Welche Rolle das Audi-Werk Neckarsulm im VW-Konzern spielt
Losspurten und nicht ins Straucheln kommen, das ist das Ziel der Audi-Mannschaft. Doch für manche Entscheidung ist der Standort nicht zuständig. Mancher Experte sitzt andernorts. Die Böllinger Höfe sind allerdings ein großer Pluspunkt.

Der Umbau des Neckarsulmer Audi-Werks zur "smartesten Fabrik im VW-Konzern", wie es vor einem Jahr angekündigt wurde, braucht Zeit. Die beiden Verantwortlichen, IT-Leiter Ivan Jukic und der für die Digitalisierung von Produktion und Logistik zuständige Michael Häffner, sind aber überzeugt, dass diese Transformation an Geschwindigkeit bald deutlich zulegen kann.
Irgendwann ist der Kipppunkt erreicht - bloß wann
"Wir stehen, was die Umstellung auf E-Mobilität angeht, vor einem Dilemma", sagt Jukic. "Wir wissen nie, wann der Kipppunkt erreicht ist, wann die Leute dann fast nur noch E-Autos verlangen." Bis dahin müsse man noch Verbrenner bauen, und ab dem Zeitpunkt sind sie dann nicht mehr gefragt.
Ganz ähnlich sei es mit der Digitalisierung im Werk. Wann es kippt, wann man mit den alten Herangehensweisen keinen Erfolg mehr hat, das weiß keiner. Noch kann ein Auto schließlich auf herkömmliche Art und Weise gebaut werden.
Kompliziert ist nicht mehr Trumpf
Das Umdenken hat aber begonnen. Waren die Neckarsulmer vor ein paar Jahren noch stolz darauf, die komplexesten Abläufe zu beherrschen, so ist nun tatsächlich Vereinfachung angesagt.
"Wir müssen weg von den Einzellösungen", sagt Jukic. Statt dessen müsse man sich einmal auf den besten Prozess einigen - "das kostet Kraft und Zeit, das ist klar". Doch dann gelte der Standard unternehmensweit.
Das betrifft die Künstliche Intelligenz mit Anwendungen für Bilderkennung ebenso wie die Daten in der SAP-Datenbank. Aber das braucht auch Zeit. "Mit drei Apps werden wir kein Werk digitalisieren können", sagt Jukic.
Das Leitwerk kann nicht sagen, wo es langgeht
Übertrieben gesagt steht Audi allerdings genau da. Es gibt gute Ansätze, doch viele Anlagen sind zehn, 20 oder mehr Jahre alt. Irgendwann muss die Entscheidung getroffen werden, ob man sie mit aufwendigen Lösungen auf den Stand der Technik bringt und intelligent macht, oder ob man in neue Anlagen investiert.
Solche Entscheidungen werden nicht in Neckarsulm getroffen, obwohl hier das "Leitwerk" für die Digitalisierung von Produktion und Logistik im gesamten VW-Konzern stehen soll. Es ist ein hoher Anspruch, der inzwischen der Realität weichen musste, dass sich ein VW-Konzern nie um Neckarsulm drehen wird.
Und trotzdem, betonen die zwei, hat der Standort Besonderheiten, die sich noch auszahlen werden. Die Böllinger Höfe etwa, die jetzt als kleines Reallabor für die Digitalisierung im Großen genutzt werden. Es ist ein Pfund, mit dem sich Wuchern lässt. Die Produktionscloud Edge Cloud 4P etwa kommt dort jetzt erstmals zum Einsatz, auch wenn sie in Ingolstadt im "Audi Production Lab" entwickelt wurde. Der Leiter Henning Löser sei eben "unser Q, wie bei James Bond", sagt Häffner scherzhaft. So einer, der immer die neueste Technik aus dem Hut zaubert.
AI25 soll in drei Jahren wirklich Früchte tragen, so ist es angelegt
Auf das Umfeld in Heilbronn, wo TUM und Fraunhofer-Institut, XL2 und SAP zur Automotive Initiative 25 (AI25) zusammengefunden haben, setze der Konzern weiterhin. "Im Namen steckt aber schon die 25", sagt Häffner. Bis in drei Jahren soll die Kooperation Früchte tragen. Doch schon jetzt gebe es wertvolle Beiträge, etwa was die Verbesserung der KI angeht.
Schraubentechnik ist das nächste Einsatzgebiet
Wie ein Ansatz künftig für mehrere Einsatzzwecke verwendet wird, zeigt das Beispiel Widerstandspunktschweißen. Hier hat Neckarsulm mit Erfolg gezeigt, dass durch das Sammeln und Auswerten der Daten genug Informationen vorliegen, um bereits während des Schweißvorgangs nachzuweisen, ob der Schweißpunkt korrekt gesetzt wurde. Die Applikation dafür liegt auf der Cloud und kann dann in jedem VW-Werk weltweit zum Einsatz kommen.
Bisher ist das allerdings erst in wenigen passiert. Als nächstes steht in Neckarsulm parallel zur Schweißpunkt-Anwendung die Entwicklung einer Schraubentechnik-Applikation an. "Es folgt alles der gleichen Logik", sagt Michael Häffner. Daten über Drehmoment, Winkel, Widerstand werden gesammelt, dann geht es darum, Muster zu erkennen.
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