Georg Wagner aus Künzelsau ist der Mann, der unsere Böden erforschte
Der Künzelsauer Ehrenbürger hat Steinschichten und Flüsse Süddeutschlands untersucht. Durch Schotter erkannte er die alten Verläufe von Jagst und Kocher - vor 50 Jahren ist er gestorben

Das große Bundesverdienstkreuz, die Ehrenbürgerwürde in Künzelsau, der Preis der Stadt Wien für Naturwissenschaften und der Schillerpreis der Stadt Marbach: Georg Wagner ist hoch dekoriert. Der Grund ist seine Liebe zu Steinen - und zu seiner Heimat.
Der Geologe "formte unser Bild der Erd- und Landschaftsgeschichte, der Bildung des Muschelkalks, der jungen Krustenbewegungen, der Schichtlagerung, Flussgeschichte und vieles mehr", schreibt der Künzelsauer Stadtarchivar Stefan Kraut in einem Aufsatz zur Biographie Wagners, in dem er auch aus Manuskripten zitiert, die zum Teil biographisch sind. "Die Geschichte der Laufrichtung und des Verlaufs des Kochers und der Jagst hat er aus Relikten in Schottern nachvollzogen", sagt der Geologe Hans Hagdorn, Leiter des Ingelfinger Muschelkalkmuseums.
Schmerzhafter Beginn der Liebe zu den Steinen
Wagners Liebe zu den Steinen entstand schon früh - auf den Grundstücken seines Vaters. Beim Steine-Auslesen in den Weinbergen entdeckte er immer wieder Versteinerungen. An einen Fund wurde er ein Leben lang erinnert, erzählt Kraut in der Biographie: Die Kinder mussten Steine zu Schotter zerschlagen. Wagner sah, wie sein Bruder eine Muschel freigeschlagen hatte und wollte sie ergreifen. "Aber der niedersausende Hammer traf meinen Finger auf der Muschel. Der Fingernagel war schwer getroffen und für die Dauer deformiert", lautet ein Zitat in dem Aufsatz. Die längst etablierte Verbindung zu den Versteinerungen blieb jedoch erhalten: "Ich suchte in über 1000 Steinbrüchen, fand sie sogar am Abhang des Nebo am Toten Meer."
Bahnbrechende Doktorarbeit
"Er hat eine wirklich bahnbrechende Doktorarbeit geschrieben: über die Schichten des oberen Muschelkalks und den Lettenkeuper - also die Steine, die bei uns in Hohenlohe zu sehen sind", sagt Museums-Chef Hagdorn. Wagners Lehrbuch zur Geologie habe bei den Lehrern eine große Beliebtheit erreicht. "Er war sich seiner Bedeutung bewusst, hat sehr selbstsicher seine Thesen vertreten", so Hagdorn, der Wagner auf einer Tagung in Schwäbisch Hall kennengelernt hat.

Studium gegen den Willen des Vaters
Eine wissenschaftliche Bildung hätte Wagner eigentlich gar nicht bekommen sollen, wenn es nach seinem Vater gegangen wäre: "Es entsprach nicht seinen Bildungsvorstellungen", schreibt Kraut in der Biographie. An der sogenannten Seminar-Übungsschule und anschließend am Lehrerseminar in Künzelsau machte der junge Georg Wagner dann dennoch die Ausbildung zum Lehrer - und unterrichtete auch einige Zeit.
1906 legte er die Reifeprüfung ab und konnte studieren. Sein Vater wiederum wollte ihm das Studium nicht finanzieren. Dies hätte der Sohn gesetzlich erzwingen können, "aber er hätte es mir nie verziehen", heißt es in der Biographie. Als Lehrer finanzierte Wagner sich sodann das Studium. Danach arbeitete er in der Lehrerausbildung am Lehrerseminar in Nagold und war auch als Gutachter, unter anderem für die französische Besatzungsmacht in Oberschwaben, tätig. Der Höhepunkt seiner Karriere war jedoch die Professur für Geologie an der Tübinger Uni, die er bis 1953 innehatte.
Söhne sterben früh
Das Leben Wagners trüben einige Schicksalsschläge. Sein ältester Sohn Helmut starb 1943 im Zweiten Weltkrieg. 1964 kam seine Ehefrau bei einem Unfall ums Leben. Der Sohn, Gerold, sollte eigentlich das wissenschaftliche Erbe des Vaters antreten. Doch auch er starb bei einem Unfall auf einer Exkursion in Frankreich im Jahr 1967.
Durch einen Fliegerangriff im Jahr 1944 verlor Wagner seine Bibliothek. Darunter waren auch viele Manuskripte für ein Künzelsauer Heimatbuch, das er veröffentlichen wollte. Doch wegen des Kriegs und anderer Umstände konnte er diesen Traum nicht verwirklichen.
Schule nach Wagner benannt
"Es sind wohl seine Verbundenheit zu Künzelsau und seine Forschungen zum Kochertal - deswegen ist er zum Ehrenbürger der Stadt geworden", sagt Archivar Kraut im Gespräch. Die Verleihung jener Ehrenwürde war 1965 sein letzter öffentlicher Auftritt im Kochertal. 1972 verstarb Wagner und wurde in Künzelsau begraben. Zu seinem 100. Geburtstag veranstaltete Hagdorn eine Tagung. "Dabei ist ein regelrechter Hype entstanden", sagt Kraut: Seither trägt die Georg-Wagner-Schule seinen Namen.
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