Michael Schmieg aus Kochertürn brennt für eigene Destillate aus Obst
Michael Schmieg aus Kochertürn betreibt in seiner Fachwerkscheune nebenberuflich eine Obstbrennerei. Seine edlen Brände sind sogar in Top-Lokalen gelistet.

Es dämmert. Auf dem Kirchturm schlägt es sechs Uhr. Michael Schmieg ist mit den Hühnern aufgestanden. Rund um seine Brennerei in der Holderstraße am Ortsrand von Neuenstadt-Kochertürn zwitschern Vögel. Der gelernte Landwirt lässt den Blick über die Felder Richtung Donnerwald schweifen. Obstbäume stehen in der Blüte. "Guck, da drüben: Das sind meine Williams, dort die Quitten und ganz da hinten die Zwetschgen. Hoffentlich bekommen wir keinen Frost mehr ab, sonst gute Nacht," sagt der 61-Jährige, dreht an einer Holztür den Schlüssel um und betritt sein Reich, genauer gesagt seine Kleinbrennerei, die er sich 1995 in einer eigens gefertigten Fachwerkscheune eingerichtet hat.
In der Ahnengalerie werden alte Zeiten wach
Ein gutes Dutzend blauer Fässer steht Spalier. Hier und da lagert ein Barrique. Auf einer Seite stehen Kolben in vielerlei Größen und Formen, gegenüber am Tresen Fläschchen. An den Wänden hängen allerhand Schmuckstücke, Tafeln. Historische Fotos bilden eine Art Ahnengalerie. Schmieg bleibt stehen. "Da, auf dem Schlepper, das ist mein Vater Josef, hier Mama Angela, Onkel Raphael, Lohmanns Opa." Alte Zeiten werden wach.
Michael Schmieg entstammt einer tief verwurzelten Unterländer Bauernfamilie. Nach der Grund- und Hauptschule in Kochertürn und Oedheim sowie nach der Berufsschule in Böckingen hat er den gemischten Betrieb mit Viehhaltung zunächst mit seinem Vater weitergeführt. "Als es für uns Bauern immer härter wurde, habe ich in den 80er Jahren bei der EVS angefangen und mich im Nebenerwerb auf Obst als Sonderkultur spezialisiert", berichtet Schmieg.
Sprung in die Selbstvermarktung gemeistert
"Zunächst haben wir alles bei der Genossenschaft in Öhringen abgeliefert." Nach einem Brennerlehrgang an der Weinbauschule Weinsberg habe er schließlich den Sprung in die Selbstvermarktung gewagt und seine Produkte nicht nur bei Privatkunden an den Mann gebracht. Zu seinen Kunden zählten gute Adressen wie der Regionalmarkt Hohenlohe in Wolpertshausen, der Neckarsulmer Museumsstuben oder der Heilbronner Ratskeller. Mit Ehefrau Petra gehe er dort gerne essen. "Irgendwann habe ich ein paar Probiererle mitgebracht. Wenn die Qualität stimmt, bist du dabei."
Inzwischen hat der umtriebige Kochertürner neun verschiedene Brände, Geiste und Liköre zu Preisen zwischen 15 Euro und über 40 Euro pro 0,5-Liter-Fläschchen im Sortiment. Apfel, Birne, Kirsche, Mirabelle, Sanddorn, Trauben "und so weiter, bald auch Elsbeere, die sind vom Feinsten", weiß der Feinschmecker.
Regionale Obstsorten vor dem Aussterben retten
Sein Antrieb sei es keinesfalls, groß Geld zu verdienen, beteuert der Idealist. Vielmehr liege ihm die Pflege der heimischen Kulturlandschaft am Herzen, und der Erhalt regionaler, traditioneller Sorten wie etwa Brettacher, Öhringer Blutstreifling, Goldparmäne. "Natürlich alles in Handarbeit, ausschließlich vom Baum gepflückt, tiptop, kein Fallobst mit Dellen. Fäulnis ist absolut tabu." Außerdem sei er über den Kontrollverein Ökologischer Landbau in Karlsruhe bio-zertifiziert. Selbst seine Trauben, die restistente Neuzüchtung Muskat Bleu, die er zu Weinbrand verarbeitet, müsse er nicht spritzen.
Schnaps ist nicht gleich Schnaps - sondern Destillat
Während bei der Ernte zwischen Juni und November die Söhne Santino und Maximilian mit anpacken, ist Schmieg beim Brennen an seinem Kessel ganz für sich. "Im Prinzip lasse ich den Alkohol ab 78 Grad verdampfen und fange ihn wieder auf." So bringt er seine Kunst auf den Punkt. Schnaps ist für ihn dabei nicht einfach Schnaps. Der Experte differenziert und spricht lieber von Destillaten. Diese wiederum ließen sich in Brände, Geiste und Liköre aufgliedern.
"Bei Bränden werden vollreife Früchte eingemaischt und gezielt vergoren", erklärt Schmieg. Bei der anschließenden Destillation liege das Augenmerk auf der perfekten Abtrennung des Mittellaufs mit besonders vielen Fruchtaromen. Bei Geisten werde das Aroma aus Beeren oder Kräutern mit Alkohol extrahiert und zusätzlich destilliert. Und bei Likören? Da handle es sich um leckere Kompositionen aus Destillaten und süßen Fruchtsäften.

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