Weine aus Cleebronn genießen einen sehr guten Ruf
Andreas Reichert ist seit 2008 Kellermeister der Weingärtner Cleebronn-Güglingen. Mittlerweile gilt die Genossenschaft als beste in Deutschland.

Vom "Underdog" zur laut Fachzeitschrift "besten Genossenschaft Deutschlands": Innerhalb weniger Jahre hat sich der Ruf der Weingärtner Cleebronn-Güglingen gedreht. Als Andreas Reichert dort 2008 seine Stelle als Kellermeister angetreten hat, war er gerade mal 30 Jahre alt. "Ich musste eine große Lippe riskieren, um etwas zu ändern", erinnert er sich.
Unterdurchschnittliche Erlöse, schlechte finanzielle Lage und wenige große Wengerter, die der Genossenschaft "diktieren", wie man Trauben erzeugt: Das war die Ausgangssituation für den Bietigheimer, der zuvor zwei Jahre als zweiter Kellermeister in der Felsengartenkellerei in Hessigheim Erfahrung gesammelt hatte. "Es wurde verkauft, dass verkauft war. Man hat sich von Händlern über den Tisch ziehen lassen", beschreibt Reichert. Sehr viele Mitglieder seien mit dieser Politik unzufrieden gewesen.
Zum ersten Mal die Traubengesundheit kontrolliert
In Cleebronn traf er im damaligen Vorstandsmitglied und heutigen Vorstand Thomas Beyl auf einen Verbündeten, der schon zwei Jahre zuvor damit begonnen hatte, "gewisse Dinge zur Qualitätsverbesserung umzusetzen". Gemeinsam sind sie durchgestartet. Bereits der Herbst 2008 trug ihre Handschrift. So wurde erstmals die Gesundheit der Trauben kontrolliert. Im Weinberg ebenso wie bei der Annahme.
"Wir hatten Glück. 2008 war ein sehr guter Jahrgang. Schon im Sommer 2009 hatten wir eine super Resonanz und mit unseren Weinen Wettbewerbe gewonnen." Die neuen Etiketten trugen ihren Teil zum Imagewandel bei. "Nicht nur der Inhalt, auch die Verpackung war neu", erklärt Andreas Reichert. Die Erfolge mit diesem Jahrgang seien "extrem wichtig" gewesen, um die Mitglieder mitzunehmen: "Die Wengerter haben gesehen, dass das nicht nur irgendwelche Hirngespinste von Thomas Beyl und mir waren." Auch die Region habe von der positiven Resonanz profitiert, ist Reichert überzeugt.
Im Fokus steht für ihn immer die Qualität der Trauben. "Nur darüber bekommen wir entsprechende Preise am Markt. Unsere Wengerter haben das verstanden. Sie machen mit", betont der 42-Jährige. "Die Cleebronner Riesling-Verrückten sind motiviert und stehen hinter dem Betrieb." Aber auch im Keller müsse jedes Rädchen funktionieren. "Das Team muss passen und muss es auch wollen", weiß Reichert.
Nur gemeinsam zum Ziel
Sich selbst bezeichnet er als Perfektionist. "Aber alleine ist das nicht zu schaffen. Die Kunst ist es, diesen Anspruch und Weg so gegenüber den Mitgliedern und Mitarbeitern zu kommunizieren, dass sie nicht überfordert sind." Alle müssten an einem Strang ziehen.
"Am Ende muss man auch ein bisschen detailverliebt sein", findet der Kellermeister. Auf schnelle Verarbeitung und Sauberkeit komme es an. Aber auch darauf, dass jede Rebsorte ihren eigenen Charakter hat: "Der Kunde soll sie unterscheiden können." Ebenso wie die unterschiedlichen Qualitätsstufen. "Der Zehn-Euro-Wein muss anders schmecken als der für sechs Euro", verdeutlicht Reichert. Denn vor allem in diesem Preissegment werde Geld verdient. Aber auch die hochpreisigen Weine seien wichtig fürs Image der Genossenschaft. "Sie müssen schmecken und Spaß machen", sagt der Rieslingfan, der aus einer Familie stammt, in der von den Großvätern über die Onkels bis zum Vater allesamt Weinbau im Nebenerwerb betrieben haben.
Bei Wettbewerben immer mit vorne dabei zu sein, ist anstrengend. "Am Anfang war es relativ einfach, Dinge zu verändern, weil vieles im Argen war", so Reichert. Mittlerweile sei jedes Jahr "ein Kampf". Immer noch besser zu werden sei schwierig, und andere hätten aufgeholt. "Der Weinmarkt ist extrem umkämpft. Der Deutsche trinkt zu 60 Prozent ausländische Weine", bedauert der zweifache Vater. Immerhin: Während Corona konnte die Genossenschaft ihren Absatz im Lebensmittelhandel deutlich steigern. "Und auch unser Online-Shop, in den wir schon vor fünf Jahren investiert haben, ist uns in dieser Zeit zugute gekommen."
Wenig Ertrag, überdurchschnittliche Qualität
Die Kellerei in ihrer heutigen Form wurde 1951 gegründet und ist ein Zusammenschluss der Weinbaugemeinden Cleebronn, Eibensbach, Frauenzimmern und Güglingen. Die Weingärtner Cleebronn-Güglingen haben 580 Mitglieder, davon rund 200 aktive. Mit einer Anbaufläche von rund 300 Hektar – von den Höhenlagen des Cleebronner Michaelsberges bis zum Güglinger Kaiserberg – zählt die Genossenschaft zu den kleineren in der Region. Angebaut werden rund 30 Prozent weiße und 70 Prozent rote Trauben. Von letzteren kommt etwa die Hälfte als Rosé in den Verkauf. In allen aktuellen Weinguides werden die Cleebronner Winzer als herausragend beschrieben. Zum Leitungsteam gehören Geschäftsführer Axel Gerst, Vorstandsvorsitzender Thomas Beyl und Kellermeister Andreas Reichert.
In diesem Jahr wurde in der zweiten Septemberwoche mit der Weinlese begonnen. "Für 2020 rechnen wir mit einer noch kleineren Ernte als 2011", prognostiziert Andreas Reichert. Ein Viertel der Ernte sei im Frühjahr durch Frost verloren gegangen, dazu kam die lang anhaltende Trockenheit. "Aber die Qualität ist überdurchschnittlich, die Trauben sehr reif und gesund mit sehr hohen Mostgewichten", so Reichert. ck

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