In der Schmiede in Beilstein-Maad: Hammer donnern auf glühenden Stahl
Martial Herbst und sein Sohn Josha Wewoda formen an Esse und Amboss Metallstücke. Kraft und Geschick sind beim Handwerk gefragt. Wie ein schwerer, 26 Zentimeter langer Nagel entsteht.

Die Flammen lodern in der Feuerschale. Josha Wewoda öffnet die Luftzufuhr. Jetzt wird das Feuer heller und höher, aggressiver. Die kleinkörnige Steinkohle in der Esse bekommt mehr Sauerstoff. 1800 bis 2000 Grad heiß können die Flammen werden, erklärt Wewodas Vater Martial Herbst. Die beiden demonstrieren an diesem Tag in der Werkstatt im Beilsteiner Teilort Maad, wie das Schmiedehandwerk funktioniert. 20 Minuten dauert es, bis der Metallgestalter und sein Auszubildender einen 26 Zentimeter langen Nagel mit 15 Millimeter Durchmesser hergestellt haben - unter Einsatz von Geschick und Kraft.
Herbst legt das 30 Millimeter starke Stahl-Rundmaterial in die Flammen. Fünf bis sechs Minuten braucht es, bis es die Schmiedetemperatur von 750 bis 1110 Grad Celsius erreicht, also so weich wird, dass es bearbeitet werden kann. "Das sehe ich anhand der Glühfarbe", sagt der 51-Jährige. Seit 30 Jahren ist er im Beruf, und deshalb benötigt er die Tabelle aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr, die der Temperatur die Farben zuordnet. "Das habe ich im Gefühl." Hellrot ist das Rundmaterial nun, orange würde der Laie sagen. "Je heller, desto wärmer wird es", erklärt der Schlosser und Schmied.
Kränze von Zangen und Formhammern
Neben der Esse hängt ein Kranz von rund 40 Zangen, darunter einer mit etwa ebenso vielen Formhammern. Herbst greift nach einer passenden Zange, die ihm sicher in der Hand liegt und holt das erhitzte Metall aus dem Feuer. Dann geht er nach draußen, wo der Lufthammer steht, steckt die Ohrstöpsel ein und setzt die Brille auf. "Die Maschine erspart uns viel händische Arbeit", meint Herbst. Sie ist Baujahr 1942. "Ich stehe auf alte Maschinen. Je älter, desto besser und stabiler." Sein ältester Amboss - das wichtigste Werkzeug eines Schmieds - stammt von 1750.
Mit dem Pedal am Lufthammer kann Herbst die Schlagkraft und Geschwindigkeit bestimmen, mit dem der Kolben rhythmisch rauf- und runterdonnert und im ersten Schmiedevorgang das glühende Material verjüngt, "auszieht", erklärt der Sohn. Zunächst fällt der Zunder ab. Inzwischen ist der Stahl nur noch kirschrot, muss zurück ins Feuer, ehe er weiter geformt werden kann. Zwei bis drei Minuten habe man Zeit, den Nagel rauszuziehen, weiß Josha Wewoda.
Hammer wird im Ausfallschritt geschwungen
Herbst begibt sich an den Amboss. Jetzt wird das geschmiedete Stück flacher gemacht und geht zurück in die Hitzequelle. Der Vater greift zum Schrotmeisel, während der Sohn den zwei bis drei Kilogramm schweren Hammer im Ausfallschritt auf das Stück niedersausen lässt. Es riecht nach heißem Metall. Der Azubi nimmt sich einen kürzeren Hammer und erhöht das Tempo, bis der fast fertige Nagel vom Rundmaterial getrennt ist. "Auf traditionelle Art", kommentiert der Meister, der zur Schleifmaschine geht und die Funken sprühen lässt.
Wieder kommt das Metall in die Feuerschale, damit der Nagelkopf flach geschmiedet werden kann. "Bereit?", fragt Herbst, und mit vereinten Kräften schlagen Vater und Sohn im rhythmischen Wechsel auf den Nagel im Loch des Ambosses ein. Das Metall klingt, der Kopf wird platt. Josha Wewoda schnauft ganz schön. "Der Puls geht hoch", meint der 21-Jährige zur körperlichen Anstrengung. Nach der groben Formgebung geht es jetzt an den "Feinschliff". Der Auszubildende nimmt sich einen kleineren Hammer, steckt den erneut zum Glühen gebrachten Nagel wieder ins Amboss-Loch, formt ihn runder und platter, ehe der Vater einen großen Hammer wählt, um dem Nagel den Stempel mit dem Firmenlogo zu verpassen. Ein Schmied mit schwingendem Hammer verrät die Handwerkskunst. Noch schnell mit der Stahlbürste im Schraubstock geputzt und dann geölt für einen schönen Glanz, und fertig ist der schwere Nagel.
Das Herz hängt am Schmieden
"Wir stehen hinter unseren Arbeiten, die wir an den Kunden weitergeben. Auf jeden Fall ist das ein tolles Gefühl", sagt Wewoda, dem der Stolz über das selbstgefertigte Produkt anzusehen ist. Weil er in der Corona-Pandemie nach dem Realschulabschluss keinen Ausbildungsplatz gefunden hat, hat ihn der Vater mit in die Werkstatt genommen. "Wir haben gemerkt, dass es gut funktioniert", sagt der Junior, der das Angebot zur Ausbildung angenommen hat. Inzwischen kann er sich nichts Besseres vorstellen, als den Weg, den er eingeschlagen hat. Im Februar 2024 steht die Gesellenprüfung an. In den ersten beiden Jahren an der Berufsschule habe er noch keinen Bezug zum Schmieden gehabt, gibt der junge Mann zu. Dann habe es "klick" gemacht in diesem Jahr an der Landesfachklasse für Metallgestaltung in Göppingen. "Da ist mir das Herz fürs Schmieden aufgegangen", erzählt Josha Wewoda. Es ist keine Seltenheit, dass er die Sonntage in der Werkstatt verbringt, übt, poliert oder mal eine Zange schmiedet.
Stolz präsentiert er ein Projektstück, ein designtes Kaminbesteck mit Schürhaken, Schaufel und Besen. Der angehende Geselle hat Pläne. Er möchte auf einer Bohrinsel anheuern, um Erfahrungen zu sammeln und mit dem guten Verdienst seine Meisterprüfung zu finanzieren. "Auf jeden Fall" will er danach mit dem Vater im kleinen Maad, das nur aus sieben Häusern besteht, weitermachen.
Was die Faszination des Handwerks ausmacht
Das Duo ist sich einig, was die Faszination dieses alten Handwerks, das immer mehr verschwindet, ausmacht: die Vielfalt und die Formbarkeit der Metalle. Das Spektrum sei unendlich, meint Herbst, denkt an die Kombinationsmöglichkeiten von Metall mit Holz und Glas. Das Verhältnis Schlosser- zu Schmiedearbeiten betrage 70 zu 30. "Wir machen viel im Denkmalschutz", sagt der 51-Jährige, der auch anerkannter Restaurator im Metallbauer-Bereich ist. Historische Fenstergitter oder -türen auf der benachbarten Burg Lichtenberg hat er zum Beispiel restauriert. Stahlkonstruktionen für Treppen, Geländer, Balkone, Gartentore oder Fensterrahmen stammen aus dem Hause Herbst. Und viel Künstlerisches, wie schon im Garten in Maad zu sehen ist, der einer kleinen Skulpturen-Galerie gleicht. Das Gartentor ist Herbsts Meisterstück, reich an Symbolik aus der Alchimie. "Die kreative Ader ist eine Voraussetzung für den Beruf", weiß der Sohn.
Ausbildung an Landesfachschule
Martial Herbst, der sich 2001 in Maad selbstständig machte, wurde nach der Kfz-Lehre Metallgestalter sowie Metallbau- und Schmiedemeister. Sein Sohn Josha Wewoda lernt Konstruktionsmechaniker, Fachrichtung Gestaltung. Den Begriff des Schmieds gibt es schon lange nicht mehr. "Es sind nicht viele, aber es hat wieder welche. Es gab Zeiten, wo es keine Schulklasse gab", sagt Herbst zu den 16 bis 20 Auzubildenden pro Lehrjahr an der Landesfachklasse für Metallgestaltung in Göppingen. Diese besuchen auch Azubis aus Hessen und Nordrhein-Westfalen. "Es braucht Betriebe, die ausbilden", macht der Meister deutlich. Die Bürokratie und die Auflagen schreckten jedoch davon ab. Dass alte Handwerksberufe immer mehr verschwinden, findet er bedauerlich.


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