Weckruf des Audi-Werkleiters in der IHK-Vollversammlung
Fred Schulze warnt in der IHK-Vollversammlung vor der wachsenden Innovationskraft Chinas. Die Region will auch vor diesem Hintergrund zusammenrücken und startet Zukunftskonvent.
Ist die Automobilindustrie Chinas eine Gefahr oder eine Chance für die deutsche Industrie und damit auch für die Region? Drei Jahre war Audi-Werkleiter Fred Schulze in dem Land. Die Frage beantwortet er mit seinen Erfahrungen und Beobachtungen.
Dazu ist er in die Öhringer Kultura gekommen. "Ich will Sie etwas wachrütteln." Als Gefahr möchte er China am Ende zwar nicht bezeichnen. Doch es ist womöglich mehr als nur eine Herausforderung.
China hat rasend schnelle Entwicklung genommen
Schulze blickt zurück. 1980 war China Agrarland. Wo heute Skylines der weltweit modernsten Städte zu sehen sind, waren damals Fischerdörfer und Brachland zu finden. China setzte sich aber Ziele, die es Schritt für Schritt erreichte. Mithilfe des Auslands wurde das Land erst einmal zur verlängerten Werkbank Europas, der USA und Japans.
Heute ist China das erste Land mit einer digitalen Währung. Es hat klare Vorstellungen, wie es in den Bereichen Infrastruktur, Export, Digitalisierung, Umweltschutz und E-Mobilität weitergehen soll. "Was uns als Automobilbauern Sorgen macht: Die chinesische Regierung hat das Ziel ausgegeben, 2030 der erfolgreichste Hersteller von Elektrofahrzeugen weltweit zu sein."
Deutsche fahren elektrisch hinterher
Es geht deutlich schneller. Schon jetzt ist unter den zehn größten Herstellern von E-Autos kein deutsches Unternehmen mehr. Stattdessen chinesische Firmen wie Geely, BYD, Great Wall oder Hongqi. "Die kommen nicht mehr mit Billigprodukten zu uns, sondern im Luxussegment oder in der Mittelklasse."
Allgemein sieht Schulze das Problem, dass Deutschland massiv an Innovationskraft verliere. China dagegen zulege. "Das ist die erste Botschaft: Wir sind nicht mehr innovativ." Der zweite Punkt besorgt den 55-jährigen Familienvater noch mehr. "Wenn wir heute unsere Jugend fragen: Was ist euch wichtig? Dann ist es das Thema Teilzeit, sie wollen sich weniger im Beruf engagieren, mehr um private Dinge kümmern." Bei den chinesischen Jugendlichen laute das Motto dagegen: Angriff.
"Ob ich eine Lösung habe, weiß ich nicht", sagt Schulze. Deutschland müsse auf jeden Fall schneller werden und auf Innovation setzen. IHK-Präsidentin Kirsten Hirschmann befindet zum Abschluss, es sei angekommen, dass ein "Weiter so" nicht möglich ist.
Schulze, der "Zusammenbringer"
Beim nächsten Tagesordnungspunkt wird deutlich, dass Schulze nicht nur mit diesem Vortrag, sondern bereits im Vorfeld aktiv geworden ist. Er hat ein Arbeitstreffen von IHK, der Initiative Pro Region und der regionalen Wirtschaftsfördergesellschaft WHF initiiert. Gemeinsam entschied man sich, einen sogenannten Zukunftskonvent auf den Weg zu bringen, wie er bereits von einigen Verbänden und Kommunen gegenüber der Landesregierung vorgeschlagen worden war.
Schulze sei "ein Zusammenbringer", lobt Kirsten Hirschmann den Vorstoß - es war schließlich schon der zweite Versuch, nachdem Schulze im vergangenen Jahr damit gescheitert war, die IHK wieder in den Gesellschafterkreis der WHF zu führen.
Zukunftskonvent Heilbronn-Franken soll sich an die Spitze setzen
Diesmal erhält er Unterstützung, auch mit einstimmiger Zustimmung aus der Vollversammlung. Es soll schließlich nichts an den "bewährten Strukturen und Institutionen" geändert werden. Doch gemeinsam will man an den Herausforderungen der Zukunft arbeiten. Dazu soll es "interessengesteuerte Kooperationen" geben. "Wir stehen alle vor denselben radikalen Umbrüchen", erklärt Hauptgeschäftsführerin Elke Döring. "Wenn wir dem etwas entgegensetzen können, dann nur gemeinsam."
Gemeinsam müsse man auch überlegen, wer welches Thema am besten angeht. Transformation, Ausbildung oder Fachkräftemangel werden als Beispiele genannt. "Der erste Schritt ist jetzt der Schulterschluss", meint Döring.
So groß die Herausforderungen, so ambitioniert die Ziele. Baden-Württemberg stehe an der Spitze des geforderten "Ermutigungs- und Entfesselungs-Pakts". "Und unsere Idee ist: Wieso sind wir nicht als Region an der Spitze im Land?", so Döring. Schließlich war die Region mit dem Pakt Zukunft schon einmal wegweisend unterwegs.
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