Wo die Staufer Hof hielten: Ortsspaziergang durch Bad Wimpfen
Die historische Altstadt mit ihrer Vielfalt an Baudenkmälern und Gegenwart ist mehr als ein Museum: Was Bad Wimpfener und ihre Gäste an dieser besonderen Stadt am Neckar gefällt, die sich in coronabedingt ruhigen Zeiten ihre südländische Anmutung bewahrt.

Wo vergangenen Sommer Buga-Zwerg Karl an der Ortseinfahrt Bad Wimpfener und Besucher der ehemals größten Kaiserpfalz nördlich der Alpen begrüßte, thront die märchenhafte Amicam auf einer wilden Wiese. Eine Figur aus Beton von Jutta Klee. "Naturraum" steht auf dem Schild hinter dem Zaun: Das Kunstprojekt will einen Beitrag zum Umweltbewusstsein liefern.
Wer nicht mit dem Auto anreist, sondern von Heilbronn aus Zug oder Stadtbahn nimmt, kommt am Bahnhof an, der wie eine Kirche aussieht und 1869 in Betrieb genommen wurde. Bollwerk Lounge heißt das Restaurant, das sich weniger als Bahnhofskneipe versteht, denn als Eventlokal. Geschäftsführer Steffen Brudi hat sein Bollwerk coronabedingt noch nicht geöffnet. "Ich warte erst einmal ab, wie sich die Vorgaben des Landes ändern." Am 18. Juni will er dann wieder an den Start gehen, "am besten reservieren", grinst der gebürtige Wimpfener.
Das Kopfsteinpflaster ist nichts für High Heels
Wie es sich in der Altstadt lebt? Auch wenn Wimpfen durch seine Fachwerkhäuser Puppenstubencharakter hat, Brudi kennt es nicht anders und mag das. Dass die Gassen mit Kopfsteinpflaster nichts für High Heels sind, macht den Charme dieser Stadt aus, die mit historischen Baudenkmälern aus verschiedenen Jahrhunderten wuchert. Doch, sagt Brudi, "der Tourismus hat sich verändert". Er wohnt "an der Rennstrecke zwischen Busparkplatz und Altstadt" und meint zu beobachten, dass weniger Busse kommen. "Aber fragen Sie mal da drüben", deutet der Gastronom auf eine Frau, die wenige Schritte weiter den Infoglaskasten der Gemeinde aufschließt und mit einem Plakat bestückt: "Abstrakte Kompositionen" von Susanne Schunn in der Städtischen Galerie.
"Eine abwechslungsreiche Stadt"

Ilona Nolte von der Kultur- und Tourist-Information sieht das mit den Touristen tatsächlich anders. Vor 15 Jahren hat es die Sauerländerin hierher verschlagen. Eine überzeugtere Wahl-Wimpfenerin als Nolte könnte sich die Stadt nicht wünschen."Traumhaft schön. Gemütlich. Abwechslungsreich", bringt Nolte auf den Punkt, was ihr an Bad Wimpfen gefällt. Der Vorraum der Tourist-Info im Alten Spital oben in der Hauptstraße 45, erbaut im Alemannischen Fachwerk - weiß auf rotem Grund -, ist bis 22 Uhr geöffnet, rät Nolte, sich mit Stadtplan und Broschüren einzudecken. Ein Service für Besucher, die nach 17 Uhr ankommen.
Tagestourismus
"Wir sind stark im Tagestourismus und kein Ort, an dem man eine Woche Urlaub macht." Während Nolte erzählt, warum Wimpfen eine Schönwetterstadt ist, was es mit den Leerständen in der Hauptstraße auf sich hat, wieso alle hoffen, dass die Corona-Pandemie bis Dezember abflaut, damit der bundesweit beliebte Altdeutsche Weihnachtsmarkt stattfinden kann - "ich persönlich sehe das schwierig" -, hat sich eine Gruppe Radfahrer den Weg vom Tal hinterm Bahnhof hochgekämpft. Zwei Familien mit Kindern aus Lörrach, die das Hotel Sonne suchen. Gestern haben sie in Besigheim übernachtet und heute auf dem Weg nach Wimpfen die Experimenta in Heilbronn "mitgenommen". Morgen fahren sie weiter nach Eberbach.

Zu Fuß in die Altstadt, durchquert man das untere Stadttor und bekommt eine Vorstellung davon, was im Mittelalter Torschlusspanik bedeutete, als die Zugänge zur Stadt abends verriegelt wurden. Gleich hinterm Tor, wenn man rechts nach oben schaut, beeindruckt ein Komplex mit zartrosa Hauptgebäude: Die grünen Fensterläden des Gemminger Hofs sind verschlossen, von einem Pfeiler herab blickt eine mannshohe Ritterfigur. Das herrschaftliche Gehöft ist eines der größten Anwesen innerhalb des Burgviertels und heute in Privatbesitz.
Stammkunden aus dem Umkreis für Mineralien und Esoterica
Die Hauptstraße steigt an bis zum Löwenbrunnen am Marktrain. Wo sonst an einem lauen Frühsommerabend in den Lokalen ringsum reger Betrieb herrscht, ist es ruhig - und wirkt doch südländisch. "Der rastlose Mensch ist durch Corona ausgebremst. Das hat Vor- und Nachteile", sagt Thomas Kern. Der Original-Wimpfener betreibt seinen Laden "Exotica Mineralia" seit 21 Jahren, hat Stammkunden aus dem Umkreis und verkauft neben Mineralien und Esoterica Souvenirs und Bücher. "Alles, was der Mensch nicht braucht, aber gut tut." Kern ist zufrieden, sagt, "Wimpfen ist etwas Besonderes" und "bleiben Sie gesund". "Was mich ärgert", fügt er noch hinzu, "dass die Leute immer einen Schuldigen suchen. Wenn das verrutscht wäre mit Corona, wäre das Geschrei groß gewesen."

"Lassen Sie sich treiben", hatte Ilona Nolte von der Tourist-Info geraten, oder "orientieren Sie sich mithilfe unserer Familien-Entdeckertour". Die mit Heftklammer zusammengehaltenen zwei Infoblätter sind ein Leitfaden, der im Broschürenstand kostenlos ausliegt. Wer Zeit hat, schlendert ziellos. Links geht die Eichhaus-Passage ab, wo jahrhundertelang bis 1971 Waagen und Messgeräte geeicht wurden und gleich am Eingang ein Bücherregal ins Auge sticht. "Haben Sie Interesse an unseren Büchern? Nehmen Sie das eine oder andere mit. Sie können es wieder zurückbringen, aber auch behalten. Haben Sie Bücher, die andere interessieren könnten? Stellen Sie sie hier ein", erklärt der Aushang auf blauem Grund das Prinzip dieser Tauschbibliothek, die rund um die Uhr zugänglich ist.
Ein Schauraum für zeitgenössische Kunst
Am Ende der Fußgängerzone und noch etwas weiter führt rechts die enge Badgasse zu Wimpfens schmalstem Fachwerkhaus, dem Bügeleisenhaus, das privat bewohnt wird. Hier, wo die Badgasse in die Mathildenbadstraße mündet, stößt man unmittelbar auf zeitgenössische Kunst. "Schauraum Rainer Matuschek" steht auf der Fensterscheibe, hinter der eine Installation aus Stahlkugeln neugierig macht.

Seit 2013 hat Matuschek den Raum angemietet, den er sich mit Künstlerkollegin Jutta Klee teilt, um alle drei Monate wechselnde Arbeiten zu präsentieren. Wer die auf der Fensterscheibe angegebene Telefonnummer wählt, kann das Glück haben, dass Matuschek, der um die Ecke wohnt, zu Hause ist, vorbeikommt und den Schauraum aufschließt. Von außen einsehbar ist der Schauraum 24 Stunden, bis zwei Uhr nachts sogar beleuchtet.
Gérard Zimmermann bleibt erstaunt davor stehen. Er und seine Frau sind mit dem Wohnmobil unterwegs, Tagesgäste also, und sehr angetan vom Altstadtensemble in seiner Vielfalt. Das Paar aus Freiburg spaziert weiter zum Alten Friedhof, einem ruhigen Park. Vom Aussichtspunkt Richtung Neckar erkennt man links Burg Horneck. Geradeaus fällt der Blick auf Industriebauten, rechts im Tal auf das Solvay Werk, das Fluorprodukte herstellt, und auf die Ritterstiftskirche St. Peter mit der Klosteranlage, die von hier oben stecknadelkopfgroß ist. Unbedingt sollte man sich Zeit nehmen, die geistliche Bildungsstätte der Malteser zu erkunden. Am besten in Ruhe bei einem weiteren Besuch.
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