Stimme+
Region
Zur Merkliste Lesezeichen setzen

"Wir haben in der Pandemie nicht das Optimum abgeliefert"

   | 
Lesezeit  3 Min
Erfolgreich kopiert!

Der Vorstandschef von Südwestmetall Heilbronn-Franken, Hans-Jörg Vollert, spricht im Interview über das Tarifergebnis in der Metall- und Elektroindustrie und eine Corona-Politik ohne Weitsicht. Er fordert, jetzt zu klären, welche Rolle Unternehmen in der Impfkampagne spielen sollen.

Hans-Jörg Vollert, geschäftsführender Gesellschafter von Vollert Anlagenbau. Foto: Christian Gleichauf
Hans-Jörg Vollert, geschäftsführender Gesellschafter von Vollert Anlagenbau. Foto: Christian Gleichauf  Foto: Gleichauf, Christian

Der Tarifabschluss in der Metall- und Elektroindustrie hat für Hans-Jörg Vollert mehrere positive Aspekte. Sorgen macht sich der Vorstandsvorsitzende der Südwestmetall-Bezirksgruppe Heilbronn-Franken aber über die Corona-Politik in Deutschland.

Es gibt einen Abschluss in der Metall- und Elektroindustrie, mitten in einer Zeit der Unsicherheit. Wie bewerten sie ihn mit einer Woche Abstand?

Hans-Jörg Vollert: Mit einer Kostenbelastung von rund 1,1 Prozent in diesem Jahr berücksichtigt er die derzeitige Situation. Da bin ich zufrieden. Und wir haben den Einstieg gefunden in eine Differenzierung, die für uns immer wichtiger wird.


Sie haben sich seit einiger Zeit bei den Arbeitgebern, bei Südwestmetall engagiert. Seit Februar sind Sie Vorstandvorsitzender in der Region. Was hat Sie dazu bewogen?

Vollert: Nach dem letzten großen Tarifabschluss 2018 war die Unzufriedenheit bei uns groß. Wir können uns doch nicht von Unternehmen wie Daimler, Porsche oder Audi den Abschluss für die gesamte Branche diktieren lassen. Mit dieser Meinung stand ich nicht allein. Es stellte sich die Frage, ob man austritt oder Verantwortung übernimmt. Ich bin keiner, der nur sagt: "So hätte ich es gern, setzt das bitte um." Auch Südwestmetall braucht die Mittelständler, die für ihre Belange eintreten. Als Karl Schäuble signalisiert hat, dass er aufhört, habe ich mich aufstellen lassen - und wurde gewählt.


Und diesmal ist es besser gelaufen?

Vollert: Ja, es hat sich einiges verändert. Das Verhandlungsteam wurde gezielt um Mittelständler erweitert. Auch unser Südwestmetall-Chef Wilfried Porth hat seine Sache, wie ich finde, sehr gut gemacht. Er hat für uns alle verhandelt. Es gibt mehr Abstimmung und Einbindung, es wird mehr Rücksicht genommen als in der Vergangenheit.


Was bringt die Sonderzahlung, die künftig jährlich als Transformationsbaustein genutzt werden kann?

Vollert: Dieser Trafo-Baustein hilft, die Heterogenität, die wir bei unseren Mitgliedern haben, abzubilden. Er passt, denke ich, sehr gut für einige Firmen, die in der Transformation ins Straucheln gekommen sind. Die Gewerkschaft hatte sich lange vehement gegen solche Ansätze gewehrt. Jetzt haben wir einen Anfang. Aber das muss weitergehen. Und wir wollen den Tarifvertrag auch weiter entschlacken, das ist jetzt nur teilweise gelungen.


Sie hatten ja einmal das Ende des Flächentarifvertrags prognostiziert...

Vollert: Die Mehrheit kann mit diesem Abschluss leben, weil er über die Einmalzahlungen Ansätze für Differenzierung bietet. Da sind wir wieder auf den richtigen Weg zurückgekommen.


Die Pandemie trifft Unternehmen unterschiedlich hart. Wie erleben Sie diese Zeit?

Vollert: Wir können arbeiten und stehen damit besser da als viele andere Unternehmen. Aber auch wir haben Probleme. Der Zugang zu unseren Baustellen weltweit ist uns teilweise momentan nicht möglich. Das Homeoffice funktioniert in manchen Bereichen nur beschränkt, weil wir mit unserer CAD-Software nicht mobil arbeiten können. 30 Prozent etwa sind zu Hause. Wir haben im gesamten Unternehmen Maskenpflicht. Wir beginnen jetzt, zweimal die Woche zu testen. Wir tun, was möglich ist. Aber die Frustration steigt, wenn immer neue Forderungen kommen, die nur Unternehmen betreffen. Der Staat sollte mit gutem Beispiel vorangehen und alle Regelungen auch bei sich einführen.


Manches Unternehmen duckt sich aber weg, auch beim Testen. Sind nicht deshalb strikte Vorgaben oft notwendig?

Vollert: Schwarze Schafe gibt es überall. Über den VDMA und die IHK sehe ich aber, dass fast jedes Unternehmen Konzepte erarbeitet hat - für die Hygiene, fürs Testen, aber auch fürs Impfen. Hier müssten jetzt die Rahmenbedingungen geklärt werden. Man spricht darüber, dass Unternehmen zum Testen verpflichtet werden, aber was tun, wenn Mitarbeiter nicht mitmachen? Auch der Datenschutz ist ein Problem: Darf ich den Mitarbeitern sagen, dass ihr Gegenüber positiv getestet wurde? Eigentlich nicht. Darum sollte sich die Politik kümmern. Wir machen es gerne kompliziert in Deutschland, und das rächt sich in so einer Pandemie.


Dachten Sie vor einem Jahr, dass wir besser durch die Krise kommen?

Vollert: Wer dachte das nicht? Wir haben leider nicht das Optimum abgeliefert. Inzwischen haben uns Länder abgehängt, von denen wir es vor einem Jahr nicht gedacht hätten. Zugegebenermaßen wird es einfacher, je autoritärer ein Land regiert wird. Unser Hang zur Einzelfallgerechtigkeit fällt uns aber extrem auf die Füße. Uns fehlt der Pragmatismus. Zudem fehlt uns die vorausschauende Planung. Ständig will man bestimmte Diskussionen vermeiden. Das Resultat war: Zuerst fehlten Masken, dann Tests, jetzt fehlen die Impfstoffe. Deshalb müssen wir heute darüber reden, was wir tun, wenn wir genug Impfstoffe haben. Wie wollen wir 700 000 Menschen am Tag impfen? Im Moment wiegelt man alle Diskussionen ab. Die Unternehmen stehen bereit. Die impfen auch Familienmitglieder mit. Aber man muss klären, wie das laufen soll. Und zwar jetzt.

 

Hans-Jörg Vollert (51) ist geschäftsführender Gesellschafter des Weinsberger Familienunternehmens Vollert Anlagenbau. Vollert wurde im Februar zum Vorstandsvorsitzenden von Südwestmetall Heilbronn/Region Franken gewählt, er ist Vizepräsident der IHK Heilbronn-Franken und im Maschinenbauverband VDMA aktiv. Vollert ist verheiratet und hat drei Kinder. 

Kommentare öffnen
Nach oben  Nach oben