Würzburg sucht plötzlich Anschluss an Heilbronn: Am Main gibt es nicht ganz so viel Geld wie am Neckar
Die Tochterfirma des Temperierspezialisten Lauda Dr. Wobser aus dem Main-Tauber-Kreis zieht in die bayerische Nachbarstadt Würzburg. Das wird dort auch als Erfolg im Wettbewerb mit Heilbronn verbucht.

Das kleine Unternehmen, das Gunther Wobser 2018 während seines Auslandsjahrs als Chef des Temperierherstellers Lauda Dr. Wobser im Silicon Valley gründete, hat eine neue Bleibe in Würzburg gefunden. Bei der Eröffnung der neuen Räume der New Degree GmbH wurde deutlich, dass die Bayern diesen Zuzug auch als Erfolg im Wettbewerb mit der erstarkenden "Großstadt im Süden" sehen. Gemeint ist Heilbronn.
Neue Geschäftsmodelle, losgelöst vom Kerngeschäft
Die Büros der Lauda-Innovationstochter im vierten Stock des Bürogebäudes InnoHubs sind für das neue, agile Arbeiten ausgelegt. In diesem Labor sollen neue Geschäftsmodelle entstehen, wie New-Degree-Geschäftsführer Stefan Eiselein im Gespräch mit unserer Redaktion erzählt.
Das könnten Mietmodelle sein für Laborgeräte, die nicht nur von Lauda stammen. Oder auch die Entwicklung von Software, die Medizinern bei Herzoperationen hilft, die sogenannten Hypothermiegeräte zur Regulierung der Bluttemperatur richtig einzustellen. Dafür braucht es allerdings Daten, die erst mühsam eingesammelt werden müssen.
Wissenschaft trifft Innovation

Von der Dachterrasse des Büros aus sieht man Bechtle, Würth IT und viele andere Unternehmen, die sich hier auf dem ehemaligen Armeegelände angesiedelt haben. Der Standort ist gefragt. Das InnoHubs, das der Würzburger Wirtschaftsprofessor Axel Winkelmann mit Investorenhilfe gebaut hat, soll als Brücke zwischen Wissenschaft und Wirtschaft dienen und ist kurz nach Fertigstellung fast vollständig belegt.
Die Unternehmen befinden sich hier in direkter Nachbarschaft zu Universität und Technischer Hochschule, zu Start-up- und Innovationszentrum. Vieles erinnert an das, was auch in Heilbronn in den vergangenen Jahren entstanden ist.
Heilbronn hat Würzburg überholt
Das bleibt auch bei der Einweihung nicht unerwähnt. Gunther Wobser weist darauf hin, dass Heilbronn, was die Einwohnerzahlen angeht, Würzburg gerade überholt hat und auch "innovationsmäßig" mithilfe der privaten Gelder der Dieter-Schwarz-Stiftung stark aufrüstet.
Er habe sich dennoch für Würzburg entschieden - was keine Entscheidung gegen Heilbronn sei. "Ich verfolge die Aktivitäten sehr genau und kann mir vorstellen, dort ebenfalls eine Präsenz zu eröffnen", erklärt er gegenüber unserer Zeitung.
Diesmal hat Heilbronn allerdings den Kürzeren gezogen. "Ich freue mich sehr, dass wir es endlich geschafft haben, Sie über die Grenze zu holen", sagt die bayerische Digitalministerin Judith Gerlach, die an diesem Abend ebenfalls vorbeischaut.
Probleme scheinen überwunden
Der Würzburger OB Christian Schuchardt wertet das natürlich als Bestätigung für die Attraktivität der Stadt und das funktionierende Konzept, das auf dem Skyline Hill mit Wohnen, Grün und Arbeiten umgesetzt wurde. Der Stillstand, der in Würzburg bis vor einigen Jahren noch herrschte, sei damit überwunden.
Und er betont nachdrücklich, dass das mit staatlichen Mitteln passiert sei. "Wir haben nicht in dem Umfang privates Kapital, wie das in einer südlich gelegenen Großstadt der Fall ist", so Schuchardt. Sein Lob für Heilbronn: "Nicht unattraktiv" sei das, was diese Großstadt dort unternehme.
Der Skyline Hill funktioniert im kleineren Maßstab. 800 "Arbeitsplätze mit Innovationsbezug" sind auf dem Gelände, das 2010 von den Amerikanern gekauft wurde, bereits entstanden. Als Ziel nennt Schuchardt bis zu 3000. Dabei operiert man mit den gleichen Begrifflichkeiten wie andernorts. Ein Start-up-Ökosystem soll hier entstehen. Mitverantwortlich ist dafür auch Christian Andersen, Leiter Organisation und Planung des Gründerzentrums ZDI, ein Steinwurf vom Innohubs entfernt. Er könnte sich eine engere Kooperation mit Heilbronn durchaus vorstellen.
Der Temperierspezialist
Exakte Temperaturen sind das Geschäft von Lauda Dr. R. Wobser mit Sitz in Lauda-Königshofen im Main-Tauber-Kreis. Damit ist das Unternehmen mit seinen mehr als 500 Mitarbeitern in der Medizintechnik ebenso gefragt wie in der Automobilbranche, der Luft- und Raumfahrt oder der Halbleiterproduktion. Abseits der Produktion dieser Anlagen und Geräte versucht das Tochterunternehmen New Degree nun, neue, digitale Geschäftsmodelle zu entwickeln. Acht Mitarbeiter und einige Studenten arbeiten derzeit für die Innovationstochter.
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