Warum die Oettinger Mühle in Ilsfeld eine Ausnahmeerscheinung ist
Die Oettinger Mühle in Ilsfeld gehört zu den kleinsten Mühlen in Deutschland. Seit etwa 180 Jahren verantwortet die Familie Oettinger die Mühle. Nur dank mehrerer Standbeine ist der Betrieb überlebensfähig.

Um 3 Uhr in der Früh ist Klaus Oettinger an diesem Tag, einem Donnerstag, aufgestanden. Der Weg führt den Müllermeister wenig später in die Backstube: "Ich bin für den Teig der Brote und Kuchen sowie für den Holzbackofen zuständig", kennt der 62-Jährige seine Aufgabe im Familienbetrieb. Im Mühlenlädle und in der gegenüberliegenden Mühle herrscht noch Ruhe. Dieses verträumte Bild wird sich in den nächsten Stunden ändern, denn um 10 Uhr startet Klaus Oettinger seine Mühle, die im beschaulichen Schozachtal neben dem Württemberger Weinradweg liegt.
Es ist ein herrlicher Sommertag. Um die Mittagszeit klappern die neun Walzenstühle mit metallenem Klang in der Mühle auf Hochtouren. Angetrieben werden sie jedoch nicht mehr von der Wasserkraft der vorbeifließenden Schozach. "Seit zwei, drei Jahren wird die Mühle mit Solarstrom angetrieben. Wegen der Renaturierung des Baches mussten wir umstellen", erklärt Oettinger die Maßnahme. 80 Kilowattpeak Leistung liefern die Photovoltaikmodule auf dem Hallendach und machen die Mühle zu 70 Prozent autark. Und wenn die Sonne einmal nicht scheint: "Dann kommt der Strom noch immer aus der Steckdose", lacht der Müller spitzbübisch.
300 Hühner und 20 Schweine gehören zur Oettinger-Mühle

Dann pressiert es auf einmal. Klaus Oettinger hat es eilig: "Ich muss kurz nach dem Rechten sehen", sagt er geschäftig. Es ist kurz nach 13 Uhr. Die Mühle, erbaut in den 1950er Jahren, läuft automatisch, aber ohne elektronische Überwachung. Da gilt es, ein Auge auf die Abläufe zu haben. Auch sein engster Mitarbeiter, Chien Thang Le, weiß, wo er hinlangen muss. So lange muss Fritz Zeh warten. Er kommt aus Bietigheim-Bissingen und kauft Dinkelmehl: "Das ist spitze." Bestätigt wird dies von Thomas Schmid. Der gute Geist der Mühle transportiert auf dem Traktoranhänger bestes Saumehl und Hühnerfütter. Die 300 Hühner und 20 Schweine, die sich auf dem 1,5 Hektar großen Betriebsgelände tummeln, wollen gut versorgt sein.
Während das Mehl aus den Mehlmischmaschinen aus Lärchenholz rieselt, blickt Klaus Oettinger ein wenig in die Geschichte zurück: "Die Mühle heißt eigentlich Lohmühle, als einst die Lohe, also Baumrinde, für die Ledergerbung gemahlen wurde." Das genaue Alter der Mühle ist nicht dokumentiert. "Wir Oettingers sind seit etwa 180 Jahren und mittlerweile in der sechsten Generation auf der Mühle", sagt der Vater von drei Kindern stolz. Vor zwei Jahren ist Tochter Lena (29) in die Verantwortung mit eingestiegen. Sohn Uwe ist Müller in Lahr, Tochter Lisa ist Schreinerin.
Die Kunden kommen, weil die Qualität stimmt

Im Mühlenlädle, das 1985 auf Anregung von Ehefrau Cornelia eröffnet wurde, duftet es nach frisch gebackenem Brot, knusprigen Brötchen sowie süßen und deftigen Kuchen. Elke Schmidt, die seit 20 Jahren zum Oettinger-Team gehört, hat hinter der Verkaufstheke einiges zu tun. Gertrude Mair bestellt Kuchen: "Ich komme schon seit vielen Jahren hierher. Die Qualität ist gut", urteilt die Neckarwestheimerin. Für die Güte der Ware sind Cornelia und Lena Oettinger verantwortlich. Mutter und Tochter verstehen ihr Geschäft, sind beide doch erfahrene Konditormeisterinnen.
Nach einem späten Frühstück mit ausgiebigem Plausch interessieren sich Christine Trautwein aus Steinbach und Silvia Gänsbauer aus Bietigheim für das Sortiment in den Regalen: "Hier findet man Dinge, die es sonst nirgendwo gibt", lassen sich die beiden Frauen inspirieren. Sie schätzen zudem die schwäbisch-herzliche Gemütlichkeit. Auf Äpfel haben Olga Maletz und Anna Brester Appetit. Auf der Terrasse haben es sich Erne (86) und Willi (88) Pantle aus Großbottwar gemütlich gemacht. Sie haben zugeschlagen: Mehl, Zöpfle, Rhabarberkuchen und Körnerbrot liegen vor ihnen auf dem Tisch: "Alles einmalig", schwärmt Erne Pantle.
Es gibt Pläne, das Mühlen-Cafe zu erweitern
Im urigen Mühlen-Café sitzt bei diesem schönen Wetter niemand. Nur Klaus Oettinger, im Privatleben fürsorglicher Opa der Enkel Philip (5), Arian (4), Jakob (2) und Paul (2), läuft gedankenverloren durch den Raum: "Uns schwebt vor, das Café zu erweitern." Spruchreif sei jedoch noch nichts. Als er dies sagt, ruft die Arbeit wieder. Er muss im Mühlenlädle mithelfen. Die Arbeit geht für ihn nicht aus.
Was die Oettinger-Mühle zu bieten hat
Die Oettinger Mühle an der Lohmühle 1 bis 4 in Ilsfeld gehört zu den kleinsten Mühlen der 400 bundesweit noch existierenden Mühlen. Deshalb haben sich die Betreiber weitere Standbeine gesucht. So verwöhnt das Mühlencafé Besucher, und im Mühlenlädle gibt es Mühlenspezialitäten aus eigener Herstellung. Geöffnet sind Café und Lädle Dienstag bis Freitag von 8 bis 18 Uhr, samstags von 7 bis 16 Uhr, sonntags von 10 bis 16 Uhr. Angeboten werden aber auch Brotbackkurse, Kindergeburtstage und Führungen. "Ohne diese Säulen wäre die Mühle nicht lebensfähig", sagt Müllermeister Klaus Oettinger.

Stimme.de
Kommentare