Eppinger Jordanbad ist Zeugnis jüdischen Lebens im Kraichgau
Sie ist ein besonderes Zeugnis jüdischen Lebens in Eppingen: die Mikwe in der Stadtmitte. Reinhard Ihle, der Vorsitzende der Heimatfreunde, lässt sie bei keiner seiner Führungen aus. Das Jordanbad, wie der geweihte Ort auch heißt, hat eine bewegte Geschichte.

Um 16 Uhr am Nachmittag, bei einer Privatführung mit Reinhard Ihle, dem Vorsitzenden der Heimatfreunde Eppingen, spiegelt sich kein Mondlicht in der Mikwe. Das Loch im Boden, durch das das Mondlicht einst vermutlich schimmerte, ist da. Aber in der Decke ist keines mehr.
Die Alte Synagoge wurde 1895 verkauft. Der Erlös floss in den Bau des neuen Gotteshauses in der Kaiserstraße, das bereits 1873 neben der evangelischen Kirche und unweit des katholischen Pfarrhauses eingeweiht wurde. In der Nacht von 9. auf 10. November 1938 wurde die Neue Synagoge von einem wütenden Nazi-Mob zerstört.
Die alte in der Küfergasse blieb als Wohnhaus erhalten, und mit ihr die Mikwe, die bis zu ihrer Entdeckung 1983 unter Sandsteinplatten verborgen war. Ihre Ausgrabung und Instandsetzung war ein Jahr später abgeschlossen.
Mikwen sind Kulturdenkmäler, sie erinnern an jüdisches Leben in Deutschland
Heute ist die Mikwe nicht nur ein Kulturdenkmal, „ein Zeugnis religiösen Lebens jüdischer Familien, die hier gelebt haben“, wie Ihle sagt. Sie ist auch die größte erhaltene Mikwe im Kraichgau. Begehbar bei Führungen. Sichtbar, wenn man den Laden öffnet und durch die Gitterstäbe schaut.
Obwohl sie ein wenig außerhalb des Stadtkerns liege, gehöre sie bei seinen Führungen immer dazu, sagt Reinhard Ihle. Neben Pfeifferturm, katholischer Kirche und den klassischen Fachwerkhäusern natürlich.
Auch über dem gemauerten Keller, in dem sich die Mikwe befindet, wurde ein Fachwerkhaus errichtet.
Die Balken in der ganz einfach gehaltenen Fassade streben senkrecht nach oben. „Die Hölzer gehen über zwei Stockwerke. Daraus schließen wir, dass sich dort ein hoher Gebetsraum befand.“ Wie er innen aussah, weiß man nicht. Doch tatsächlich wird diese These gestützt von einer Postkarte mit einem „Gruss aus Eppingen“, die eines Tages bei Ebay auftauchte.
Das Eppinger Jordanbad ist die einzig begehbare Mikwe im Kraichgau
Weder die Heimatfreunde noch die Stadt Eppingen hatten am Ende die Mittel, diese Postkarte zu ersteigern. Doch der israelische Arzt, der sie bekam, stellte eine Kopie zur Verfügung.
Darauf sind die Neue Synagoge in ihrem neoromanischen Stil, die alte Israeliten-Schule und die Alte Synagoge zu sehen. Und auf diesem Bild kann man aufgrund der hohen Fenster und des Steins, hinter dem sich die Tora befand, erkennen, dass die Vermutung mit dem hohen Gebetsraum stimmt.
Reinhard Ihle ist Hobbyhistoriker. Doch die Geschichte, vor allem die Geschichte Eppingens, ist seine Leidenschaft. Seit 1971 beschäftige er sich gern mit alten Dingen, erzählt er. Alte Bibeln mit Eintragungen, die er nach dem Tod der Oma in die Finger bekam, hätten sein Interesse geweckt. In der Mikwe macht Ihle auf das Wasser aufmerksam, das in der Tiefe im eigentlichen Tauchbecken steht. 150 Meter weiter fließt die Elsenz.
Mikwen dienen im Judentum der rituellen Reinigung
Im Becken steht Grundwasser. Abhängig von der Niederschlagsmenge ist es einmal mehr und einmal weniger. „Beim Eintauchen in die Mikwe ging es nicht um Hygiene“, erklärt Ihle, „sondern um die rituelle Reinigung“. Vor einer Hochzeit, nach der Geburt: gläubige Jüdinnen und Juden suchten die Mikwe immer wieder auf.
Auch Geschirr, das man zur Hochzeit bekam, wurde untergetaucht. Das Eppinger Jordanbad ist derzeit die einzige Mikwe im Kraichgau, die man besichtigen kann. „Von uns aus die nächstgrößte ist in Speyer“, sagt Reinhard Ihle, und empfiehlt auch deren Besichtigung.
1773 wurde die Alte Synagoge gebaut, Fachleute vermuten aber, dass die Mikwe aus dem späten Mittelalter stammt. Alte Keller sind für Reinhard Ihle wie ein unterirdisches Geschichtsbuch. Das Jordanbad ist für ihn ein Juwel, das von dem friedlichen Miteinander von christlichen und jüdischen Bürgern zeugt. „Juden waren in der Öffentlichkeit sichtbar, sie arbeiteten in Vereinen mit, waren Kaufleute, haben die Stadt stark mitgeprägt.“
Eppingen pflegt die Begegnung mit Nachkommen einstiger jüdischer Bürger
2002 lud die Stadt alle damals noch lebenden Eppinger Juden zu einer Begegnungswoche ein, „acht von zehn sind gekommen und haben zum Teil ihre Familien mitgebracht“. „Dieses aufeinander Zugehen war wichtig“, sagt Ihle. Doch das Wichtigste seien die Kontakte, die daraus entstanden seien. Aus dem damaligen Arbeitskreis entstand außerdem der Verein Jüdisches Leben im Kraichgau. Er hat heute einen festen Platz in der Vereinslandschaft der Fachwerkstadt.




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