Als das Kirchhausener Schloss Schulhaus und Gefängnis war
Der imposante Deutschordensbau von 1572 hat eine bewegte Historie. Er war schon Notquartier für Kriegsflüchtlinge, die Kirche und erlebte kurz nach dem Bau einen Überfall von Plünderern. Weil Bürger sich aus Kriegen raushielten, ist das Ensemble bis heute gut erhalten.

Es ist der Blickfang bei der Fahrt durch Kirchhausen, das imposante frühere Wasserschloss des Deutschritterordens aus dem 16. Jahrhundert. Doch wer hier an früheren Prunk, ausschweifende Feste und Ritterspiele denkt, wird auf der Suche nach den Ursprüngen eines Besseren belehrt. Es war kein Sitz von Fürsten, Grafen, Hofdamen, sondern lange Jahre offenbar Sitz der Verwaltungschefs des Deutschen Ordens mit der Zentrale in Gundelsheim (Kommende Horneck). Im Lauf der Zeit hat das Deutschordensschloss aus der Renaissance-Zeit eine Menge Bewohner erlebt, die man zunächst nicht in einem Schloss erwartet.
Wer einst drin wohnte? "Gute Frage", sagt Burgenforscher Nicolai Knauer, der sich intensiv mit der Historie befasst hat. In den Quellen seien nur Amtmänner erwähnt, die dort residiert haben. Kirchhausen sei für die Region eine wichtige, reiche Gemeinde gewesen mit fruchtbaren Lößböden, die etwa ein Drittel des Weizens für die Gemeinden im Ordenssitz Gundelsheim lieferte.
Vorläufer war eine Burg, die in zwei Teilen errichtet wurde. Auf den Grundmauern der unteren Burg hat der Deutschritterorden das Schloss erbaut, blickt Knauer in die Historie. Die Amtmänner, Verwaltungschefs des Deutschen Ordens, waren also nach heutigem Wissen die Schlossherren, über deren Leben hinter den edlen Mauern wenig bekannt ist.
Ruhig ging es nicht immer zu. Um 1589 zog ein Heilbronner Amtmann namens Konrad Knipping in fieser Absicht nach Kirchhausen und plünderte mit seinem Gefolge das Schloss. Knipping war kurz zuvor vom katholischen Glauben zu den Protestanten übergetreten. Die damalige Feindschaft der Religionen wirkte intensiv nach.
Privilegien für treue Bürger: Über 100 Liter Wein als Geschenk zu einer Kindstaufe

Von Privilegien der Kirchhausener, weil sie bei Aufständen in den Bauernkriegen nicht mitmachten, berichtet Werner Dietz, der frühere Leiter im Interessenkreis Heimatgeschichte. Demnach erhielten Kirchhausener vom Orden zur Taufe eines Kindes mehr als 100 Liter Taufwein als Geschenk. Bei Amtsgängen in die Zentrale wurden Kirchhausener Bürger bevorzugt bedient, unter anderem mit einem gereichten Vesper.
Berühmte Personen hat das Schloss erlebt. Marschall Ney, hochrangiger Offizier unter Napoleon, weilte auf einem Feldzug Richtung Osten einige Stunden im Schloss. Und Komponist Ludwig van Beethoven muss zumindest am Schloss vorbeigekommen sein. Der Komponist habe einst bei einer Wanderung nach Heilbronn die frühere Pappelallee im "Wäldle" bei Kirchhausen als "einen seiner schönsten Blicke" bezeichnet, berichtet Werner Dietz.
Eine Gefangene bekam im Turmkerker sogar ein Kind
Nach der Deutschordenszeit wurde das Schloss mehrmals an Privatleute verkauft, ehe es 1833 in den Besitz der Gemeinde Kirchhausen fiel. Es begann eine vielfältige Nutzung. Es gab Lehrerwohnungen im Schloss, Klassenräume, ein Feuerwehrmagazin. Auch Werner Dietz ging hier im heutigen Deutschrittersaal in die Schule, empfand da den Raum mit einfachem Holzboden als nichts Besonderes. Ein großer Eisenofen stand im Zimmer, in dem Schüler Kohle nachlegen mussten. Längere Zeit wurde der heutige Museumsturm als Gefängnis genutzt. Eine Insassin habe im Turm 1929 sogar ein Kind geboren, weiß Dietz.
Beim Näherrücken der US-Truppen 1945 die weiße Fahne gehisst

Im Zweiten Weltkrieg hissten Kirchhausener beim Näherrücken der US-Armee die weiße Fahne, bewahrten Ort und Schloss vor der Zerstörung. Später wurden im Schloss Kriegsflüchtlinge untergebracht - in einer Baracke, auf dem Dachboden. 1964 wurde das marode Innenleben komplett saniert. Eine Bankfiliale hatte danach ihren Sitz im Schloss, das Bürgeramt zog ein. Bis zum Bau der evangelischen Kirche im Ort nutzte die Kirchengemeinde das Untergeschoss. 1976 wurde erstmals das Schlossfest der Neuzeit gefeiert.
Heute nutzen Vereine und die VHS das Gebäude für Veranstaltungen, Proben, Ausstellungen. Der Bezirksbeirat tagt hier. "Das Schloss lebt und ist heute auch in Bürgerhand", betont Bürgeramtsleiter Martin Neubauer. Für Geschichtskenner Nicolai Knauer ist diese Vielfalt ein Garant für die Zukunft. "Ein Gebäude, das nicht genutzt wird, ist dem Untergang geweiht."
Arkaden und Löwenmaul
Die Bauzeit des Deutschordensschlosses in Kirchhausen wird von der Stadt Heilbronn mit 1572 bis 1578 angegeben. Erbauer war Heinrich von Bobenhausen, der als Hoch- und Deutschmeister ab 1572 das höchste Amt des Ordens ausübte. Über dem Portal des Hauptflügels ist das Bobenhausen"sche Wappen integriert. Besondere Elemente am Schloss sind Arkaden, Tor und Pforte aus renaissancezeitlichen Rustikaquadern und Maulscharten in Löwenform. Von den historischen Wirtschaftsgebäuden hat sich die nahe Zehntscheune bis heute erhalten.

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