Der Blick in die Glaskugel
Noch mehr Kooperation in einer immer komplexeren Welt, vielleicht eine eigene Baurechtsbehörde oder gar einmal eine eigene Geschäftsstelle: Das sind die Ideen der vier Bürgermeister für die Zukunft des Gemeindeverwaltungsverbandes "Raum Weinsberg".

Ein halbes Jahrhundert hat das Geburtstagskind auf dem Rücken. In unserer Serie zum 50. Jubiläum des GVV "Raum Weinsberg" haben wir zurückgeblickt auf Zeiten, als die Stimmung mies war. Wir haben erklärt, warum Eberstadt, Ellhofen und Lehrensteinsfeld ohne Gemeindeverwaltungsverband ihre Selbstständigkeit verloren hätten. Mitarbeiter wurden porträtiert, und es wurde gezeigt, wie der GVV funktioniert. Zum Abschluss haben wir jetzt die Bürgermeister der vier Verbandskommunen um einen Blick in die Glaskugel gebeten. Was bringt die Zukunft für den Verband? Von welchen künftigen Dienstleistungen profitieren die 22 000 Menschen, die im Gebiet wohnen?
Aufgaben, die man noch gar nicht kennt
Wenn das mit der Glaskugel so einfach wäre. "Vermutlich wird der GVV Aufgaben bekommen, von denen wir heute noch gar nicht wissen, dass es sie einmal gibt", orakelt Ellhofens Bürgermeister Wolfgang Rapp. So lief es ja schon öfter. Wer hätte zum Beispiel Ende der 1990er Jahre gedacht - der damalige Weinsberger Bürgermeister Walter Kuhn bekriegte sich gerade mit seinen drei Amts- und Verbandskollegen wegen der Ansiedlung eines geplanten Lebensmittelcenters in den Weinsberger "Spitzäckern" - ja, wer hätte damals gedacht, dass die Mitgliedskommunen knapp 25 Jahre später gemeinsam einen Manager beschäftigen wollen, der sich um den Schutz des Klimas kümmert?
Noch enger zusammenarbeiten
So viel ist auch ohne Glaskugel klar: Viele Verwaltungsvorgänge werden immer komplexer. "Da sollten und können wir noch enger zusammenarbeiten. Alles andere macht wirtschaftlich keinen Sinn", sagt der Weinsberger Rathauschef Stefan Thoma. Das Oberhaupt der Weibertreustadt ist traditionell auch der Chef des GVV, denn in Weinsberg hat der Verband seinen Sitz.
Eine gemeinsame Vergabestelle?
Alle vier GVV-Bürgermeister würden zum Beispiel eine gemeinsame Vergabestelle für gut befinden. Hintergrund: Die Ausschreibung von Arbeiten "ist so kompliziert geworden. Es gibt sehr viele rechtliche Hürden", sagt Stephan Franczak aus Eberstadt. Franczak wär auch "sofort dafür", wenn der Verband eine eigene Baurechtsbehörde bekäme. Die Stadt Weinsberg hat für ihre Bürger eine; wer jedoch in einer der drei kleinen Partnergemeinden einen Bagger engagiert, muss seinen Bauantrag beim Landratsamt in Heilbronn einreichen. Den Nachteil einer eigenen GVV-Baurechtsbehörde nennt der Eberstädter Rathauschef auch: Sie würde viel Geld kosten, weil "ein intensiver Personalausbau" vonnöten sei.
Apropos Personal: Aktuell hat der Verband etwa 100 Mitarbeiter, rund die Hälfte ist bei der Sozialstation beschäftigt. Von den restlichen 50 teilt mehr als die Hälfte ihre Arbeitszeit im Weinsberger Rathaus zwischen GVV und Stadt auf.
In der Bevölkerung das Bewusstsein schärfen
Das sei ein Punkt, über den man nachdenken könnte, sinniert Ellhofens Rathauschef Rapp: Ob es wohl für diese Mitarbeiter immer so leicht ist, die Arbeit für den GVV von der Arbeit für die Stadt zu trennen? Ob eine eigene Geschäftsstelle außerhalb des Weinsberger Rathauses womöglich dazu beitragen würde, die Identität der GVV-Mitarbeiter zu stärken? Eine eigene Anlaufstelle könnte, so Rapp, in der Bevölkerung auch das Bewusstsein dafür schärfen, was der GVV tut - nämlich viel mehr, als den meisten Menschen bewusst ist: Das Quartett macht gemeinsame Sache in der Forstwirtschaft, in der Kinder- und Jugendarbeit, beim Vollzugsdienst, in der ambulanten Pflege oder bei der Flächennutzungsplanung.
Die Idee Rapps erwächst aus der Frage: Was, wenn der GVV-Motor einmal ins Stottern gerät? Die jetzigen vier Bürgermeister kommen gut miteinander klar, das Verhältnis sei partnerschaftlich, das Personal zieht mit. Rapp: "Aus heutiger Sicht läuft es wirklich gut. Aber es gab schon andere Zeiten. Und man weiß nicht, wo sich wann etwas ändert."
Das Klima hängt von den Personen ab
Auch Bürgermeister Benjamin Krummhauer aus Lehrensteinsfeld sagt, dass das Klima "sehr von den Personen abhängt. Aktuell funktioniert es gut." Die drei kleinen Verbandsgeschwister fühlten sich nicht von Weinsberg dominiert. Wenn sie ein Anliegen hätten, kümmere man sich im Rathaus in Weinsberg darum. Dennoch kann sich Krummhauer vorstellen, neue Aufgabenfelder auch in den drei anderen Rathäusern anzusiedeln.
Für Krummhauer ist die Digitalisierung ein weiteres Thema, das die vier Kommunen intensivieren sollten. Keinesfalls nachlassen dürfe der GVV in der Jugendarbeit: "Sie ist wichtig, weil das ehrenamtliche Engagement in vielen Vereinen immer mehr zurückgeht."
Es wäre zwar schön, sagt Verbandschef Thoma, wenn die Bevölkerung den GVV mehr wahrnehmen würde als bisher. "Er ist nicht so fassbar." Als Muss sieht Thoma das jedoch nicht. "Der GVV ist eben ein Dienstleister." Wenn die vier Rathäuser dank Verband leistungsfähiger seien "dann ist das ein Mehrwert für alle 22 000 Bürger".
Wie der GVV wurde, was er ist
Offiziell war die Gründung des Gemeindeverwaltungsverbandes (GVV) "Raum Weinsberg" ein freiwilliger Akt. Doch hätten Eberstadt, Ellhofen und Lehrensteinsfeld nicht eingewilligt, ab 1972 verschiedene Aufgabenfelder gemeinsam mit Weinsberg zu beackern, hätten die drei Kommunen ihre Eigenständigkeit aufgeben müssen. Es war die Zeit der Gemeinde- und Kreisreformen, und das Land sprach damals eine deutliche Sprache.

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