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Würth zieht in die neue Arbeitswelt

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Mit der Corona-Krise geht auch der Montagespezialist aus Künzelsau schwungvoll in Richtung New Work. Büros werden umgebaut, Abläufe neu gestaltet. Das Homeoffice hat sich etabliert.

AWKG-Chef Norbert Heckmann und Projektleiterin Kathrin Funk nutzen die neuen Sitzgelegenheiten.
AWKG-Chef Norbert Heckmann und Projektleiterin Kathrin Funk nutzen die neuen Sitzgelegenheiten.  Foto: Peter Petter

Vivien Lanz und Natalia Kopf nutzen die Mittagspause an diesem schönen Spätsommertag, um etwas Sonne zu tanken. Der Fußweg um das neue Carmen-Würth-Forum in Gaisbach bietet die besten Bedingungen, sich dabei in Ruhe zu unterhalten. Unter dem Motto "Walk and Talk" sind auf dem Würth-Campus in Gaisbach mehrere Rundwege ausgewiesen, die - gerade in Corona-Zeiten - ganz unkompliziert die Chance bieten, sogar wichtige Gespräche in etwas anderer Atmosphäre zu führen. Denn bei Würth wird die Arbeitskultur gerade auf neue Beine gestellt.

Teamwork erhält einen neuen Stellenwert

Würth steht damit nicht alleine. Schon das massenhaft genutzte Homeoffice zeigte vielen Unternehmen vor anderthalb Jahren schlagartig, dass Zusammenarbeit nun neu gedacht werden muss.

Auch beim Mutterunternehmen im Würth-Konzern, der Adolf Würth GmbH & Co. KG (AWKG), blieben zeitweise 70 Prozent der Büroarbeitsplätze unbesetzt. Dauerhaft sollen Mitarbeiter mit einer geeigneten Tätigkeit Anspruch auf bis zu zwei Homeoffice-Tage pro Woche haben. So ist es in einer neuen Betriebsvereinbarung geregelt.

Befragung zeigte das große Interesse der Mitarbeiter

Beim Schraubenhändler wurde vieles durch die Pandemie beschleunigt, was zuvor bereits in die Wege geleitet worden war. "Nach dem ersten Lockdown im Juni 2020 hat Bettina Würth gesagt: Lasst uns mal eine Mitarbeiter-Befragung machen", erzählt AWKG-Chef Norbert Heckmann.

70 Prozent machten mit, das Interesse sei riesig gewesen. Und nur die letzte Frage drehte sich um das Homeoffice. "Darauf sollte man das Thema auch nicht reduzieren", sagt Heckmann.

Unternehmenskultur auf eine neue Stufe gehoben

Stattdessen ging man das Thema ganzheitlich an. Eine Projektgruppe wurde eingerichtet. "Wir wollten eine neue Art der Führung, neue Arbeitsorte und neue Arbeitsweisen, die auf unserer starken Unternehmenskultur aufbauen", erzählt Projektleiterin Kathrin Funk.

Dabei gibt es bereits den vielzitierten "Würth-Spirit", auf den die Mitarbeiter stolz sind, der sich in höflich-herzlichem Umgang miteinander ebenso zeige wie in der Arbeitsmoral und der Freude am gemeinsamen Feiern, wie Heckmann erläutert. Als ausgerechnet im Jubiläumsjahr durch Corona so vieles, das diesen Geist ausmacht, nicht mehr möglich war, sollte er neu mit Leben gefüllt werden.

Flexibilität wird groß geschrieben

Sichtbar wird das in einem der neu eingerichteten Projekt- und Besprechungsräume. Flexibel können hier alle an einem Tisch oder in Arbeitsgruppen zusammensitzen, getrennt durch Raumteiler, informiert über digitale Whiteboards, den Dancing Walls, über die auch Mitarbeiter von anderen Standorten zugeschaltet werden können. "Würth-Spirit" steht auf einer Tafel.

Hier können Projektgruppen Ideen entwickeln. "Wir hatten gerade ein Prozessmanagement-Team aus vier Bereichen, die Produktionshemmnisse identifizieren sollten", erzählt Norbert Heckmann. Drei Wochen haben sie daran gearbeitet.

Bergmanns Ideen kommen zu neuen Ehren

Einer der neuen Besprechungsräume bei Würth in Künzelsau: Die technische Ausstattung ist hier ebenso wichtig wie die Atmosphäre.
Einer der neuen Besprechungsräume bei Würth in Künzelsau: Die technische Ausstattung ist hier ebenso wichtig wie die Atmosphäre.  Foto: Peter Petter

Die bekannten Schlagwörter sind kollaboratives Arbeiten und Agilität - ständig auf der Suche nach den richtigen Herangehensweisen, den richtigen Methoden und den passenden Lösungen. Erreichtes wird in Wiederholungsschleifen optimiert.

Der Begriff New Work geht zurück auf den Philosophen Frithjof Bergmann, der bereits in den 1970er Jahren forderte, Arbeit neu zu denken. Er stellte fest: Arbeit soll etwas sein, das die Menschen stärkt, nicht schwächt. "Das haben auch wir uns vorgenommen", sagt Kathrin Funk.

Die damit verbundenen neuen Arbeitsweisen bekommen nun Raum. Und die Räume werden genutzt. Alles, was gebucht werden kann, sei regelmäßig ausgebucht. "Die Geschäftsleitung hat auf dem ganzen Campus nur einen Raum für sich reserviert, damit auch kurzfristig eine Nutzung mal möglich ist."

Keine festen Arbeitsplätze mehr

Die Neuerungen beschränken sich nicht auf Vorzeigeräume. 30 Prozent der Büroräume wurden bereits angepasst. Ein Vorbild war der Bereich Niederlassungen, wo schon vor der Corona-Zeit ein Konzept entwickelt worden war. Hier war man schon länger unzufrieden mit den starren Strukturen, den festen Sitzplätzen, die oft verwaist blieben, wenn Mitarbeiter auf Reisen waren, und dann wieder viel zu dicht beieinander waren, wenn alle zurückkamen.

Jetzt gibt es hier für 24 Mitarbeiter nur noch 17 Plätze, die zur Arbeit gebucht werden. Neue Teams können so unkompliziert an höhenverstellbaren Schreibtischen zusammensitzen oder -stehen, das papierlose Büro hat Einzug gehalten. Durch den Raumgewinn konnte ein Abteil abgetrennt werden, wo Strategien besprochen und Konferenzen abgehalten werden.

Ein Projekt, das nie abgeschlossen sein wird

„Walk and Talk“: Mitarbeiter sind eingeladen, Gespräche bei einem Spaziergang über den Würth-Campus zu führen.
„Walk and Talk“: Mitarbeiter sind eingeladen, Gespräche bei einem Spaziergang über den Würth-Campus zu führen.  Foto: Peter Petter

Auch hier hat die Zusammenarbeit einen neuen Stellenwert erhalten. Dazu gibt es Plätze für fokussiertes Arbeiten und einen kleinen Raum im Raum, der ein Zwiegespräch zulässt, ohne dass andere gestört werden. "Das Feedback der Kollegen ist, dass es einen extrem hohen Austausch gibt, weil man jeden Tag mit jemand anderem zusammensitzt", sagt Juliane Viktor, die das Projekt begleitet hat.

Abgeschlossen ist das Projekt New Work damit nicht. "Das ist es nie", sagt Kathrin Funk. Aber was sich inzwischen schon verändert hat, lässt sich wohl nicht mehr zurückdrehen.

Das dürften auch Bewerber um die Jobs hier spüren, die sich zum Kennenlerngespräch mit der Personalerin oder dem künftigen Chef auf den Walk-and-Talk-Weg um das Carmen-Würth-Forum machen dürfen. 35 Minuten dauert die Runde, "Art and Culture" ist eines der Mottos für die unterschiedlichen Routen über den Campus. "Das passt doch ganz gut für uns in der Personalabteilung, wie ich finde", sagt Kathrin Funk.

Neue Arbeitsweisen auch im Vertrieb

Würth hat nicht nur Büroarbeitsplätze. Das Unternehmen lebt weiter von seinen vielen Tausend Vertriebsmitarbeitern, die ebenfalls mit Veränderungen konfrontiert sind - und zwar kontinuierlich. "Vor 25 Jahren wurden noch 85 Prozent der Umsätze vom Verkäufer direkt beim Kunden geschrieben", erzählt AWKG-Chef Norbert Heckmann. Heute sei diese Zahl auf 35 Prozent gesunken, dafür laufe mehr über den stationären Handel, aber auch über Telefon und E-Business. Multikanal-Strategie nennt man das nicht nur bei Würth. Schon vor Corona habe mit dem neuen Vertriebsgeschäftsführer Torsten Elias vor zwei Jahren ein neues Selbstverständnis Einzug gehalten, erzählt Heckmann. Flache Hierarchien, mehr Eigenverantwortung. Und die Mitarbeiter sollten mehr telefonieren, um herauszufinden, wo sich ein Besuch lohnt. "Das kam uns dann zu Gute, als der persönliche Besuch vorübergehend gar nicht mehr möglich war."

 
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