Am Amtsgericht Öhringen: Manche Fälle gehen unter die Haut
Lange Tagesordnung, unterschiedliche Themen: Der Alltag einer Strafrichterin ist spannend, die Arbeit der Protokollantin anstrengend. Und die Minuten als Zeuge aufregend.

Zwei Männer sitzen im Warteraum des Amtsgerichts Öhringen. Die Stühle sind nicht gerade bequem. Das Zimmer ist zweckmäßig. Nicht besonders schön. Eine große Karte des Hohenlohekreises hängt neben der Garderobe. Eine Kiste mit Spielzeug steht in der Ecke. Der erste Name wird aufgerufen. Der Zeuge betritt den Verhandlungssaal. Richterin Katja Kopf bittet ihn, Platz zu nehmen. Was nun folgt, ist immer gleich: der Hinweis, dass nur die Wahrheit und nichts als die Wahrheit gesagt werden darf. Und auch nur das, was die eigene Wahrnehmung war. Und dass man nicht antworten muss, wenn man sich selbst belastet. Ein Meineid wird hart bestraft. Der Zeuge nickt und legt los.
Gewagtes Manöver

Gut kann er sich an den fraglichen Tag im Juli vergangenen Jahres erinnern. Schließlich war er für die Tierrettung Unterland unterwegs und wurde durch ein Fahrmanöver eines Mannes aus Wörth auf der Autobahn A6 bei Bretzfeld genötigt, stark zu bremsen. Der weiße BMW habe ihn nicht einfädeln lassen, ihn rechts überholt und dann ausgebremst, führt der Zeuge aus. Tobias Gäbele, Anwalt des Angeklagten, widerspricht dieser Auffassung massiv und emotional. Richterin Katja Kopf bleibt ganz ruhig. So gelingt es ihr auch, die wechselseitigen Anschuldigungen zu kanalisieren und letztlich für alle zu einer guten Lösung zu kommen: Der Angeklagte behält seinen Führerschein - für ihn als Handelsvertreter ist das extrem wichtig. Dafür akzeptiert er, 3000 Euro an den Tierschutzverein Hohenlohe zu bezahlen. Voraussetzung: Er zeigt Reue und entschuldigt sich.
Praktikant verfolgt die Sitzung
Die Staatsanwältin nickt. Der Anwalt nickt. Er führt eine kurze Rücksprache mit seinem Mandanten, ehe der sich dann entschuldigt und Katja Kopf das Urteil spricht. Gespannt hört ein junger Mann in schwarzem Anzug und weißen Sneakern in der ersten Reihe im Zuschauersaal zu, notiert sich einige Stichworte. Er ist Jurastudent im dritten Semester und schnuppert Gerichtsluft in Öhringen. "Das ist geschickt, ich bin aus Bretzfeld", erklärt der junge Mann. Wenn er nicht im Gerichtssaal sitzt mit Blick auf die salbeigrünen Möbel und die Europa-, Deutschland- und Baden-Württemberg-Flaggen an der Wand, liest er Akten. Jetzt schließt er das Strafgesetzbuch, lässt es in den Rucksack gleiten.
Lange Verhandlungstage

Mit flinken Fingern dokumentiert derweil die Protokollführerin, was im Saal passiert und gesprochen wird. An manchen Tagen stehen sieben Verhandlungen auf der Tagesordnung. Heute endet der Nachmittag mit diesem Fall. "Die Arbeit erfordert volle Konzentration", bestätigt die Protokollführerin den Eindruck. Vor allem dann, wenn Dolmetscher simultan übersetzen, muss sie aus dem Dauergeräuschpegel die für sie wichtigen Dinge filtern. Mit einer Kollegin teile sie sich die Protokollzeiten so ein, dass es immer halbe Tage im Gerichtssaal sind. Ihr Arbeitstag beginnt üblicherweise schon um 6.30 Uhr. Was sie dann erwartet? Das weiß sie nie so genau.
Vielfalt der Themen
Denn: Die Vielfalt der Themen am Amtsgericht sei groß, erklärt Strafrichterin Katja Kopf. Sie arbeitet eigentlich am Amtsgericht Schwäbisch Hall und hilft seit einiger Zeit an zwei Tagen am Öhringer Amtsgericht aus. Denn hier hatte es geraume Zeit personelle Engpässe gegeben, ehe Ursula Ziegler-Göller nun vor wenigen Tagen vom Landgericht Heilbronn als Direktorin nach Öhringen versetzt wurde.
Seit 21 Jahren ist Katja Kopf Strafrichterin. Sie mag ihre Arbeit: "Hier hat man die unterschiedlichsten Themen auf dem Tisch", berichtet sie von Verkehrs-, und Familienstreitigkeiten, aber auch von Drogengeschäften oder Fällen sexueller Gewalt.
Manche Fälle berühren

Während die alltäglichen Streitigkeiten für Katja Kopf das Leben abbilden, belasten auch sie die Fälle, bei denen beispielsweise Opfer sexuellen Missbrauchs vernommen werden müssen. Auch wenn in solchen Fällen oft Videovernehmungen durchgeführt werden und den Opfern die Anwesenheit im Gerichtssaal dadurch erspart wird. "Das geht dann schon unter die Haut", bedauert Katja Kopf. Nun klappt auch sie die Ordner zu, geht die Treppen hoch zu den Büros.
Dabei kommt sie an der Poststelle vorbei. Die Tür steht auf. Drinnen werden vom Wachtmeister die letzten Briefe in die Schütte gelegt. Die Tagesordnung für morgen? Die hängt er erst morgen früh vor den Verhandlungen auf. "Da gibt es oft noch Änderungen."

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