: "Wir hätten gerne das Ziegelmauerwerk sichtbar gemacht", berichtet Herzog. Doch das Entfernen der Farbe wäre nicht möglich gewesen, ohne die Fassade zu beschädigen.
Architekten lieben schwarz
Eine Zeichnen der Moderne ist der schwarz gestrichene Sockel. Auch die Eingangstüre wird noch schwarz lackiert - in der Lieblingsfarbe vieler Architekten. Der Jägerzaun soll ebenfalls verschwinden.
Die Milchglasscheiben ließ Christoph Herzog ersetzen. Vom Seitenfenster sieht man jetzt auf die katholische Kirche St. Martin - der historische Kern von Sontheim "Auf dem Bau", die ehemalige ummauerte Hofanlage des Deutschen Ordens, ist nur wenige Meter entfernt.
Ehrfurcht vor Denkmal
"Mit dem Umbau können wir auch zeigen, was sich aus einem historischen Gebäude machen lässt", sagen die Herzogs. "Die Kapelle lebt weiter." Schon jetzt erntet ihr Projekt viel Zustimmung und Begeisterung - mehr, als es bei einem Neubau für ihr Büro der Fall wäre.

"Ein Denkmal zu retten, erfordert Ehrfurcht und viel Sensibilität", betont der Planer. Ein Spielcasino-Betreiber hatte sich ebenfalls für den historischen Bau interessiert - eine Nutzung, die sich Herzog nicht vorstellen kann. Denkmal bedeute auch Verantwortung der Gesellschaft und dem städtischen Raum gegenüber. "Das ist unser Beitrag für Sontheim."
Karl Tscherning, Architekt aus Böckingen
Die Methodistenkirche hat ihren Ursprung in den Vereinigten Staaten. Über zurückgekehrte Auswanderer fasste die aus der Erweckungsbewegung hervorgegangene Kirche ab Mitte des 19. Jahrhunderts Fuß in Europa, zunächst in Württemberg. Die Kirche in Sontheim wurde 1907 nach Plänen des Böckinger Architekten und Stadtbaurats Karl Heinrich Tscherning erbaut. Der Bau hat Ähnlichkeit mit der Friedhofskapelle auf dem Böckinger Friedhof an der Heidelberger Straße von 1905. Auch der Wasserturm in Böckingen ist ein Bauwerk Tschernings.

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