Stimme+
Bad Wimpfen
Lesezeichen setzen Merken

Die Nachteulen der Frießinger Mühle

   | 
Lesezeit  3 Min
Erfolgreich kopiert!

Die Frießinger Mühle in Bad Wimpfen ist die größte Mühle in Süddeutschland. Drei Produktionsanlagen arbeiten dort rund um die Uhr. In der Nachtschicht sorgen die Müller und Mitarbeiter in der Verpackung und im Lager dafür, dass Lkws ab 6 Uhr mit Ware beladen werden können.

   | 
Lesezeit  3 Min
Domenic Baran fährt die Paletten mit abgepackten Mehltüten ins Lager. Seine Schicht geht bis 6 Uhr morgens, dann stehen an den Rampen die ersten Lkws, um die fertige Ware abzuholen.
Domenic Baran fährt die Paletten mit abgepackten Mehltüten ins Lager. Seine Schicht geht bis 6 Uhr morgens, dann stehen an den Rampen die ersten Lkws, um die fertige Ware abzuholen.  Foto: Plapp-Schirmer, Ulrike

Sie heißen Wilhelm, Felix und Paula, und sie laufen rund um die Uhr, sieben Tage die Woche, vor und nach Mitternacht. Nur am zweiten Weihnachtsfeiertag und an Silvester stehen die drei Mühlen der Familie Frießinger in Bad Wimpfen im Tal still. Zwei Müller, eine Handvoll Frauen und Männer an den Packstationen und ein paar Staplerfahrer bestreiten die Nachtschicht.

In Bad Wimpfen mahlen die Mühlen auch nachts

Domenic Baran (27) ist einer von ihnen. Er fährt verpackte Ware ins Lager, wo er die Paletten so anordnen muss, dass die Lastwagen an den Rampen ab 6 Uhr morgens sofort beladen werden können. 600 Paletten wird er am Ende seiner Schicht von A nach B gebracht haben.

Nachts zu arbeiten, sagt er, mache ihm nichts aus. Er sei jung - und er schlafe tagsüber. Seine Frau arbeitet außerdem in der gleichen Schicht. Nachts gibt es Zuschläge. Die beiden arbeiten hart und sparen jeden Cent, um sich ein gutes Leben aufbauen zu können.

"Wir haben einige Pärchen in der Nachtschicht", sagt Willi Erich Frießinger (33): "So funktioniert dann auch das Privatleben." Die Leute, die zwischen 22 und 6 Uhr morgens da sind, nennt er augenzwinkernd "Nachteulen". Er selbst ist nachts normalerweise nicht im Betrieb. Seine Schwester Lisa und er sind Mitglied der Geschäftsleitung. Vater Willi Frießinger wird das Unternehmen in den kommenden Jahren übergeben.

Willi Frießinger ist ein Name mit Tradition

Willi Erich Frießinger (links) und Lebensmitteltechniker Markus Wein sprechen im Labor über die Qualität des Getreides.
Willi Erich Frießinger (links) und Lebensmitteltechniker Markus Wein sprechen im Labor über die Qualität des Getreides.  Foto: Plapp-Schirmer, Ulrike

Dass auch der Sohn Willi heißt, hat in der Familie Tradition. Opa Wilhelm - Willi - Frießinger siedelte um, nachdem seine Mühle in Kirchberg 1987 abgebrannt war. "Ein radikaler Neuanfang", wie es auf der Website steht, verschlägt ihn nach Bad Wimpfen, wo er den Grundstock für die heute größte Mühle Süddeutschlands legt. Ein schönes Gefühl sei es, zusammen mit der Schwester ein wohlgeordnetes, erfolgreiches Unternehmen weiterzuführen, sagt der Junior. Tag für Tag werden in Bad Wimpfen 1200 Tonnen Getreide vermahlen. 400 000 Tonnen im Jahr.

Um Mitternacht geht es etwas geruhsamer zu als in der Früh- und Spätschicht. Die Anlieferung von Weizen, Dinkel und etwas Roggen und der Abtransport von Mehl und Produkten wie Backmischungen, Grieß, Stärke, Zucker oder Salz sind nur zwischen 6 und 22 Uhr erlaubt.

Handelsriesen können zwischen 800 Artikeln wählen

800 verschiedene Artikel können die Kunden - in der Regel Einzelhandelsriesen wie Lidl, Kaufland, Aldi, Rewe oder Edeka - bei der Frießinger Mühle abrufen. Bestellungen werden nur tagsüber abgearbeitet. Doch die Produktion läuft durch. 24 Stunden lang. "Jedes vierte Päckchen, egal, wo sie es kaufen, ist von uns", sagt Willi Erich Frießinger. 70 Kilogramm Mehl verbraucht jeder Deutsche pro Jahr. Kein Grundnahrungsmittel ist wichtiger. Mühlen sind systemrelevant.

Anlieferung auf dem Neckar und über Land

Das Getreide wird auf dem Schiff, auf dem Hänger oder in einem der 70 bis 90 Lastwagen, die täglich im Hof vorfahren, angeliefert. "Die Müller der Nacht haben die Aufgabe, das Getreidesilo leer und das Mehlsilo vollzumachen", sagt Willi Erich Frießinger. Pro Schicht - auch jetzt in der Nacht - werden 400 Tonnen Getreide vermahlen und 110 Tüten pro Minute abgefüllt. Gegen Müdigkeit um Mitternacht hat Lebensmitteltechniker Markus Wein (27) ein Rezept. Er versuche, seinen Schlafrhythmus rechtzeitig anzupassen. "Ich schlafe dann von 7 bis 14 Uhr, das reicht. Kaffee zum Wachbleiben brauche ich dann nicht."

400 000 Tonnen Getreide werden in der Frießinger Mühle jedes Jahr vermahlen: Das sind 1200 Tonnen am Tag.
400 000 Tonnen Getreide werden in der Frießinger Mühle jedes Jahr vermahlen: Das sind 1200 Tonnen am Tag.  Foto: Plapp-Schirmer, Ulrike

Das Getreide, das jetzt gerade vermahlen wird, wurde von ihm bereits kontrolliert. Jetzt um Mitternacht wird auf der Wilhelm Pizzamehl hergestellt, auf der Paula läuft der normale B-Weizen für das Haushaltsmehl vom Typ 405. Domenic Baran flitzt mit seinem Stapler hin und her, während aus der Packstation ein Paket Mehl nach dem anderen ausgespuckt wird.

Frießinger Mühle wird ausgezeichnet

Als erste Mühle außerhalb Italiens ist ein Mehl der Frießinger Mühle Bad Wimpfen von der Associazione Verace Pizza Napoletana in Neapel ausgezeichnet worden. Die AVPN zertifizierte das Pizzamehl Tipo 00 für die echte Pizza Napoletana La Verace. Diese besondere Auszeichnung wurde im Hause Frießinger gefeiert: Neben Antonio Pace, dem Präsidenten der AVPN, nahmen der Präsident der deutschen Pizza-Nationalmannschaft, Umberto Napolitano, sowie Partner der Mühle und Großhändler der italienischen Gastronome.

 
Kommentare öffnen
  Nach oben