"Alles was wir sehen, ist römisches Erbe"
Der Güglinger Historiker Enrico De Gennaro spricht über die antiken Römer. Und darüber, was wir aus Geschichte nicht lernen.

Enrico De Gennaro leitet das Römermuseum in Güglingen. Im Interview mit unserer Zeitung spricht der Historiker und Archäologe darüber, wer die Römer in unserer Region waren, welchen Einfluss sie bis heute auf uns haben und ob wir Schlüsse aus der Geschichte ziehen.
Herr De Gennaro, was fasziniert Sie an antiker Geschichte?
Enrico De Gennaro: Antike Geschichte hat mich schon seit Kindheitstagen in ihren Bann gezogen. Es war ursprünglich der Wunsch nach einer Art Zeitmaschine.
Haben Sie eine gefunden?
De Gennaro: In gewisser Weise. Durch Ausgrabungen und die Beschäftigung mit dieser Materie kann man sich früheren Zeiten und Lebensrealitäten ganz gut annähern.
Antike Geschichte ist Ihr Spezialgebiet. Haben Sie auch schon Ausflüge in andere Epochen gemacht?
De Gennaro: Während des Studiums habe ich mich mit Themenfeldern bis zur neuzeitlichen Archäologie beschäftigt. Ich sehe mich deshalb als Generalist, der alle Zeitstufen bestreiten kann. Ausgrabungen beispielsweise habe ich vornehmlich in der Jungsteinzeit gemacht.
Wie viele Exponate haben Sie in Ihrem Museum?
De Gennaro: Etwa 2000 Exponate.
Diese Fundstücke sind alle aus der Region?
De Gennaro: Die meisten Funde sind tatsächlich aus Güglingen und dem Zabergäu. Es sind trotzdem Leihgaben aus Landesbesitz oder von Museen aus Stuttgart. Aber sie kommen von hier. Das irritiert viele Besucher immer wieder.
Man hat den Eindruck, die Römer sind in Güglingen besonders präsent gewesen.
De Gennaro: Die Römer hatten hier südlich der Zaber tatsächlich eine große Zivilsiedlung. Das war ein wichtiges Verwaltungszentrum für die gesamte Umgebung. Also gewissermaßen die Hauptstadt dieser Landschaft.
Was wissen wir über die Römer im Zabergäu und im Raum Heilbronn?
De Gennaro: Die Eroberung hier findet in den 80er und 90er Jahren nach Christus statt. Allerdings wird da erst die Infrastruktur geschaffen. Die Aufsiedlung unseres Raumes beginnt um 120 nach Christus. Die Bevölkerung waren allerdings akkulturierte Kelten.
Was waren denn das für Leute?
De Gennaro: Das römische Reich war ein Vielvölkergemisch. Amtssprache war Latein. Aber die Personen hatten teilweise ihre eigenen Gottheiten und ihre eigenen Muttersprachen. Sie waren zusammengehalten von der römischen Kultur. So kann es sein, dass Menschen links des Rheins ganz gezielt hierher bewegt wurden. Tatsächliche Italiker oder Römer kennen wir nur ganz wenige aus Baden-Württemberg.
Die Quellenlage basiert vor allem aus Ausgrabungen?
De Gennaro: Auch. Aber wir haben bei den Römern natürlich viele Schriftquellen.
Je geringer die Quellenlage, desto mehr Raum bleibt für Interpretation. Wie verhält sich das mit den Römern in unserem Raum?
De Gennaro: Da muss man differenzieren. Sehr gut dokumentiert sind geschichtliche Entwicklungen. Kaiservitae zum Beispiel. Was aber das tägliche Leben in der Provinz angeht, müssen wir fast ausschließlich auf archäologische Quellen zurückgreifen. Wie hier Handel funktioniert hat oder das Handwerk, die Infrastruktur und Wirtschaftswege, lässt sich hauptsächlich nur über archäologische Quellen aufzeigen.
Schriftliche Quellen sind aber auch schon Interpretation. Nämlich die des Geschichtsschreibers.
De Gennaro: Ja. Was ein Kaiser Nero getan hat, wissen wir ganz gut. Ob das jetzt stimmt oder nicht. Aber welchen Problemen man sich als römischer Güglinger damals gegenübersah, ist eben nur über Ausgrabungen zu klären.
Wir wissen, was Kaiser Nero getan hat - ob das stimmt oder nicht. Klingt widersprüchlich.
De Gennaro: Naja, es ist eben immer auch eine Frage der Bewertung der Quellen. Die römischen Kaiser wurden nach ihrem Ableben im Regelfall vergöttlicht. Oft kam es zur Vergöttlichung, wenn man dynastische Bestrebungen ableiten wollte. Der Sohn eines Kaisers hatte ein Interesse daran, dass sein Vorgänger vergöttlicht war. Im Gegensatz dazu gab es auch die Tilgung aus dem Gedächtnis und Inschriften. Es ging darum, den Kaiser auf eine bestimmte Art darzustellen. Hier setzt die Quellenbewertung an. War also Nero wirklich ein Wahnsinniger, der Freude daran hatte, dass Rom brennt? Oder war das eine Manipulation der Nachwelt?
Im letzteren Fall wäre das eine Fake News?
De Gennaro: Genau. So wie heute. Nur nicht ganz so kurzlebig. Im 19. Jahrhundert war die Geschichtsforschung übrigens viel unkritischer. Da wurden die Texte aus der Antike für bare Münze genommen.
Die jeweilige Geschichtsschreibung spiegelt demnach den jeweiligen Zeitgeist wider, im dem der interpretierende Historiker selbst gelebt hat?
De Gennaro: In gewisser Weise ja. Wir stellen aber auch im Lauf der Zeit andere Fragen an die Geschichte. Früher hat man die römische Eroberung unseres Raumes mit Großmachtbestrebungen interpretiert. Als militärischen Drang, sich zu vergrößern. Heute glaubt man eher, dass es um eine Erweiterung des Wirtschaftsraums und die Kontrolle der Verkehrswege ging.
Wo finden wir in unserer heutigen Zeit die antiken Römer wieder, außer im Museum?
De Gennaro: Die Römer sind uns in allem, auch zivilisatorisch, so verwandt wie keine andere Epoche. Vieles von dem, was die Römer erfunden haben, hatte bis ins 19. Jahrhundert Bestand. Das hat sich erst mit der Industrialisierung geändert.
Beispiele?
De Gennaro: Hätte es keine Römer gegeben, würde hier vielleicht der Chef der größten Familie als Sippenhäuptling regieren. Wir hätten keine Verwaltung, keinen Gemeinderat, keinen Bürgermeister. Verwaltungsstrukturen sind römische Erfindungen. Nach dem Zusammenbruch des römischen Reiches hat die Kirche dieses Machtvakuum mit ihrer Bistumsstruktur gefüllt. Dabei haben sie eins zu eins die römischen Strukturen umgemünzt.
Wahrscheinlich auch Dinge wie Kanalisation, Hygiene oder Schmiedekunst.
De Gennaro: Genau.
Mit der Industrialisierung ist der römische Einfluss dann in den Hintergrund getreten?
De Gennaro: Eigentlich gar nicht so sehr. Schon die Römer fertigten Keramikgefäße in Massen. Oder denken Sie an die 1980er Jahre. Da war man begeistert von den römischen Fußbodenheizungen. Die Römer haben den Zement erfunden. Und beheizte Fisch- und Austernzuchtbecken. Alles was wir sehen - Ziegel, Glas, Steinbau - ist römisches Erbe. Feuerwehr, Polizei, Zoll, Geheimdienst oder Steuerwesen gab es damals auch schon.
So halten wir die Geschichte am Leben. Lernen wir auch etwas daraus?
De Gennaro: Ganz klares Nein. Wir müssen nicht denken, weil wir jetzt iPhones und Internet haben, laufe irgendwas vom Schema her anders ab. Manche Parameter sind anders, aber die Antriebskraft ist die gleiche. Nehmen wir beispielsweise die Politikerkaste. Sie stufe ich als wenig lernfähig und eher opportunistisch ein.
Wie kommen Sie darauf?
De Gennaro: Sie sehen es in der aktuellen Entwicklung. Parteien, die weltanschaulich daherkamen, drehen ihr Fähnlein im Wind. Beispiel CDU. Fukushima - Atomkraft wird beendet. Oder die pazifistischen Grünen stimmen nach dem Überfall auf die Ukraine einer Aufrüstung zu. Alle tun jetzt überrascht. Hätte man aber aus der Geschichte gelernt, hätte man gewusst, dass militärische Schwäche militärische Bedrohung von außen erst emporbringt.
Das lehrten uns schon die Römer?
De Gennaro: So war es beim römischen Niedergang. Man hat Soldaten abgezogen und nicht mehr so viel Wert auf eine gesicherte Grenze gelegt. Auf einmal gibt es welche, die aufbegehren. Das mögen vorher gute Handelspartner gewesen sein.
Der Mensch ist also unbelehrbar?
De Gennaro: Manche Personen in Wirtschaft und Politik haben Geschichte studiert und können Themen multiperspektivisch betrachten. Aber in einem Parteiengefüge geht es darum, wie man die Leute für sich gewinnt. Auch mit kurzlebigen Versprechungen.
Ist Geschichte reiner Selbstzweck?
De Gennaro: Geschichte kann Erkenntnisse liefern. Aber ich sehe die Geschichte nicht als Instrument, um Politiker zu beraten.
Zur Person
Enrico De Gennaro hat Geschichte und Archäologie in Tübingen studiert. Während dieser Zeit hat der heute 47-Jährige das Museum in Leonberg geleitet und arbeitete beim archäologischen Landesmuseum und beim Landesdenkmalamt. Nach seinem Studium arbeitete er unter anderem am Antrag mit, den Limes zum UNESCO-Weltkulturerbe zu erheben. 2006 hat der Markgröninger das Römermuseum in Güglingen aufgebaut, das zwei Jahre später eröffnete. Er ist Buchautor und hat Aufsätze in Fachzeitschriften publiziert.

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