So revolutionieren junge Unternehmer unser Essen
Bierreste statt Rindfleisch, essbare Löffel statt Plastik – Start-ups in der Lebensmittelbranche denken Nachhaltigkeit neu. Ein neues Netzwerk in Heilbronn will ihnen zum Durchbruch verhelfen.

Die Lebensmittelbranche steht vor riesigen Umbrüchen, erklärt Carsten Demming von der DHBW Heilbronn. Weniger Fleisch, mehr Klimaschutz, mehr Transparenz - das sind Anforderungen an das, was heutzutage auf den Teller kommt. Start-ups, die Innovationen in diesem Bereich vorantreiben, sollen in der Region jetzt ein neues Netzwerk nutzen können. Bei den Campus Founders wurde dazu die Kooperation zwischen dem DHBW-Studiengang BWL Food Management und EIT Food, Europas größtem Innovationsnetzwerk, vorgestellt.
Gründernetzwerk in Heilbronn

Es greift vieles ineinander - auch ganz persönlich. Der EIT-Regionaldirektor Georg Schirrmacher stammt aus Öhringen und freut sich, mit der neuen Partnerschaft auch in der alten Heimatregion vorbeischauen zu können. 250 Partner hat das EIT Food europaweit bereits. EIT steht für Europäisches Innovations- und Technologieinstitut, wurde von der EU gegründet und hat unterschiedliche Schwerpunkte, in diesem Fall Nahrungsmittel.
Die DHBW soll ein wichtiger Partner werden. Das zeigt sich demnächst auf der Branchenmesse Anuga, die vom 7. bis 11. Oktober in Köln stattfindet. "Wir werden dort mit dem Heilbronner Studiengang auf einem Gemeinschaftsstand vertreten sein", erzählt Schirrmacher.
Carsten Demming ist Studiengangsleiter BWL-Food Management und ein Wissenschaftler, der auch die Konsumenten im Blick hat. Auf die komme einiges an Veränderungen zu. Die Lebensmittelbranche sei schließlich einer der größten CO2-Emittenten weltweit, so Demming. "Wir wollen die jungen Menschen hinausschicken, damit sie die Welt - oder zumindest die Branche - verändern."
Bierreste als Fleischersatz
Die ersten jungen Leute sind bereits Teil des Netzwerks. Etwa Spoontainable aus Heidelberg, die eine Alternative zum Plastiklöffel entwickelt haben - aus Kokosfasern und Haferschalen. Die harten und doch essbaren Löffel werden beispielsweise von Eisdielen genutzt. Spoontainable kooperiert dazu mit den Großen in der Branche.
Restart - in der Eigenschreibweise rest:art - haben Treber als wertvollen Rohstoff entdeckt. Bisher wird der Rückstand des Braumalzes aus der Bierherstellung als Tierfutter verwendet. Die Jungunternehmer aus Hanau haben es geschafft, aus dem Reststoff und einigen weiteren Ingredienzien wie Erbsenproteinen einen Fleischersatz zu kreieren. Gegrillt schmeckt es ähnlich wie Rindfleisch - und sieht auch so aus. Nächstes Jahr soll das Produkt auf den Markt kommen.
Künstliche Intelligenz für bessere Planung
Mit einem intelligenten Tool versucht PlanerAI aus Würzburg, der Lebensmittelverschwendung entgegenzuwirken. "1400 Lkw-Ladungen werden in Europa pro Tag aufgrund schlechter Planung verschwendet", erzählt Franz Seubert, einer der Mitgründer. Im Supermarkt seiner Eltern habe er früh mitbekommen, welchen Zwängen sich die Marktbetreiber dabei ausgesetzt sehen. "Ich habe gemerkt, wie viel weggeworfen wird. Aber ich habe auch mitbekommen, wie Kunden reagieren, wenn das von ihnen gesuchte Produkt ausverkauft ist."
Mit Künstlicher Intelligenz und Daten von der Wettervorhersage bis zum Ferienkalender sagt PlanerAI vorher, wie viel wovon wann bestellt und produziert und wie verteilt werden sollte. Fast von Beginn an wird das Start-up von den Campus Founders in Heilbronn begleitet. Das auf Bäckereien spezialisierte Tool BäckerAI wird in der Region bereits von der Bäckerei Förch verwendet. Ein großer Discounter - diesmal nicht aus der Schwarz-Gruppe - hat PlanerAI bereits im Einsatz.
Umdenken bei Entscheidern nötig
Mit solchen Ansätzen, ist Georg Schirrmacher sicher, lasse sich nicht nur die Branche, sondern tatsächlich auch die Welt verändern. Er sagt: "Die Entscheider müssen umdenken." Auch da will das neue Ökosystem mitwirken.
Kombination für die Region
Die Region hat, was Nahrungsmittel - oder neudeutsch "Food" - angeht, traditionell schon einiges zu bieten. Knorr unter der Flagge von Unilever, die ehemalige Südmilch, die zu Friesland-Campina gehörte und jetzt von Müller-Milch übernommen wurde, Kaufland, Lidl, Spar und Edeka.
Es ist deshalb kein Zufall, dass sich hier die Investorengruppe der Food Angels zusammengefunden hat und nach aussichtsreichen Geschäftsideen sucht. Günther Rodemeyer, ehemaliger Chef des Heilbronner Knorr-Entwicklungzentrums, ist einer dieser Investoren und hört auch bei dieser Auftaktveranstaltung genau zu.
Bei Spoontainable etwa, einem der drei Startups, die sich vorgestellt haben, ist einer der Food Angels bereits investiert. Rodemeyer ist vor allem interessiert an KI-Lösungen - mit dem Innovationspark Künstliche Intelligenz Ipai ohnehin das kommende Thema in Heilbronn.
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