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Wo Luft das wertvollste Lebensmittel ist

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Beim Revitalisierungsprojekt Urbanharbor in Ludwigsburg kommt auch beim jüngsten Projekt der Gebäudetechnik eine besondere Bedeutung zu. EBM-Papst-Tochter Neo zeigt hier, was alles möglich ist

Einfach das Fenster aufmachen, das geht hier nicht. Im jüngsten Projekt auf dem Urbanharbor-Areal in Ludwigsburg entsteht derzeit ein Bürogebäude in einer alten Fabrikhalle. Damit die gute Luft hier trotzdem nicht ausgeht, sind neue Ansätze gefragt. Die EBM-Papst-Tochter Neo darf zeigen, welchen konkreten Nutzen die Digitalisierung für die Menschen haben kann.

Wärmedämmung ist ausgezeichnet

Vor wenigen Jahren standen hier noch riesige Maschinen. Jetzt sieht man die Bürogebäude von Bosch-Rexroth und Bosch IO in der Halle. Und damit sind zwei Besonderheiten schon offensichtlich. Zum einen hält die doppelte Hülle dieser Haus-in-Haus-Lösung sehr gut die Wärme.

Das war ein zentrales Argument für Investor Max Maier, der auch in dieser 160 Meter langen Halle beweisen will, dass man auch im Altbau klimaneutral leben und arbeiten kann.


"So einen Wahnsinn haben wir noch nie gebaut"

Der zweite Punkt aber ist: Die Räume hier wären ohne Belüftung nicht nutzbar. "Luft ist ein Lebensmittel", sagt Christoph Hornek, der verantwortliche Planer des Projekts vom Ingenieurbüro I-On. Und in diesem Fall - weil es aktiv an jeden Punkt im Gebäude geleitet werden muss - ein besonders wertvolles. Er bringt es so auf den Punkt: "So einen Wahnsinn haben wir noch nie gebaut."

Thomas Sauer formuliert es etwas diplomatischer: "Wäre eine klassische Lüftungsanlage zum Einsatz gekommen, wäre sie viel zu groß geworden." Der Neo-Chef weiß, wovon er redet. Sauer war als Entwicklungsleiter bei EBM-Papst in Mulfingen viele Jahre damit beschäftigt, die sparsame EC-Motorentechnik noch sparsamer zu machen. Doch nichts ist so sparsam wie ein Motor, der gar nicht erst läuft.

Punktgenaue Ansteuerung spart viel Geld

Dazu kommt, dass die Luft nicht nur transportiert, sondern auch gefiltert, aufgeheizt oder gekühlt werden muss. Und so geht es hier darum, die Ventilatoren so exakt wie möglich zu steuern. Der Mensch könne schließlich nicht gleichzeitig am Arbeitsplatz sein und in einer Besprechung, merkt Hornek an.

Die "Denkzwerge" überwachen hier fast alles

Im Veranstaltungsraum Think Tank darf die Belüftung nicht erst einschalten, wenn Besucher eintreffen. Das Raumbuchungssystem muss also berücksichtigt werden.
Im Veranstaltungsraum Think Tank darf die Belüftung nicht erst einschalten, wenn Besucher eintreffen. Das Raumbuchungssystem muss also berücksichtigt werden.  Foto: Gleichauf, Christian

Wo die frische Luft gebraucht wird, das melden kleine Sensoren an der Wand. "Denkzwerge" nennt sie Hornek. Sie messen Feuchtigkeit, Temperatur, CO2-Konzentration oder auch Feinstaub.

Sogar VOCs entgehen ihnen nicht, also Volatile Organic Compounds oder flüchtige organische Verbindungen. Wie viele sich davon in der Luft befinden, erkennt sonst oft nur die menschliche Nase: ein muffiger Geruch ist meist ein untrügliches Zeichen, dass zu viele VOCs unterwegs sind.

Die Sensoren sind angeschlossen an die große, cloudbasierte Neo-Datensammelplattform.

Der Veranstaltungsraum muss vorab beheizt werden

Kompliziert wird das im großen Veranstaltungsraum, dem sechs Meter hohen "Think Tank", wo bis zu 150 Personen zusammenkommen können. Würde sich hier die Lüftung erst einschalten, wenn die ersten Besucher erscheinen, wäre es zu spät, um den Raum aufzuheizen. Die Menschen würden von oben angeblasen, kein angenehmes Gefühl. Über das Raumbuchungssystem wird also festgelegt, wann die Luft aus den Auslässen an der Decke bis auf den Boden gedrückt wird.

In den üblichen Besprechungsräumen reicht die ausgeatmete Luft der Nutzer, um die Lüftung einzuschalten. Gespannt sind auch die Experten, wie lange es dauern wird, bis sich die Atemluft von zehn Leuten in einem großen Raum bis zum Sensor verteilt hat.

Die Menschen hier müssen mit Kontrollverlust zurechtkommen

Für Planer Hornek ist dabei wichtig, dass sich die Menschen wohl fühlen. "Schließlich müssen sie hier mit einem Kontrollverlust zurechtkommen. Eigentlich will ja jeder selbst bestimmen, wann wie gelüftet wird."

Zwischen Außenhülle und Innenhülle werden die Lüftungsschächte geführt.
Zwischen Außenhülle und Innenhülle werden die Lüftungsschächte geführt.  Foto: Gleichauf, Christian

Angenehm warm soll es also sein, schon wenn man morgens den Raum betritt. Und alles, was schlechte Luft verursachen kann, wird von vornherein vermieden. Das betrifft die Farbe an der Wand oder die Holzvertäfelung ebenso wie den Teppichboden. "Ein billiger Boden gast aus, umso mehr müsste gelüftet werden."

Doch zum Geld haben die Investoren hier ohnehin eine besondere Haltung. Würde es darum gehen, möglichst günstig zu bauen, dann wäre die Halle schließlich abgerissen worden.

Ein neues Geschäftsfeld für EBM-Papst-Tochter Neo

Mit dem Projekt im Urbanharbor verbindet EBM-Papst Neo große Hoffnungen auf ein neues Geschäftsmodell. Haus-in-Haus-Lösungen wie diese dürften dabei die Ausnahme bleiben. Aber die Technik könnte auch für Bestandsanlagen eine Lösung bieten. Denn dort wird häufig viel Energie vernichtet, weil Luft mit hohem Druck durch Kanäle geschoben und über Drosseln reguliert und umgeleitet wird. Nach einigen Jahren entstehen zudem Undichtigkeiten.

Der neue Ansatz sieht so aus, dass im Hauptkanal die Zuluft nahezu ohne Überdruck zur Verfügung steht. Hocheffiziente, kleine Ventilatoren saugen sie dann ab und leiten sie in die kleinen Verteilkanäle. Knapp 300 dieser Ventilatoren sind im jüngsten Projekt im Urbanharbor verbaut und werden über die cloudbasierte Plattform geregelt. "Hier gibt es zum Beispiel mehrere Tausend Datenpunkte, alles wird bei der Steuerung berücksichtigt", erklärt Neo-Geschäftsführer Thomas Sauer. Dazu könnten auch bestehende Systeme, etwa zur Lichtsteuerung, oder die Hardware unterschiedlichster Hersteller angebunden werden.

Thomas Sauer arbeitete 20 Jahre bei EBM-Papst in Mulfingen, bevor er 2020 nach Dortmund wechselte, um die Digitalisierungs-Tochter Neo aufzubauen. Er startete mit einer Handvoll Mitarbeitern, inzwischen sind es knapp 40. "Wir wachsen kräftig", sagt Sauer.

 
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