Ziehl-Abegg-Mitarbeiter zeigen mit TikTok den Spaß an der Arbeit
Beim Ventilatorenhersteller Ziehl-Abegg drehen Mitarbeiter nach Feierabend lustige Clips. Für das Projekt wurden sie nun mit einem Preis ausgezeichnet - gemeinsam mit Mercedes-Benz und Otto.

Zu Corona-Zeiten allein in der Firma? Da fühlt sich der "Lone Office Worker" unbeobachtet und steckt erstmal ganz viele Gummibärchen am Empfang ein, bevor er singend seinen Arbeitsplatz aufsucht.
Plötzlich das Echo der Kollegin hinter dem Schreibtisch. Er: "What?" Es ist die Art von TikTok-Humor, die sich kaum in Worte verpacken lässt. Bei Ziehl-Abegg hat man den Dreh allerdings raus. Seit Juni produzieren Mitarbeiter regelmäßig solche Clips, haben dabei viel Spaß und nun sogar einen Preis eingeheimst.
Der Chef ist stolz auf seine Mitarbeiter
Vergangene Woche kam das Team um Rebecca Amlung, Sophie Grill und Rainer Grill auf einen zweiten Platz des Deutschen Preises für Onlinekommunikation (DPOK). Darüber freut sich nicht zuletzt Ziehl-Abegg-Chef Peter Fenkl: "Gemeinsam mit Mercedes-Benz und Otto auf dem Treppchen zu stehen, ist wahrlich etwas, worauf man stolz sein kann."
"TikTok lässt sich nicht verordnen"
Das Ganze ist nicht Teil einer größeren Marketingstrategie. Es ist genau genommen auch kein offizieller Kanal des Ventilatorenherstellers, wie Rainer Grill betont. Als Unternehmenssprecher hat er zwar ein Interesse daran, die Firma gut nach außen darzustellen, aber hier gehe es einfach darum, Spaß miteinander zu haben. "TikTok lässt sich nicht verordnen."
Als er mit der Idee ankam, gemeinsam einen TikTok-Kanal auf die Beine zu stellen, war Rebecca Amlung sofort dabei. Und auch seine Tochter Sophie, mit 24 Jahren die Jüngste im Trio, war bereit, einen Teil ihrer Freizeit zu investieren.
Entscheidend war natürlich, die TikTok-Welt zu verstehen. Es gibt Challenges, Playback-Vorlagen und viele gute Ideen, von denen man sich inspirieren lassen kann. Und die Aufteilung im Team funktioniert. "Die beiden sind doch zwei Hingucker, und dann braucht es halt noch einen Clown - der bin ich", sagt Rainer Grill trocken.

Zwei Stunden für ein paar Sekunden Video
Hübsche Gesichter allein genügen jedoch nicht. Auch wenn es locker aussieht, so gehen für manchen Dreh schon mal zwei Stunden drauf, wie Rebecca Amlung erzählt. Inzwischen koste es aber weniger Mühe, die Kollegen davon zu überzeugen, dass sie sich tanzend oder spielend beteiligen sollen.
"Wir versuchen, die aktuellen Trends auf unseren Arbeitsalltag zu übertragen", sagt Amlung. Die 30-Jährige ist Assistentin des Bereichsleiters Produktmanagement und hat mit Marketing eigentlich nichts zu tun. Ebenso wie Sophie Grill, die im letzten Jahr ihrer Ausbildung zur Industriekauffrau ist: "Wir wollen junge Leute ansprechen und zeigen, dass unsere Firma kein konservativer Arbeitgeber ist."
Manchmal sei das Ziel auch gar nicht, witzig um jeden Preis zu sein. Dann werde auch mal nur eine Info zur Ausbildung oder zum Studium in der Firma transportiert - ein wichtiger Nebeneffekt, wenn so ein Kanal bespielt wird. Wichtig ist ihr: "Es geht uns nicht darum, irgendein Produkt zu platzieren."

Fragende Gesichter bei den Kollegen
Trotzdem spielen Ventilatoren, Motoren und andere Bauteile in den Clips eine zentrale Rolle. An die heranzukommen konnte sich mitunter als ziemlich schwierig herausstellen. Als Rainer Grill in eine Abteilung kam und nach nach einem Regelgerät fragte, wollte der Verantwortliche wissen: "Wozu?". Als Ausflüchte nichts halfen, erklärte Grill: "Um Bierflaschen zu öffnen, für die Bottle Cap Challenge." Da sei die Verwirrung groß gewesen. "So langsam hat es sich aber in der Firma rumgesprochen, was wir da machen", sagt Amlung.
Welche Art von Humor funktioniert, das lasse sich kaum vorhersagen. Manchmal hängt alles am Hashtag oder einer unerwarteten Fangemeinde, wie eine Star-Wars-Parodie zeigte. Der Lohn für die Arbeit ist die Freude über die Zugriffszahlen: Fast eine Million Mal wurde der Star-Wars-Clip aufgerufen und bekam rund 20.000 Likes.
Keine Bürokratie
Ziehl-Abegg produziert Elektromotoren und Ventilatoren, verkauft diese allerdings nur an Industriekunden und nicht an Privatleute. So ist die Betreuung eines eigenen Social-Media-Kanals in der Branche ungewöhnlich. "Es geht nicht um die Absatzförderung", erklärt der Vorstandsvorsitzende Peter Fenkl. Vielmehr ermögliche TikTok, dass sich Ziehl-Abegg einem breiten Publikum als sympathisches Unternehmen präsentieren kann.
Dass solch ein Engagement Risiken birgt, ist den drei TikTok-Verantwortlichen bewusst. Deshalb sei auch besprochen worden, wer die "Endkontrolle" übernimmt. Zum Glück müssten die Clips nun nicht von irgendeiner Stelle im Unternehmen abgesegnet werden. Rainer Grill: "Wir drei haben die Verantwortung, sonst könnte das so nicht funktionieren."

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