"Wir sollten Unternehmen nicht zu Erwachsenentagesstätten machen"
Arbeitgeberempfang mit Gastredner Pero Micic und dem regionalen Südwestmetall-Vorsitzenden Hans-Jörg Vollert: Ein Abend der Hoffnung und der Mahnung.
Die Anspannung in den Unternehmen wächst. "Die Auftragsbestände schmelzen wie Schnee in der Sonne", sagt Südwestmetall-Vorsitzender Hans-Jörg Vollert beim Arbeitgeberempfang am Montagabend in der Aula des Bildungscampus. Autor und "Zukunftsmanager" Pero Micic sorgt dann allerdings dafür, dass keine gedrückte Stimmung bei dieser Weihnachtsfeier aufkommt.

KI wird uns noch viel Arbeit abnehmen
Micic sieht weltweit so viele Chancen wie nie zuvor, die Lebensqualität der Menschen nachhaltig zu steigern. Allein mit heutiger Technologie könne die Energieversorgung bis 2050 zu 100 Prozent regenerativ erfolgen.
Menschenähnliche Roboter könnten den Menschen in Zukunft viel Arbeit abnehmen, neue Werkstoffe und Materialien die Welt verändern. Künstliche Intelligenz, die jetzt immer beteiligt ist, tut es auf jeden Fall.
Das alles werde zu unvorstellbarem Wachstum in bestimmten Bereichen führen. De-Growth, also einen allgemeinen Schrumpfkurs für die Wirtschaft zu fordern, sei schlicht eine "uninformierte Idee". Um nachhaltiger zu wirtschaften brauche es den Fortschritt.
Micic: Unternehmen brauchen eine Mission
Und er will mehr Zukunftsfreude in Unternehmen sehen. Die entsteht Micic zufolge durch eine glaubwürdige Mission, die das Leben der Kunden und der Gesellschaft verbessert.

Eine solche Ausrichtung mache ein Unternehmen auch als Arbeitgeber attraktiv und zukunftsfähig - im Gegensatz zu vielen anderen Benefits, die teilweise angeboten würden. "Wir sollten Unternehmen nicht zu Erwachsenentagesstätten machen", warnt Micic.
Hans-Jörg Vollert machte zuvor deutlich, dass ihm die Freude an der Gegenwart gerade ziemlich vergeht. Die Politik habe daran einen großen Anteil. Die Bürokratie bleibt das große Thema, das den Weinsberger Unternehmer umtreibt.
Vollert: Die EU kann das auch besser
"Bestes Beispiel ist die Entsenderichtlinie der EU." Für eine Baustelle in Finnland habe ein Mitarbeiter einen Vertrag mit einem finnischen Ärztehaus gebraucht, zuvor musste er einen Termin beim Finanzamt machen. Eine 60-Prozent-Stelle im Unternehmen kümmere sich nur um solche Regelungen.
"Jedes Land interpretiert die Vorgaben anders." Noch schlimmer sei es, wenn man zu einer Messe nach Frankreich aufbreche. "Als überzeugter Europäer finde ich, dass wir das deutlich besser hinkriegen müssen."
Deutschland befinde sich in einer bedrohlichen Lage. Er wiederholte deshalb die schon mehrfach geäußerte Forderung nach einer Agenda 2030 - mutige politische Reformen nach dem Vorbild der Agenda 2010. "Wir brauchen einen großen Wurf, einen Aufbruch im ganzen Land, einen Ruck."
Die Ampel-Regierung müsse jetzt beherzt vorgehen. Dabei sieht er auch das Thema Sozialausgaben kritisch. "Es ist eine untragbare Entwicklung, wenn der Sozialstaat Jahr für Jahr mit höheren Raten wächst als die Wirtschaft insgesamt."
Konsequent voran
Micic wie Vollert betonten aber, dass für die Bewältigung der Zukunftsaufgaben verstärkt auf die Innovationskraft und Produktivität der Unternehmen gesetzt werden müsse, etwa durch konsequente Digitalisierung und Nutzung von KI. Südwestmetall-Geschäftsführer Jörg Ernstberger meinte zum Schluss nur: "Das Bild der Erwachsenentagesstätte krieg ich jetzt nicht mehr aus dem Kopf."

Stimme.de
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