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Jagst und Kocher stehen seit Jahrzehnten unter Strom

Energiewinnung mit jedem Tropfen Wasser: Im nördlichen Landkreis Heilbronn setzen Betreiber schon lange auf Wasserkraftwerke. Das Größte liegt unscheinbar abseits der Hauptverkehrsachsen.

Simon Gajer
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Lesezeit 2 Min
Jagst und Kocher stehen seit Jahrzehnten unter Strom
Das Wasserkraftwerk in Neudenau-Siglingen ist im nördlichen Landkreis Heilbronn das größte entlang von Jagst und Kocher. Foto: Ralf Seidel  Foto: Seidel, Ralf

Der Windpark im Harthäuser Wald reckt sich zwischen Jagst- und Kocher-Tal entlang der Autobahn in die Höhe und ist weithin sichtlich. Im nördlichen Landkreis schreitet auch der Ausbau von Photovoltaik-Anlagen im Freien voran. Fast schon unscheinbar hingegen laufen seit Jahrzehnten die Wasserkraftwerke an den Flüssen. Mit jedem Tropfen Wasser erzeugen die Turbinen Strom.

Siglinger Kraftwerk liefert seit 100 Jahren Strom

Jene Anlagen, die direkt an den Straßen liege, prägen an markanten Stellen die Ortsbilder. Dazu gehören sicherlich die Schneidmühle in Neudenau, die Jesser-Mühle in Kochersteinsfeld oder auch ein Kraftwerk in Oedheim gleich bei einer vielbefahrenen Brücke. Das größte hingegen, das Wasserkraftwerk in Siglingen mit einer Nennleistung von 720 Kilowattstunden, befindet sich etwas abseits. Es lohnt sich, den Feldweg zum Fluss zu nehmen und einen Blick darauf zu werfen: Die Dimensionen des Wehrs, das die Jagst zurückhält, sind gewaltig. Seit fast einem Jahrhundert liefert die Anlage Strom.

Jagst und Kocher stehen seit Jahrzehnten unter Strom
Heinz Tuffentsammer Foto: Simon Gajer  Foto: Gajer, Simon

Mit der Geschichte der Wasserkraft an Jagst und Kocher hat sich der Siglinger Heimatforscher Heinz Tuffentsammer beschäftigt. Sein Interesse dafür kommt nicht von ungefähr: Der 90-Jährige war Müllermeister, alle Mühlen im Landkreis Heilbronn hat er zusammengefasst, deren Nähe zu Wasserkraft recherchiert. Auch mit den Anlagen in Heilbronn hat er sich beschäftigt.

Jagsthausen war beim Strom sehr wichtig

Lauffen machte in der Region im Jahr 1891 den Anfang mit der Stromerzeugung, doch schon 1892 ging an der ehemaligen Mühle in Gochsen ein E-Werk in Betrieb, hat Heinz Tuffentsammer recherchiert. Diese Anlage sei abgebrannt, der Neubau aus dem Jahr 1904 steht bis heute. Es ist eine spannende Zeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts, in der wichtige Spieler auftreten. Zu denen gehört der neue Gemeinde-Elektrizitätsverband aus Jagsthausen, dem eine große Bedeutung zukommt. Kraftwerke entstehen, Leitungen werden gebaut. Der Einstieg von Baurat Karl Hengerer aus Stuttgart führte in den kommenden Jahren dazu, dass Siglingen zu einem strombedeutenden Ort wurde: Er habe die Mühle übernommen, um an die Wasserrechte zu kommen, weiß Heinz Tuffentsammer. Den Strom lieferte er ans Elektrizitätswerk Jagsthausen. Außerdem investierte Hengerer noch größer im Jagsttal, baute in Siglingen ein Sägewerk und ein Bauplattenfabrik auf. Das Elektrizitätswerk Siglingen, als GmbH organisiert, ging nach Angaben des Heimatforschers am 15. November 1922 in Betrieb.

Das Siglinger Kraftwerk hatte zahlreiche Eigentümer

Das Kraftwerk wechselte den Eigentümer, schon 1924 übernahm unter anderem Karl Schmitt, Besitzer des Überlandwerks Jagsthausen-Erlangen, die Geschäftsführung. Das Unternehmen wuchs immer weiter, es schlossen sich am Ende 20 Gemeinden aus Württemberg und 40 stromabnehmende Kommunen aus Baden dem neuen Gemeindeverband Jagst-Kocherwerke GmbH mit Sitz in Siglingen an. Die Gruppe verwaltete von dort außerdem die Kraftwerke in Jagsthausen, Gochsen und Ernsbach. In Nazi-Deutschland ging der Verband im Jahr 1939 in den Energie-Verband Schwaben (EVS) über. Mittlerweile gehört Siglingen zur EnBW.

Wenn das Hochwasser den Mitarbeiter umspült

Heinz Tuffentsammer hat auch Anekdoten zu den Anlagen zusammengetragen, die er kürzlich im Rahmen der Neudenauer Heimatblätter veröffentlicht hat. Vom Schichtbetrieb erzählt er darin, "bei guter Wetterlage war das wohl ein angenehmer Arbeitsplatz". Die Jagst ist aber auch für ihre hohen Pegelstände bekannt: "Jedoch bei Hochwasser konnte es, wenn Baumstämme oder Eisbrocken bei Eisgängen mit ohrenbetäubendem Lärm gegen die Gebäudeteile schlugen, beängstigend sein." Der Pegel orientiert sich nicht am Schichtplan: Um den Jahreswechsel 1948/1949 sei ein Diensthabender einmal sogar über einen Tag vom Wasser völlig eingeschlossen gewesen. "Als ihn die Feuerwehr endlich mit einem Nachen befreite, war er so aufgeregt, ihn die Nerven verließen und er zu früh sprang, dabei den Nachen verfehlte und ins eiskalte Wasser fiel."

 
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