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Klimakrise, Pandemie, Krieg: Was macht die allgemeine Verunsicherung mit uns?

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Zukunftsforscher Marcel Aberle spricht über die Herausforderungen, vor denen Gesellschaft und Unternehmen jetzt stehen.

Polizisten stehen Wache neben dem Ort, an dem ein Bombenangriff auf Kiew Wohngebäude beschädigt hat. Foto: dpa
Polizisten stehen Wache neben dem Ort, an dem ein Bombenangriff auf Kiew Wohngebäude beschädigt hat. Foto: dpa  Foto: Rodrigo Abd (AP)

Was in Zeiten des Krieges als nächstes passiert, das können auch Zukunftsforscher wie Marcel Aberle nicht vorhersagen. Doch die Trends und großen Linien zu erkennen, das ist möglich und hilfreich. Der aus Schwaigern stammende Aberle ist seit drei Jahren Geschäftsführer beim Zukunftsinstitut in Wien, berät Firmen und Politik. Im Gespräch mit unserer Zeitung erklärt er, was die allgemeine Verunsicherung mit uns macht.

 

Wir erleben gerade eine Zeitenwende. Womit ist sie aus Ihrer Sicht verbunden?

Marcel Aberle: Es ist vielschichtig. Aber Sicherheit hat auf jeden Fall einen neuen Stellenwert. Vor Kriegsausbruch gab es Diskussionen darüber, ob das wirklich ein Megatrend ist, wie wir ihn definieren. Zu solchen Megatrends gehören auch Individualisierung, Globalisierung oder Urbanisierung. Vor Kriegsbeginn hat man bei der Sicherheit vielleicht noch eher den Cyberwar vor Augen gehabt, also Angriffe im Netz. Jetzt geht es ganz konkret auch um die nationale Sicherheit, und dieses Thema wird uns dauerhaft beschäftigen. Man stelle sich vor, vor wenigen Wochen hätte ein Politiker davon gesprochen, 100 Milliarden Euro für die Bundeswehr bereitzustellen - den hätte man aus dem Amt gejagt. Das Gefühl der Bedrohtheit wird sich auch mit einem Kriegsende nicht plötzlich wieder auflösen. Wir werden damit umgehen müssen.

 

Marcel Aberle, Geschäftsführer des Zukunftsinstituts in Wien.
Marcel Aberle, Geschäftsführer des Zukunftsinstituts in Wien.  Foto: Andreas Veigel

Jeder spürt letztlich, dass sich etwas verändert hat. Wie kann man das analysieren?

Aberle: Unser Hirn kann eigentlich gut mit komplexen Informationen umgehen. Wir sind beispielsweise sehr gut darin, Muster zu erkennen. Das hilft uns, Dinge zu verstehen, das gibt uns Orientierung. Um damit zu arbeiten, muss man sortieren und verknüpfen können. Dafür nutzen wir unterschiedliche Methoden, beispielsweise den sogenannten Trend Canvas. Damit zeigen wir, welche Trends auf Systeme wie die Natur, Gesellschaft, Wirtschaft, Markt, Organisation oder den Menschen wirken und wie sie das tun.

 

Und was untersuchen Sie beim Zukunftsinstitut dann zum Beispiel?

Aberle: Das können die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf den Amateurfußball sein. Aber auch, welche Bereiche das autonome Fahren beeinflusst. Da kommt man dann auf Dinge, die auf den ersten Blick kaum etwas damit zu tun haben wie Einnahmen der Kommunen durch Tempoverstöße. Und so sieht man auch bei der Folgenabschätzung des Krieges in der Ukraine, was sich alles verschiebt. Angesichts der Informationsflut werden Filter und Bewertungen wichtiger. Kosten und Preise steigen, es wird in verschiedenen Bereichen Einschränkungen geben. Auf der individuellen Ebene ist eine Orientierungslosigkeit zu spüren. Menschen sind verunsichert und erschöpft. Werte und Grundannahmen werden infrage gestellt. Angst, Wut, Trauer sind weit verbreitet. Der Wunsch nach Stabilität wächst.

 

Weil sie uns abhandengekommen ist. Man redet ja schon länger über die VUCA-Welt, die immer volatiler, unsicherer, komplexer und vielschichtiger wird. Mit dem Krieg wird das extremer...

Aberle: Natürlich. Wir sind über diese Vorstellung der Welt vielleicht schon hinaus. Es ist alles im Umbruch. Wir reden hier über eine Stapelkrise. Schließlich sind Klimakrise und Pandemie nahtlos in die Ukraine-Krise übergegangen. Das Schlimme ist aber nicht nur die Geschwindigkeit, mit der das alles passiert, sondern dass es alles auch noch parallel stattfindet.

 

 Foto: privat

Die Wahrheit ist das erste Opfer des Krieges, heißt es. Welche Rolle spielt dieser Punkt?

Aberle: Na klar, das ist der Kampf der Narrative. Ost gegen West kämpfen in diesem Krieg um die Deutungshoheit.

 

Während Corona gab es diese verschiedenen Narrative auch schon. Da verliefen die Grenzen quer durch die Gesellschaft. Wird das jetzt überlagert?

Aberle: Das ist noch nicht abzusehen. Aber die Frage, wie wir zu Informationen kommen und diese bewerten, wird immer wichtiger. Viele Menschen haben in der Corona-Zeit schon gemerkt, dass es nicht okay ist, wenn man Aussagen eines Chefarztes mit denen eines Bloggers aus Thailand als gleichwertig nebeneinanderstellt. Mit Blick auf den Krieg gibt es sicher eine gewisse Einigkeit in großen Teilen der Gesellschaft. Aber die Spaltung ist mit der neuen Krise natürlich nicht schlagartig geheilt. Es wird ja auch noch immer gegen Corona-Maßnahmen demonstriert.

 

Wie kommt es dazu, dass wir in den vergangenen Jahren diesen Kampf der Narrative haben?

Aberle: Je komplexer Vorgänge werden, desto schwieriger wird es, damit umzugehen und die Muster zu erkennen. Man ist deshalb unter Umständen empfänglich für die Vereinfachung. Das ist gefährlich, weil die Welt sich nicht darum schert, wenn wir sie vereinfachen. Sie bleibt komplex. Das genau ist die Zeit der Populisten.

 

Nochmal zur Vereinfachung. Sollte die Politik nicht versuchen, manches auch wieder zu vereinfachen, oder ist das zum Scheitern verurteilt?

Aberle: Nein, das ist etwas anderes. Systemische Eingriffe sind absolut möglich und notwendig. Die Politik ist in der Lage, die großen Hebel ansetzen und damit auch die Rahmenbedingungen zu verändern. Da wird es aber auch für uns schwierig, Vorhersagen zu treffen. Man kann nicht wissen, wie Putin sich verhält oder wie der Westen darauf reagieren wird. All das hat jetzt aber ganz konkrete Auswirkungen auf die Zukunft.

 

Kann man von diesem Tableau auch etwas Positives ablesen?

Aberle: Vielleicht das Identitätsthema. Solidarität und Empathie sind groß derzeit. Europa steht zusammen und der Zusammenhalt unter den Menschen wächst. Auch den Wert der Demokratie, die in den vergangenen Jahren so stark in der Kritik stand, ist plötzlich vielen Menschen wieder bewusst geworden. Das Thema Vernetzung bekommt einen neuen Schub. Die Diversität hat ohnehin schon einen ganz neuen Stellenwert. Das wird sich verstärken.

 

Trotz aller Unsicherheit wachsen wir also auch wieder mit den Herausforderungen?

Aberle: Das Thema Resilienz bekommt hier eine ganz neue Bedeutung. Denn früher stand es dafür, dass man robust ist und nach einem Schock wieder zurück zu alter Stärke findet. In Zeiten der Stapelkrise gibt es keinen Weg zurück. Man nimmt also die Einwirkung von außen auf und passt sich an. Auf Englisch sind die Begriffe wieder einmal sehr prägnant. Aus dem "Bounce back" wird das "Bounce forward". Einfach ist das nicht. Denn wir Menschen sind Gewohnheitstiere und wollen einfach nur Stabilität.

 

Aber die gibt es nicht mehr.

Aberle: Genau. Damit entsteht in solchen Zeiten Stress für die Menschen, die aber auch sehr unterschiedlich damit klarkommen. Das merkt man vielleicht in seinem Umfeld. Die einen nehmen sich alles zu Herzen und sind emotional mitten im Krieg, an anderen perlt es eher ab. Das wird auch sehr wichtig für die Unternehmen, die jetzt ein Auge darauf haben müssen, was mit ihren Mitarbeitern geschieht. Man muss sie coachen, sie begleiten und ihnen helfen, sich weiterzuentwickeln.

 

Unternehmen kommen auch selbst sehr unterschiedlich mit den Herausforderungen zurecht. Manche haben auf die weltweite Vernetzung vertraut. Jetzt zeigt sich, welche Risiken die Globalisierung mit sich bringt.

Aberle: Lange Zeit ging es nur um Effizienz. Wir haben Dinge um die Welt geschippert, nur um ein paar Cent zu sparen. Das fällt uns jetzt auf die Füße. Die Lösung heißt Glokalisierung, das Zusammenwirken von lokalen und globalen Wirtschaftsbeziehungen. Das hat durch Corona schon einen riesigen Push bekommen, mit dem Krieg wird das noch verstärkt. Da geht es also auch auf Unternehmensebene um Resilienz, wenn ich mir überlege, was ich lokal produziere und vertreibe. Das eigene Umfeld kann man gut abschätzen. Trotzdem habe ich aber vielleicht noch Lieferanten in anderen Teilen der Welt und bin mit meinem Geschäft auch global am Start.

 

Haben Sie eigentlich den Rückzug der Unternehmen aus Russland in dieser Form erwartet?

Aberle: Nein, ich war sehr überrascht, wie schnell und mit welcher Konsequenz das passiert.

 

In den Chefetagen scheint man viel Angst davor zu haben, hinterherzulaufen. Ist es die Furcht vor dem möglichen Imageschaden?

Aberle: Das ist sicher ein Punkt. Aber das Image ist nur das eine. Die Identität spielt eine immer größere Rolle. Die Leute haben hohe Ansprüche an ihren Arbeitgeber und an die Unternehmen, mit denen sie zu tun haben. Das Stichwort ist Sinnökomie. Was ich wirtschaftlich tue, soll einen Sinn haben. Das geht inzwischen sogar noch einen Schritt weiter und dreht sich darum, was man zur Gesellschaft beiträgt. Das ist eine Riesenherausforderung in einem grundsätzlich kapitalistischen System, in dem es letztlich immer noch darum geht, Gewinne zu erwirtschaften.

 

Man ist schnell bei Themen wie Greenwashing. Viele Firmen haben Angst, in den sozialen Medien an die Wand genagelt zu werden.

Aberle: Das ist richtig und es hat die letzten Jahre geprägt. Aber nun bricht das mehr und mehr auf, weil man nicht nur schöne Geschichten erzählen kann und Slogans erfinden, wenn man gleichzeitig das Gegenteil tut. Vor allem jüngere Mitarbeiter wenden sich ab, wenn Schein und Sein zu weit auseinanderliegen.

 


Zur Person

Marcel Aberle (38) ist in Schwaigern aufgewachsen und hat von 2002 bis 2011 bei der TDS AG als Informatiker in Neckarsulm gearbeitet. Dann ging er zu Siemens in Wien, wo er die Möglichkeit hatte, parallel zum Beruf Strategisches Management in Krems zu studieren. Bei Siemens arbeitete Aberle dann in der Innovationsberatung. Anschließend hat Aberle zwei Start-ups aufgebaut, eines davon musste Ende 2020 in die Insolvenz. Vor vier Jahren wechselte er zum Zukunftsinstitut, das 1998 von Matthias Horx gegründet wurde. Seit 2019 ist er dort neben Harry Gatterer Geschäftsführer und zuständig für die Unternehmensberatung. Vor wenigen Wochen wurde sein Workbook Trend Canvas im Zukunftsinstitut Verlag veröffentlicht.

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