Pfedelbach
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Backen wie vor über 100 Jahren in Gleichen

Einmal im Jahr wird im Gleichener Backhäusle richtig eingeheizt. Zwei Frauen berichten von der alten Tradition.

Stefanie Jani
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Lesezeit 3 Min
Backen wie vor über 100 Jahren in Gleichen
Fürs Foto sind Ilse Wieland (links) und Carmen Wenczel auch mal vor dem Ofen, gewöhnlich findet man sie beim Teig kneten. Foto:Stefanie Jani  Foto: Jani, Stefanie

Wenn im Backhäusle in Gleichen eingeheizt wird, bleibt das nicht geheim. Zum einen weil die Nachbarn dann wegen dem Qualm besser ihre Wäsche ins Haus bringen, und zum anderen da die Dorfbewohner vor dem Häuschen stehen und wissen, sie werden verköstigt. Backen ist ein Gemeinschaftserlebnis im Pfedelbacher Teilort, das war es schon vor über 100 Jahren und ist es auch heute noch, wenn auch derzeit nur einmal im Jahr.

Viele Kuchen kommen in den Ofen

Ilse Wieland, Carmen Wenczel und Esther Weinmann sind das Back-Trio und halten die Tradition im Backsteingebäude aus dem Jahr 1878 im Kinderferienprogramm am Leben. An diesem Tag wandern Zuckerkuchen, Zwetschenkuchen oder Brot in allen erdenklichen Varianten in den mehrere hundert Grad heißen Ofen.

Ist das Backen wie vor 100 Jahren? "Im Grunde schon", Ilse Wieland überlegt: "Früher hat man mehr mit Sauerteig gebacken." Von einer inzwischen verstorbenen Gleichener Frau wissen sie, dass in der Vergangenheit etwa einmal im Monat gebacken wurde. Das musste reichen. Feuer wird noch wie damals gemacht. Mit den "Backprügele", dem Rebenschnitt, "weil es gut brennt", so Wenczel, wird Feuer gemacht, dann folgt das starke Holz. Wenn der Stein innen richtig weiß ist, kann es fast losgehen. Und so steigt wie bei der Papstwahl einmal im Jahr auch weißer Rauch in Gleichen auf. "Anfangs ist es noch zu heiß", wirft Wenczel ein. "Uns ist oft das erste Brot verbrannt, da hieß es, einmal eine Hand voll Mehl reinwerfen und Vater Unser beten, dann darf das Brot rein." Im Keller hingen früher die Haken "und da kam das Brot ran, war es zu hart, gab es Brotsuppe mit Milch oder man hat es halt eingetunkt und der Schimmel der ist halt abgekratzt worden", sagt Ilse Wieland. Dass heute nur einmal im Jahr, meistens am letzten Freitag in den Sommerferien, gebacken wird, bedeutet nicht, dass das Brot so lange halten muss. Vielmehr wird an diesem Tag, wenn die Kinder vom Kinderferienprogramm satt sind, noch das ganze Dorf versorgt.

Gemeinde kaufte "Häusle"

Backen wie vor über 100 Jahren in Gleichen
Zwetschgen-, Rahm- oder Zwiebelkuchen: Wenn einmal im Jahr das Feuer brennt, wird so viel gebacken, dass alle Gäste satt werden. Foto: privat  Foto: privat

Mitte der 80er Jahre hat die Gemeinde das "Häusle" gekauft und wieder auf Vordermann gebracht. Nach dem damaligen Einweihungsfest haben sich einige Frauen aus Gleichen zusammengetan und wollten regelmäßig dort backen. Der Versuch, die Tradition wieder häufiger wieder aufleben zu lassen, scheiterte. "Öfter als zum Ferienprogramm schaffen wir es leider nicht, es hat halt jeder sein Geschäft", bedauert Ilse Wieland.

Dafür sind an diesem Tag alle mit Leidenschaft dabei. "Bei uns gibt es keine Knetmaschinen", erzählt Wieland. Von Hand kneten, das kennen die meisten Kinder, auch die die Zuhause backen, nicht. Wenczel erzählt: Da gibt es die, die sich überhaupt nicht trauen in den Teig zu greifen, die, die mit beiden Händen reingehen und dann überall alles kleben haben oder die Ungeduldigen, die nicht glauben wollen,dass man so lange kneten muss, bis der Schüsselboden endlich sauber ist und und man den Teig nehmen kann." Eine viertel Stunde kann das dauern. Und wem die Puste ausgeht, der holt sich Unterstützung, denn es gibt es an diesem Tag dann viele Helfer. Wieland ergänzt: "An dem Teig kann man seine ganze Wut rauslassen."

Von Zwetschgen- bis zu Rahmkuchen, Apfel- und Zuckerkuchen entstehen viele Leckereien. "Der Mürbekuchen ist ein dünner Brotteig mit süßer Sahne und Butterflöckchen drauf, auch eines der älteren Rezepte", wirft Wieland ein.

Backen in der Familie

Dass in Familien nicht mehr gebacken wird, kann Wieland so nicht bestätigen. Gerade in den letzten Jahren gebe es den Trend, sein Brot selbst zu backen. Wenczel hat eher beobachtet, dass die Unterschiede größer sind, zwischen denen, die tatsächlich noch nie ein Messer in der Hand hatten, und denen, die ganz selbstverständlich zum Küchenwerkzeug greifen.

Mit Freude ist letztlich jeder dabei, besonders, wenn die Kuchenrohlinge vom Bürgerhaus, wo der Teig entsteht, zum Backhäusle transportiert werden.

Und dort wird mehrmals eingeheizt, damit die vielen hungrigen Kinder und die vielen Dorfbewohner satt werden.

 


Rezept Rahmkuchen

Teig :

- 300 Gramm Mehl Typ 405

- 60 Gramm Fett (eventuell Schweinschmalz, Butter oder Margarine)

- 1 Teelöffel Salz

- 1/10 Liter Milch lauwarm

- 1/2 Packung Hefe

- 1 Prise Zucker

Belag Rahmkuchen:

- 3 Becher

- 3 Eier

- Salz, Kümmel, Schnittlauch-Petersilie-Lauch als Geschmacksvarianten

Zubereitung:

Für den Teig das Mehl in eine große Schüssel sieben, in der Mitte eine Mulde machen. Hefe in einer Tasse fein zerbröseln, Zucker darüber geben, einen Teil lauwarmes Wasser darauf, verrühren und in der Mulde zu einem Vorteig rühren. Zehn Minuten stehen lassen. Dann die restlichen Zutaten dazugeben und zu einem Teig kneten. Stehen lassen, bis er um das Doppelte aufgegangen ist. Sahne cremig schlagen, Eier und Gewürze darunter, zum Schluss gedämpften Lauch, Schnittlauch oder Petersilie unterrühren. Backzeit: 30 Minuten bei 200 Grad.

 
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