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"Reinkommen und willkommen sein"

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Im Jugendhaus auf dem Cleebronner Michaelsberg hat Nicole Gerking in zehn Jahren schon 100.000 Gäste begrüßt. Dafür braucht sie Feingefühl, aber auch Durchsetzungsvermögen. Ein Gespräch über Gastfreundschaft.

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Nicole Gerking empfängt ihre Gäste stets mit offenen Armen auf dem Michaelsberg. Foto: Ralf Seidel
Nicole Gerking empfängt ihre Gäste stets mit offenen Armen auf dem Michaelsberg. Foto: Ralf Seidel  Foto: Seidel, Ralf

Von Kindesbeinen an hatte Nicole Gerking mit Gastronomie zu tun. Sie konnte noch nicht über die Theke schauen, da hat sie schon Eltern und Großmutter im Vereinsheim des TSV Güglingen geholfen, wenn die Fußballabteilung mit der Bewirtung an der Reihe war.

Seit zehn Jahren ist die gelernte Hotelfachfrau die gute Seele an der Rezeption des Jugendhauses der Diözese Rottenburg-Stuttgart auf dem Cleebronner Michelsberg und hat rund 100.000 Gäste begrüßt. Schon, wenn die Tür aufgeht, sagt der Empfangschefin ihr Bauchgefühl, wie die nächsten Tage verlaufen werden. Ein Gespräch über Gastfreundschaft.

 

Frau Gerking, beruflich sind Sie das ganze Jahr über für das Wohlergehen anderer verantwortlich. Haben Sie da überhaupt noch Lust, sich Besuch nach Hause einzuladen?

Nicole Gerking: Ich habe meine Freunde, das sind nicht viele, aber ich weiß, dass ich mich auf die verlassen kann. Da geht es mir gut, wenn die mal bei uns, wir mal bei denen sind.

 

Was macht eine gute Gastgeberin aus?

Gerking: Ich münze es jetzt mal aufs Jugendhaus, wo ja der Standard ein ganz einfacher ist. Etagentoilette mit Etagendusche. Ein Bett hat jeder, ob ich jetzt im Fünf-Sterne- oder in einem einfachen Haus bin. Ich muss es hier mit meiner Persönlichkeit, mit meinem Tun wettmachen. Dass der Gast ein positives Gefühl hat, sich gut aufgehoben fühlt. Ich bin zum Beispiel gar kein Freund von diesen Hotels, wo ich nur eine Nummer bin. Reinkommen und willkommen sein: Es sind die Kleinigkeiten, die es ausmachen.

 

Aufmerksamkeit ist also das A und O?

Gerking: Dass der Gast gar nicht viel sagen muss, dass man einfach mithört. Und das ganze mit einem Lächeln im Gesicht. Dass ich dem Bräutigam, bevor er in die Kirche geht, noch eben die Preisschilder von den Schuhsohlen abkratze zum Beispiel. Das Menschliche, das ist mir ganz arg wichtig. Ebenso wie Harmonie. Wenn irgendwo was brodelt oder es Streit gibt, das tut mir gar nicht gut.

 

Muss man manchmal über Dinge hinwegsehen?

Gerking: Wenn Jugendliche kommen, und sie kennen keine Regeln. Bei manchen Dingen muss ich sagen, okay, es ist jetzt nicht mein Sohn. Ich würde es privat so nicht dulden, aber ich kann hier nicht alles verbieten. Oder wenn jemand reinkommt und brummelig ist. Das war immer meine Herausforderung, auch im Service: Je brummeliger die Leute sind, desto freundlicher muss ich sein. Und wenn ich es dann schaffe, dass derjenige nachher mit einem Lächeln rausgeht, dann habe ich gewonnen.

 

Mit was gewinnen Sie und das Jugendhaus auf dem Michaelsberg außerdem?

Gerking: Zur Gruppe gehören 13 Jugend- und Tagungshäuser quer durch die Diözese Rottenburg-Stuttgart. Das sind zum Teil ganz prunkvolle, große Gebäude. Ich finde, wenn man zum Beispiel im Kloster Schöntal im Foyer steht mit dieser Wahnsinnstreppe, dann sagt man "Wow". Und dann kommt man auf den Michaelsberg. Wir haben zwar nicht dieses Foyer, aber eine traumhafte Aussicht. Damit in Verbindung sorgen auch wir Mitarbeiter dafür, dass die Gäste "Wow. Hier oben ist es toll", sagen.

 

Coronabedingt ist es immer noch recht still im Haus. Wen beherbergen Sie in normalen Zeiten?

Gerking: Von/bis, ist alles dabei. Wir haben Schulklassen, Gruppen, die ein Freiwilliges Soziales Jahr machen oder vom BDKJ, Musikvereine und Chöre zum Probewochenende, Firmen mit ihren neuen Azubis, Tagungen aller Art. Und Familien, die in Verbindung mit Tripsdrill hier übernachten.

 

Und die Spaziergänger?

Gerking: Manche verwechseln uns mit der Gaststätte "Am Michaelsberg". Aber einen Kaffee, ein Kaltgetränk oder ein Eis haben wir immer für sie. Außer während Corona, da darf niemand rein, der nicht gebucht hat.

 

Wurde ihre Gastfreundschaft schon einmal überstrapaziert?

Gerking: Ja, da war eine Jugendgruppe, die kam montags schon zu spät. Da sagte mir mein Bauch, diese Woche wird spannend, und so war es. Sie haben die Rauchmelder abgeklebt und im Zimmer geraucht, was absolut verboten ist. Der Mülleimer war mutwillig zertreten, überall lag Asche und stand Alkohol. Die mussten eine Strafe bezahlen mit der Androhung, rauszufliegen.

 

Da braucht man Durchsetzungsvermögen.

Gerking: Ja, auch im Kleineren muss man mal sagen, jetzt ist gut. Aber nicht mit dem erhobenen Zeigefinger. Es muss trotzdem ein gutes Miteinander sein.

 

So viele unterschiedliche Menschen in einem Jugendhaus. Da wird es sicher nie langweilig?

Gerking: Man erlebt hier oben alles. Außer einer Geburt war schon alles dabei. Familienfeiern, Michaelsbergfest, Fronleichnamsprozession. Leider hatte ich auch schon einen Todesfall. Das war der Bräutigam einer goldenen Hochzeit. Wir haben hier alle eine Erste-Hilfe-Ausbildung und haben mit der Reanimierung begonnen, bis der Rettungswagen kam. Aber trotz aller Bemühungen war es leider zu spät.

 

In so einer außergewöhnlichen Situation ist es sicher schwierig, das Richtige zu tun?

Gerking: Ja und Nein. Meine Oma ist ein halbes Jahr vorher gestorben, und ich wusste, wie wichtig es mir war, dass ich mich würdevoll von ihr verabschieden konnte. Also haben wir den Mann in ein Zimmer gebettet, zugedeckt, einen Stuhl ans Bett gestellt, mit Bibel und Kerze. Denn das ist der Moment, an den sich die Angehörigen erinnern, und der muss stimmen.

 

Der Michaelsberg ist auch ein spiritueller Ort. Spüren Sie das manchmal selbst?

Gerking: Es sind tatsächlich einige Momente, wo ich in meiner Not in die Michaelskapelle gegangen bin und versucht habe, Kraft zu tanken, mich zu sammeln. Der liebe Gott mutet mir manchmal schon was zu. Aber auch im Alltag ist es mein Kraftort.

 

Das Jugendhaus ist eine katholische Einrichtung. Wirkt sich das auf Ihre Gastgeberrolle aus? In Jesus" Leben war das ja auch Thema. Von den Eltern, die keine Herberge fanden, bis zum letzten Abendmahl.

Gerking: Zu uns kommen Menschen aller Konfessionen. Wir haben in jedem Zimmer ein einfaches Holzkreuz. Das wurde früher manchmal kaputt gemacht, jetzt ist es fest verschraubt. Man sieht oft an der Tapete, dass immer noch versucht wird, es abzunehmen. Da fehlt manchmal der nötige Respekt gegenüber dem Gastgeber. Aber wir sind nur Unterkunft. Den christlichen Aspekt deckt hier oben das Jugendspirituelle Zentrum mit seiner Leiterin Claudia Weiler ab.

 

Was tun Sie daheim für Ihre Gäste? Kochen und backen Sie viel?

Gerking: Ich glaube nicht, dass es das großartige Bewirten ist, das wirklich zählt, sondern das Zusammensein. Gerade während Corona hat mir die Begegnung mit anderen Menschen wahnsinnig gefehlt, privat wie beruflich. Das Zwischenmenschliche ist für mich einfach wichtig. Das Füreinander und das Miteinander.

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