Charakteristisch im Mittelstand: Zwei Drittel der Unternehmen haben noch keine Digitalstrategie
Ergebnisse des ersten Fortschrittbarometers der TU München warten mit bemerkenswerten Erkenntnissen zu den Unternehmen in Heilbronn-Franken auf. Der Nachholbedarf ist riesig, vieles hängt an den Chefs.

Fast zwei Drittel der mittelständischen Unternehmen in der Region Heilbronn-Franken haben bislang keine Strategie für die digitale Transformation entwickelt. Das ist das Ergebnis des ersten Fortschrittbarometers der Technischen Universität München, das am Donnerstagabend auf dem Bildungscampus Heilbronn vorgestellt wurde.
Ergebnis für manchen keine Überraschung
An der Untersuchung des Teams um Jens Förderer, Professor am Lehrstuhl für Innovation und Digitalisierung in Heilbronn, und Christoph Geier, Director Digital Transformation, nahmen 373 mittelständische Unternehmen aus der Region Heilbronn-Franken teil, die der TUM zufolge als charakteristisch für den deutschen Mittelstand gilt.

Für Ulrich Spitaler vom Bundesverband Mittelständische Wirtschaft (BVMW) in Heilbronn, kommen die Ergebnisse nicht überraschend. "Das entspricht dem, was ich in den Gesprächen mit den Unternehmen so auch wahrgenommen habe." Mancher Geschäftsführer müsste wohl als erstes in die Weiterbildung, so Spitaler.
Viel Verantwortung beim Chef
Dass viel an den Chefs hängt, auch das zeigt die TUM-Studie: Wichtigster Erfolgsfaktor digitaler Initiativen ist die Rückendeckung der Unternehmensleitung. 87 Prozent der befragten Unternehmen nannten diesen Punkt. "Das Führungsverständnis muss sich an dieser Stelle deutlich weiterentwickeln", erklärt Geier.
Das Top-Management müsse die Digitalisierung auf jeden Fall verstehen und mittragen. Mit zunehmender Unternehmensgröße sollte dabei die Verantwortung aber auch delegiert werden. Und entscheidend sei: Digitalisierung ist etwas, das alle im Unternehmen angeht.
So weit ist allerdings die Mehrzahl der Unternehmen noch nicht. Neben den 62 Prozent, die keine Strategie haben, mit dem Thema Digitalisierung umzugehen, gibt es noch ein weiteres besorgniserregendes Ergebnis: Mehr als die Hälfte der befragten Unternehmen plant auch für die Zukunft nicht, in diesen Prozess einzusteigen.
Grund sind der Untersuchung zufolge, dass schlicht die Ideen fehlen, kein Nutzen erkannt wird und den Mitarbeitern die Kompetenzen für eine Digitalisierung fehlen.
"Kein Anlass, auf den Unternehmen rumzuhacken"
Solche Ergebnisse hält Forschungsleiter Jens Förderer für "fast schon erschreckend". Er warnt zugleich aber: "Das soll kein Anlass sein, auf den Unternehmen herumzuhacken." Stattdessen will das Forschungsteam die Frage beantworten: Wie kann der Digitale Wandel in Heilbronn-Franken beschleunigt werden?
Als größte Hürden nannten die Firmen eine mangelhafte digitale Infrastruktur, fehlende Fachkräfte und zu viel Bürokratie. Die Untersuchung zeigte allerdings auch, dass externe Probleme erst dann wirklich ins Gewicht fallen, wenn man sich auf den Weg gemacht hat.
Dazu müssten vorab aber die internen Hemmnisse abgebaut werden. Dazu will die TUM weiterhin auch Impulse geben, die Unternehmen in der Region zudem vernetzen, etwa mit ihren Formaten TUM Talk und TUM Connect.
IHK-Unternehmen befragt
Jens Förderer hält die Ergebnisse insgesamt für aussagekräftig, weil die Zusammensetzung der befragten IHK-Mitgliedsunternehmen die Sektoren und Unternehmensgrößen gut abbilde. Allerdings hätten wohl eher jene Firmen geantwortet, die sich mit dem Thema ohnehin bereits auseinandersetzen.
Daher geht er davon aus, dass der Anteil der Unternehmen ohne Digitalstrategie tendenziell noch höher liegt. Spannend werde der Vergleich, wenn das zweite Fortschrittsbarometer im nächsten Jahr erhoben wird, so Förderer: "Was hat sich dann verändert."
Modellregion
Das Fortschrittsbarometer 2023 ist das erste, das die Technische Universität München (TUM) erhoben hat. Der Fokus liegt auf der "Modellregion" Heilbronn-Franken. Vergleichswerte für die Region sollen auf jeden Fall im kommenden Jahr erhoben werden. "Es gibt aber viele Mittelständler in Deutschland und Europa", sagt der Studien-Verantwortliche Jens Förderer. Möglicherweise soll die Umfrage dann auch noch weiter gefasst werden.
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