Wie der Zufall das Glas nach Wertheim brachte
Clusterbildung mal anders: Nach dem Zweiten Weltkrieg siedelten sich ehemalige Thüringer im nördlichen Tauberfranken an und brachten Know-how und Netzwerk mit.

Glashütten entstanden vor vielen Jahrhunderten üblicherweise dort, wo es Sand und den Brennstoff Holz in großen Mengen gab. Oft spielten Klöster eine wichtige Rolle. Kalk und Soda braucht es noch dazu. Diese Voraussetzungen spielten für die Glashütte in Wertheim keine besondere Rolle. Sie verdankt ihre Gründung einer Reihe von Zufällen und persönlichen Kontakten.
So fanden sich nach dem Zweiten Weltkrieg mehrere Unternehmen aus der sowjetischen Besatzungszone am Main wieder, wo sie kooperierten, sich gegenseitig befruchteten und befeuerten. Bis heute tummeln sich zahlreiche Firmen des sogenannten Laborglas-Clusters in der Stadt, darunter mehrere Weltmarktführer, wahre Hidden Champions.
Gemeinsam eine Glashütte betreiben
Mit annähernd 500 Mitarbeitern am Standort ist die Brand-Gruppe heute einer der größten Arbeitgeber in Wertheim. Ihr Gründer Rudolf Brand gehörte zu den Thüringer Unternehmern, die nach dem Einmarsch der Russen und angesichts der drohenden Verstaatlichung der Betriebe ihr Glück im Westen suchten. In Stuttgart erfuhr er von den Plänen für eine Glashütte in Wertheim und kam mit weiteren Unternehmern der Glasbranche aus der alten Heimat zusammen.
Gemeinsam entschlossen sie sich, die Glashütte zu betreiben und ihre Unternehmen in Wertheim wieder neu aufzubauen. So wurden nicht nur einzelne Unternehmen neu angesiedelt, Wertheim bekam einen Cluster quasi frei Haus geliefert.
Blütezeit in den 1950ern und 60ern

Wie der Cluster-Forscher Peter Kirchner, Professor an der Pädagogischen Hochschule in Ludwigsburg, in einem Aufsatz beschreibt, war Karl Schneider aus Schmiedefeld bei Ilmenau damals der erste, der in Wertheim ankam. Mit seinem neu gegründeten Laborglasunternehmen hatte er dort im April 1948 die Produktion aufgenommen.
1950 wurde in der neuen Glashütte das erste Glas geschmolzen. Bis 1951 siedelten sich im Umfeld insgesamt sechs Glasbetriebe aus Südthüringen an mit damals schon mehr als 500 Beschäftigten.
Schnell ging es bergauf. Die Ansammlung von Unternehmen ist bis heute die deutschlandweit bedeutendste im Bereich Laborglas nach Mainz - wo der Weltkonzern Schott nach dem Zweiten Weltkrieg seine neue Zentrale in Westdeutschland aufbaute. In Wertheim aber nutzte man die Kompetenzen in allen Variationen und die Glasindustrie entwickelte sich zum wichtigsten Industriezweig der Stadt und des gesamten Main-Tauber-Kreises.
Die Alfi-Kanne kam aus Firschbach - in Thüringen

Thermometer gehörten zu den ersten Produkten, mit denen sich gleich mehrere Unternehmen weltweit einen Namen machten. Andere nutzten das Glas beispielsweise für Isolierkannen, wie die "Aluminiumfabrik Fischbach", kurz Alfi, von Sophie und Carl Zitzmann, die ebenso von Thüringen nach Wertheim übergesiedelt war wie der Isolierkannenhersteller Helios. Glas wurde aber auch zur Vlies- oder Textilherstellung genutzt und so in zahlreichen Variationen verarbeitet.
Neben den Unternehmen wurden weitere Einrichtungen in Wertheim gegründet, wie Kirchner aufführt: ein Eichamt für Glasmessgeräte, die Interessengemeinschaft der Wertheimer Glasindustrie, die Bundesfachschule für Glasinstrumententechnik (heute ein Teil der Beruflichen Schulen). "Heute kommen sogar die Auszubildenden aus der Schweiz zum Blockunterricht nach Wertheim", erzählt Barbara Benz, die stellvertretende Leiterin des Glasmuseums, das ebenfalls hier entstanden ist.
Bis heute wird gemeinsam geforscht
Und dann gibt es nicht zuletzt die Forschungsgemeinschaft Technik und Glas e.V. (FTG). Diese wurde von kleinen und mittelständischen Unternehmen 1951 gegründet und betreute diese Unternehmen wissenschaftlich und technologisch.
Einen Großteil der Aufgaben gab die Forschungsgemeinschaft 1995 an das Fraunhofer Institut für Silicatforschung (ISC) in Würzburg ab, das im gleichen Jahr eine Außenstelle in Wertheim-Bronnbach eröffnete.
Beste Voraussetzungen also für eine gegenseitige Befruchtung der Unternehmen, aus denen mehrere Weltmarktführer hervorgingen und Wertheims Status als eine der bedeutendsten Industriestädte der Region Heilbronn-Franken festigte. "Es ist eine der großen Stärken unserer Stadt, und daneben gibt es auch noch die Löttechnik, die Vakuumtechnik und die Kabelprüftechnik, mit der Wertheim sich einen Namen macht", erklärt Jürgen Strahlheim, der Wirtschaftsförderer der Stadt.
Strukturwandel in den 1970er Jahren
Der Cluster-Atlas Baden-Württemberg von 2019 beschreibt allerdings auch, wie der Glassektor in den 1970er einen tiefgreifenden Strukturwandel erlebte. Glas wurde auf vielen Feldern durch Kunststoff ersetzt. Viele Arbeitsplätze gingen verloren. Einige Unternehmen blieben erfolgreich in der Nische, andere reagierten mit Diversifikation. Bekanntester Vertreter der letzteren Gruppe ist die bereits erwähnte Brand-Gruppe.
Zum Geschäft gehören seit den 1960er Jahren beispielsweise die Vakuumtechnik, das "Liquid Handling" und Laborgeräte aus Kunststoff. 1982 beteiligte sich Brand an Lenz Laborgeräte. Zum erweiterten Laborglas-Cluster zählen heute 20 Betriebe mit insgesamt rund 2000 Beschäftigten. Alfi
Einer der Namen, der über Jahrzehnte auch Endverbrauchern geläufig war, ist Alfi. Bei dem Isolierkannenhersteller boomte es in den 60er und 70er Jahren. Zeitweise waren mehrere Hundert Mitarbeiter beschäftigt. WMF übernahm das Unternehmen 1987 und verkaufte es dann 2014 weiter an den US-Konzern Thermos. Fünf Jahre später wurde die Produktion in Wertheim eingestellt. Es blieb nur das Vertriebsteam. Der Markenname besteht allerdings weiter.
Fraunhofer-Institut

"Jede Pipette muss geeicht werden", erzählt Marie-Luise Righi vom Fraunhofer-Institut für Silicatforschung (ISC). Gleiches gilt für Messkolben, Büretten und andere Laborgläser, die in Wertheim hergestellt werden. Das Fraunhofer-Institut hat dafür in Zusammenarbeit mit den Unternehmen Geräte entwickelt. "Es geht darum, dass die Markierungen an den richtigen Stellen gesetzt und dann eingebrannt werden", erläutert Righi den Ablauf. "Das ist ein viel aufwendigerer Prozess als man gemeinhin denkt." Um die zehn Mitarbeiter sind in der Außenstelle Bronnbach des ISC, einem Test- und Prüfzentrum des Fraunhofer-Instituts, beschäftigt.
Der in Haselbach in Thüringen gegründete Glasfaserhersteller Schuller kam 1952 nach Wertheim und baute bald ein eigenes Werk zur Produktion von Glasvlies, eine zweite Glashütte. Mit annähernd 700 Beschäftigten war Schuller, das seit 1971 zur amerikanischen Johns Manville Corporation gehört, lange der größte Arbeitgeber in Wertheim. Die Entwicklung hier geht immer weiter. Glasfaserverstärkter Kunststoff findet sich heute beispielsweise auch in den Flügeln von Windkraftanlagen. Zuletzt baute das Unternehmen ab 2015 eine neue Mikroglasfaservliesanlage.
Glashütte Wertheim
An der Spitze der vielen Unternehmen stand das Glaswerk Wertheim, die eigentliche Glashütte, die fünf Unternehmer gemeinsam gegründet hatten. Hier wurde das Rohglas für die gesamte Industrie produziert und zudem Laborglasgeräte. Bereits in den 50er Jahren wuchs das Unternehmen auf mehr als 400 Mitarbeiter an. Die Glashütte selbst ist seit 1994 geschlossen. Das Unternehmen ging über zu DWK Life Sciences.

In der zweiten Runde der Übersiedlungen aus Ilmenau in Thüringen kam auch Lenz Laborglas 1952 nach Wertheim. Geführt wird der Betrieb heute von Stefan Lenz und Susanne Eberhard, Enkel des Firmengründers Erich Lenz. Mit rund 80 Mitarbeitern werden hier bis heute die sogenannten Schliffgeräte produziert: Kolben, Kühler, Thermometer und ähnliches, die man einfach zusammenstecken kann. Schliffgeräte heißen sie, weil ihre Anschlüsse nach Din-Norm geschliffen sind und so exakt und dicht ineinanderpassen, wie Geschäftsführerin Susanne Eberhard erklärt. "Wir sind inzwischen noch eines der wenigen Unternehmen hier, die sich in erster Linie aufs Glas konzentrieren."
Kein Glas ohne Gas
Sorgen macht der Glasindustrie die zunehmend unsichere Gasversorgung. Um das Rohmaterial Glas herzustellen, ist viel Energie und in der Regel viel Erdgas notwendig. Entsprechende Preissprünge gab es zuletzt auch bei diesem Rohstoff. Seitdem die Rohkolben, die beispielsweise bei Lenz verarbeitet werden, nicht mehr in der Wertheimer Glashütte hergestellt werden, beziehen die Unternehmen sie beispielsweise aus Mainz.
Glasmuseum
Wer sich für den Werkstoff Glas, die Geschichte und die dazugehörige Industrie interessiert, für den gibt es in Wertheim seit 1976 das Glasmuseum. Initiiert wurde es von Hans Löber, der zu den Gründern der Glashütte in Wertheim zählte und der später Geschäftsführer des Glaswerks Wertheim war. Löber und die anderen vier maßgeblichen Unternehmer der ersten Stunde begrüßen seit der Neugestaltung des Glasmuseums vor wenigen Monaten die Besucher - von der Wand im Eingangsbereich. Das Museum ist geöffnet von Dienstag bis Sonntag, an Feiertagen von 14 bis 17 Uhr. In dieser Zeit ist immer ein Glasbläser vor Ort.




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