Wüstenroterin kennt noch das alte Rezept: Zur Kärwe wurde Klumpenkuchen gebacken
Die Herstellung des Kärwe-Kuchens mit selbst gemachter Sauermilch ist aufwendig. Chaudeau-Soße weckt bei der Obersulmerin Klara Murso Erinnerungen an die Kindheit.

Die Suche gestaltet sich schwierig. Gibt es überhaupt die kulinarischen Spezialitäten im Weinsberger Tal und den Löwensteiner Bergen? Klassiker, wie sie die Kätchenstadt mit dem Heilbronner Leibgericht und dem Böckinger Feldgschrei zu bieten hat, sind auf Anhieb nicht zu finden. Was kam denn früher an Festtagen auf den Tisch? Auf diese Frage gibt es Antworten aus Landfrauen-Kreisen und die Rezepte für Chaudeau-Soße (Schwäbisch: Schotto-Soße) zum Dessert und Klumpenkuchen zur Kaffeetafel.
Weinschaumcreme zum Nachtisch
"Es war interessant, darüber nachzudenken", sagt Klara Murso, nachdem die Heilbronner Stimme bei der Obersulmerin nachgefragt hat. Das Festtagsessen in ihrem Elternhaus in Löwenstein war opulent. Ihre Mutter Marie Koppenhöfer bestückte die Fleischbrühe mit Grieß- und Markklößchen sowie Eierstich. Danach folgten zweierlei Braten mit Spätzle, Gemüseplatte und Salat. "Alles aus dem eigenen Garten", betont Murso. Und zum Nachtisch wurde Biskuit in Scheiben oder Anisbrot mit Chaudeau-Soße (französisch für "warmes Wasser") getränkt, serviert. Die Erinnerung hat Klara Murso Appetit auf diese Weinschaumsoße mit Riesling gemacht, und so hat sie ihre Familie am vergangenen Weihnachtsfest damit verwöhnt.
Für Karola Schierle eine Delikatesse

Karola Schierle kommt aus dem Schwärmen gar nicht mehr heraus. "Das ist absoluter Luxus, wenn das heute noch jemand macht", sagt die Leiterin des Wüstenroter Glas- und Heimatmuseums. "Das schmeckt unvergleichlich, sensationell. Das ist eine absolute Delikatesse", fährt sie fort. Gleich darf sie kosten. Schierle und die Landfrauen-Vorsitzende Margit Zügel haben jemanden aufgetan, der das Rezept des "Kärwe-Blooz" noch kennt und den Aufwand nicht gescheut hat: Barbara Pscherwok. "Sie ist eine ganz exzellente Bäckerin", sagt Zügel.
Goldbraun ist der Klumpenkuchen, mit zerlassener Butter eingepinselt und mit Zimt und Zucker bestreut. Mmmmhhhh. Karola Schierle hat nicht übertrieben. Der Kuchen schmeckt köstlich, cremig und gar nicht säuerlich. Das verwundert, angesichts der Zutaten.
Nötig ist Rohmilch vom Bauern

Die größte Schwierigkeit: Milch zu bekommen, die nicht homogenisiert und pasteurisiert ist. "Um Sauermilch herzustellen, braucht man Rohmilch", erklärt Pscherwok. Bei einem Bauern in Busch wurde sie fündig. Mindestens vier Tage muss die Milch zum Säuern stehen.
Mit Ei und Mehl legiert, wird diese langsam in heiße Frischmilch gegeben. Wenn die Masse zusammengeht und sich außen herum die Molke bildet, wird der Klumpen in ein Seihtuch gedrückt. Jetzt kann er abtropfen - "ein, zwei Tage", meint Schierle. Der Klumpen bildet den Belag für Hefeteigboden.
Der Kärwe-Kuchen ist Brauchtum

"Es ist ein typischer Kärwe-Kuchen", erklärt Schierle. Nur zu Kirchweih sei er gebacken worden. "Das ist Brauchtum", ergänzt sie. "Ich habe ihn schon 20 Jahre nicht mehr gemacht", erzählt die Spatzenhoferin Pscherwok und nennt den Grund: Weil es so schwierig sei, an Rohmilch zu kommen. Mit dem Gebäck verbindet sie ihre Kindheit. Aufgewachsen auf einem Bauernhof im Hohenlohischen, kam an Kirchweih die ganze Familie zusammen. 15 Kuchen habe man gebacken. Die Tafel sei festlich gedeckt worden - in der guten Stube, die nur für solche Anlässe geöffnet wurde.

Stimme.de
Kommentare