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Jenseits der Durchfahrtsstraßen ist es am schönsten

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Neckargartach, Kirchhausen und Biberach haben sich als Heilbronner Stadtteile ihre dörfliche Eigenständigkeit bewahrt. Ein Ortsspaziergang durch Heilbronns Norden.

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Neckargartach, Kirchhausen und Biberach sind dem Verfasser dieser Zeilen allesamt wohlbekannt. Unzählige Male ist er mit dem Auto hier durchgefahren. Meist im sicheren Gefühl: Das Beste an diesen Orten, das ist die Straße, die ganz schnell weg von hier, hin zum Zielort führt. Halt! Stopp!

Der Böllinger Bach ist eine beliebte Spazierstrecke für die Biberacher. Nachmittags sind hier Eltern mit ihren Kindern unterwegs.
Der Böllinger Bach ist eine beliebte Spazierstrecke für die Biberacher. Nachmittags sind hier Eltern mit ihren Kindern unterwegs.  Foto: Florian Huber

Zur differenzierten Meinungsbildung hilft es, mehr als eine verstopfte Durchfahrtsstraße heranzuziehen. Also hinfort mit all den Vorurteilen, sofort anhalten. Das Auto parken, aussteigen und zu Fuß den Heilbronner Norden erkunden.

Am Leinbach liegt Neckargartachs grüne Lunge

Erster Halt, Ortsmitte Neckargartach. Der Leinbach schlängelt sich hier in Richtung Neckar. Andreas Deters ist am Uferweg mit seinem kleinen Hund unterwegs. Das große Plus von Neckargartach als Wohnort ist für ihn die Nähe zu allem. "Eine Minute ins Krankenhaus am Gesundbrunnen, nur zwei Minuten ins Freibad. Zehn Minuten in die City per Fahrrad. Und trotzdem lebst du auf dem Dorf. Besser geht es doch nicht", sagt er. Einziges kleines Manko: "Restaurants direkt vor Ort fehlen. Dafür gibt es mindestens 20 Friseure in Neckargartach", sagt Deters.

Am Leinbach ist in den vergangenen Jahren Neckargartachs grüne Lunge entstanden. Die Natur als Zurückeroberin: blühendes Gras, Blumen. Früher war hier alles voller Schrebergärten, jetzt sind nur wenige Parzellen übrig geblieben. In einer davon ackert Dieter Neutz.

Harte Arbeit in der Garten-Parzelle in Neckargartach: Dieter Neutz.
Harte Arbeit in der Garten-Parzelle in Neckargartach: Dieter Neutz.  Foto: Florian Huber

Mit dem Spaten entfernt der 59-Jährige die störrischen Reste eines Brombeerstrauchs. Wintergemüse will er hier mal ernten, der kleine Garten gehört ihm gemeinsam mit seinen Geschwistern. Nebenan sollen auf fruchtbarem Boden bald Melonen wachsen. "Früher musste ich als Kind immer um 17 Uhr aus dem Freibad hierher, um zu gießen. Damals habe ich das nicht verstanden, heute schon", sagt er und lacht. Am Bach ist in Neckargartach alles im Fluss. Alles in Bewegung. Jogger, Inliner, Spaziergänger genießen in friedlicher Koexistenz die Mai-Sonne.

Mitten in der Corona-Krise eine Eisdiele eröffnet

Aus dem Tal geht es bergauf. In den Sachsenäckern wohnt Neckargartach. Reihenhäuser aus den 70er Jahren mit kleinen Gärten stehen eng beieinander. In der Sachsenäckerstraße gibt es eine kleine Einkaufspassage. Der Bäcker? Geschlossen. Die Bowlingbahn? Geschlossen. Ein kleiner Laden trotzt jedoch der allgegenwärtigen Corona-Krise. Mitten im Lockdown hat Stefano Pirelli hier am 1. Mai ein Eiscafé eröffnet. "Euphoria auf Eis" prangt überm Eingang. Das passt in Zeiten, in denen Glücksgefühle ein rares Gut sind.

Etizia Galanis verkauft in der Neckargartacher Sachsenäckerstraße Eis.
Etizia Galanis verkauft in der Neckargartacher Sachsenäckerstraße Eis.  Foto: Florian Huber

"Die erste Woche lief gut", sagt Pirelli, der demnächst nebenan noch einen italienischen Feinkostladen eröffnen wird. Dort lärmen noch die Handwerker. Verkäuferin Etizia Galanis reicht mit Mundschutz das Eis über die Theke. "Ich habe keine Befürchtung, dass das der falsche Zeitpunkt ist", sagt der Chef: "Hier leben die Heilbronner, dann sollen sie hier auch ihr Eis essen können."

Das Deutschordensschloss wurde vor 450 Jahren erbaut

Heilbronner leben auch noch neun Kilometer von Neckargartach entfernt. Erst den Leinbach entlang, dann über die B39 geht es nach Kirchhausen mit seinen rund 4000 Einwohnern. Es ist wie so oft in den Heilbronner Satelliten-Stadtteilen: Je weiter man sich von der vielbefahrenen Durchfahrtsstraße entfernt, desto schöner wird es. Weg von den vielen Autos lebt es sich ruhig und gemütlich.

Beim Schlendern durch die Wohngebiete fällt dem Sportredakteur ein Straßenname besonders auf. Es gibt Kirchhausener, die wohnen weltmeisterlich, in der Sepp-Herberger-Straße. Gewidmet dem Weltmeistertrainer von 1954. Ob es in Heilbronn irgendwann auch eine Helmut-Schön-Straße gibt? Einen Franz-Beckenbauer-Weg oder eine Joachim-Löw-Gasse?

Erbaut vor rund 450 Jahren im Stil der Renaissance: das Deutschordensschloss in Kirchhausen.
Fotos: Florian Huber
Erbaut vor rund 450 Jahren im Stil der Renaissance: das Deutschordensschloss in Kirchhausen. Fotos: Florian Huber  Foto: Florian Huber

Im Ortskern steht das Deutschordensschloss, erbaut vor bald 450 Jahren. Wo früher Wasser den Schlossgraben füllte, wachsen nun Gänseblümchen. "Da drin haben mein Mann und ich geheiratet", deutet Yvonne Mallh vom Spielplatz nebenan auf die Sehenswürdigkeit des Orts. Ihr Gatte ist Stadtbus-Fahrer. "Ich muss ihn immer mal wieder dran erinnern, dass er sich auch an Tempo 30 hält", sagt Mallh lachend. Seit drei Jahren lebt sie mit der Familie in Kirchhausen.

"Es hat hier alles, was man braucht"

Die Deutschritterstraße ist gesperrt. Vor der Bushaltestelle stehen zwei Bagger, Leitungsarbeiten stehen an. Edeltraud Müllner werkelt im Schrebergarten des 16-jährigen Enkelsohnes. Nächstes Jahr kann sie auf 50 Jahre Kirchhausen zurückblicken. "Ich fühle mich eher als Kirchhausenerin denn als Heilbronnerin", sagt sie und lacht. Arzt, Apotheke, ein Supermarkt. "Es hat hier alles, was man braucht", sagt Müllner. Was im Stadtteil fehlt, das liegt gerade nicht an mangelnder Infrastruktur. Sondern an Corona, der Pandemie, den Einschränkungen bei liebgewonnenen Dingen. Mal wieder Tanzen gehen, ins Fitnessstudio. Von den Schrebergärten geht es zum Friedhof.

Dort fallen die 18 Treppenstufen auf. Ein echter Treppenwitz, über den die Älteren hier nicht lachen können. Wer mit dem Rollator von der Hauptstraße aus zum Friedhof möchte, der muss einen ordentlichen Umweg in Kauf nehmen.

Die Autobahn ist Fluch und Segen für den Ort

Lavinia Petri drückt den kleinen Gabriel an sich. Adriana rollert durch Biberach.
Lavinia Petri drückt den kleinen Gabriel an sich. Adriana rollert durch Biberach.  Foto: Florian Huber

Ohne Umweg führt die Straße die vier Kilometer von Kirchhausen nach Biberach. Auch hier ist es die Durchfahrtsstraße, die den ersten Eindruck vermittelt. Runtergebremst auf 20, das fühlt sich fast wie Parken im fließenden Verkehr an. Im Stop-and-Go-Berufsverkehr ist häufig eh nicht mehr als Tempo 20 drin. Lavinia Petri ist mit Töchterchen Adriana und Sohn Gabriel zu Fuß unterwegs. Gemeinsam wollen sie die Biberacher Steinschlange begutachten.

Oft genug lassen sich ja nur andere Biberacher Schlangen beobachten. "Wenn die A6 dicht ist, dann spüren wir das hier sofort", sagt sie. Fluch und Segen sei die Autobahn für den Ort. In der 20er-Zone werde zudem zu selten geblitzt. Immerhin vermeiden nun kleine Poller am Straßenrand, dass Lkw auf den Gehweg ausweichen.

Besonders schön ist es am Böllinger Bach. Nachmittags sind hier Eltern mit ihren Kindern unterwegs, aber auch die "Mittelalten" wie sich Klaus und Edeltraud Heinrich nach bald 50 Jahren Ehe lachend bezeichnen. Echte "Biwwericher" sind die beiden. Sie schwärmen vom Biberacher Dorfleben, der Gemeinschaft, den vielen, sehr aktiven Vereinen und den zahlreichen Festen.

Sorgen bereitet auch ihnen der Verkehr. "Man muss schon Angst vor einem Verkehrsinfarkt haben, wenn die Lidl-Zentrale in Bad Wimpfen fertiggestellt ist", sagt Klaus Heinrich. Ein Café im Grünen fehle, ein paar Bänke auf den Spazierwegen rund um den Ort auch, um mal ein Päuschen einzulegen, wenn die müden Beine danach verlangen. "Ich würde auch Geld dafür spenden" sagt Edeltraud Heinrich. Anhalten lohnt sich nicht nur beim Spazieren, sondern auch zum Erkunden von Orten, die man sonst nur aus dem Auto kennt.

 

 
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