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Steigende Energiepreise und Lieferschwierigkeiten treiben auch Fensterbauer um

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Versorgungshorror bei den Fensterbauern in der Region: Nicht nur Energie, auch Material und Personal sind knapp. Und das "Winterloch" gibt es auch nicht mehr.

Bei Schweiker in Besigheim-Ottmarsheim werden Fenster und Türen produziert. Um den Kunststoff zu extrudieren, ist viel Energie nötig − die sich nun stark verteuert.
Schweiker
Bei Schweiker in Besigheim-Ottmarsheim werden Fenster und Türen produziert. Um den Kunststoff zu extrudieren, ist viel Energie nötig − die sich nun stark verteuert. Schweiker  Foto: Schweikert

Wir haben nicht allzu viel Zeit, uns Gedanken zu machen, jeden Tag befinden wir uns derzeit im Versorgungshorror", sagt Achim Kronmüller. Doch schlimmer kommen kann es immer. Sollte aufgrund eines Gasembargos wirklich kein Glas mehr geliefert werden, dann müsse man die Fenster eben mit Spanplatten einbauen, zeigt sich der Vertriebsleiter des Fenster- und Türenherstellers Schweiker in Besigheim-Ottmarsheim pragmatisch. "Etwas anderes bleibt uns ja nicht übrig."

Die eigentliche Arbeit bei Schweiker hat mit Glas nur am Rande zu tun. Es ist ein Zulieferprodukt, wenn auch ein wichtiges. Schweiker stellt unter anderem Kunststoffprofile für Fenster und Rollläden her, bezieht einzelne Teile aber auch vom sogenannten Systemgeber. Was er mit Versorgungshorror meint, erläutert Kronmüller so: "Wenn wir für einen Auftrag dreizehn Teile brauchen, dann kann es sein, dass wir zwölf bekommen. Wann das dreizehnte dann geliefert wird, ist oft nicht absehbar. Wir müssen das ständig auf dem Schirm haben, das macht die Arbeit derzeit unglaublich kompliziert."

Preissprünge bei der Energie

Fast 800 Mitarbeiter beschäftigt die Schweiker-Gruppe, 140 davon am Heimat-Standort in Ottmarsheim. Seit 53 Jahren im Betrieb ist Susanne Schweiker, gemeinsam mit ihrem Sohn Stephan Schweiker in der Geschäftsführung. Preissprünge wie zuletzt hat sie selten zuvor erlebt. "Die Stromrechnung für die Extruder, wo der Kunststoff in Form gepresst wird, lag bis vor kurzem noch bei 45 000 Euro. Jetzt sind wir bei 83 000", erzählt sie.

Ähnlich sieht es dann bald bei der Gasrechnung aus. Preise für Kunststoff und Aluminium steigen. "Und es gibt kaum noch Facharbeiter, wir suchen Personal", sagt die 73-Jährige.

"Statt Urlaub gab es Fenster"

Lange gekannte Regeln in der Branche gelten nicht mehr. "Das Winterloch gibt es nicht mehr", sagt Schweiker. Über Jahrzehnte galt, dass Bauherren zwischen Januar und April keine Fenster ersetzen lassen, Neubauten ruhten bei Kälte. "Mit Corona hat sich das verändert", sagt Vertriebschef Kronmüller. "Statt Urlaub gab es Fenster." Statt das Lager aufzufüllen, arbeitete man also weiter. "Bis heute laufen wir hinterher, während ein Einbruch bei den Neubauten jetzt absehbar ist", wie Kronmüller sagt.

Angesichts steigender Zinsen und explodierender Kosten könnten sich viele den Traum vom Eigenheim vorerst nicht mehr erfüllen. "Aber wir nehmen es im Moment, wie es kommt", sagt Kronmüller. Vorausplanen ist nicht möglich.


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Planen ist schwierig

Ähnlich sieht es auch beim Glas- und Fensterhersteller Alfred Bohn in Sinsheim aus. Wintergärten, Fassaden, Fenster - überall findet Glas aus Sinsheim seinen Platz. Das Geschäftsgebiet umfasst einen Radius von etwa 150 Kilometern. Am Standort beschäftigt die Unternehmensgruppe rund 400 Mitarbeiter. Bekanntere Markennamen sind Sinsheimer Glas, Albohn, Tebau und Spektrum.

Das Unternehmen muss derzeit ebenfalls mit den Unwägbarkeiten zurechtkommen. "Glas wird mit sehr viel Energie hergestellt, entsprechend hoch sind die Preissteigerungen", erzählt Prokurist Uwe Rothes. Das mache jede Planung schwierig - auch für die Auftraggeber auf dem Bau.

Die Sinsheimer kaufen in großen Mengen Basisglas, das in sogenannten Wannen produziert wird. Flüssiges Glas wird hier kontinuierlich auf ein Bad aus flüssigem Zinn geleitet und dann vorsichtig abgekühlt. In großen Tafeln wird es dann zu Unternehmen wie Alfred Bohn in Sinsheim geliefert. Weil die Wannen mit Gas beheizt werden, ist die Sorge vor einem Gaslieferstopp in der Branche groß.

Ein Embargo hätte sofort Konsequenzen. Wenn die Öfen erst einmal abgeschaltet sind, das Glas nicht mehr fließt, dann seien die Anlagen zumindest teilweise zerstört und könnten nicht kurzfristig wieder hochfahren, warnen Experten.

Stabile Geschäftsbeziehungen sind jetzt etwas wert

Noch aber kommt das Glas an. Das Sinsheimer Unternehmen verarbeitet es weiter zu Isolierglas, zu Einscheiben- oder auch zu Verbundsicherheitsglas. Auch dafür sind teilweise Öfen notwendig, die mit Gas beheizt werden.

Auf dem Glasmarkt seien derzeit auch Verschiebungen zu beobachten, weil Produzenten in baltischen Staaten ihr Glas in der Vergangenheit aus Russland bezogen haben, sagt Rothes zum Schluss. Sie müssen sich nun neue Geschäftspartner suchen. "Wir haben zum Glück langjährige, stabile Geschäftsbeziehungen und dadurch keine größeren Probleme."

Neben Schweiker und Alfred Bohn gibt es in der Region den Dachfensterspezialisten Roto Frank in Bad Mergentheim. Vor wenigen Monaten hatte Christoph Hugenberg, der Vorsitzende der Geschäftsführung, noch erklärt: "Roto geht es als Firma sehr gut." Das hat sich inzwischen möglicherweise geändert. Gegenüber der Presse möchte sich das Unternehmen derzeit nicht äußern.

Mit den steigenden Energiepreisen wächst auch der Druck auf Immobilienbesitzer, Gebäude zu dämmen und energiesparende Fenster einzubauen. Mit der Dreifachverglasung ist hier das zwischenzeitliche Ende der Entwicklung erreicht. "Es gibt Weiterentwicklungen wie beispielsweise Vakuumgläser, aber die sind noch nicht marktfähig, weil sich das angesichts hoher Mehrkosten nicht amortisiert", sagt Uwe Rothes, Prokurist bei Sinsheimer Glas- und Baubeschlaghandel. Potenzial steckt deshalb vor allem noch in den Rahmen.

 

 

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