Gipfeltreffen der Weltmarktführer in Schwäbisch Hall: Auf dem Weltmarkt in Wendezeiten
Bei der Veranstaltung in Schwäbisch Hall dreht sich viel um Krisen. Von Jean Asselborn, Markus Duesmann, Lars Feld und Lars Klingbeil gibt es da für den Mittelstand keine besonderen Streicheleinheiten.

Die Sorgen der Wirtschaft wachsen. Das betrifft zahlreiche Entwicklungen, wie sich auf dem 12. Gipfeltreffen der Weltmarktführer in Schwäbisch Hall verdeutlichte. Inflation, Protektionismus, neue Krisenherde, Lieferengpässe, Digitalisierung, Klimawandel - die Herausforderungen sind so mannigfaltig, dass zu Corona kaum ein Wort verloren wurde. Und das, obwohl die Gäste im corona-konform vollbesetzten Saal der Bausparkasse Schwäbisch Hall allesamt mit Mund-Nase-Schutz an ihrem Platz sitzen.
Die Anforderungen werden größer
Immerhin kann dieses Jahr nach einer virtuellen Veranstaltung 2021 wieder in Präsenz das Netzwerk gepflegt werden. Um die besonderen Nöte des Mittelstands geht es am ersten Vormittag aber nicht, im Gegenteil. "Wenn ich von der Klimapolitik rede, dann müssen wir ganz stark auf den Mittelstand setzen", sagt etwa SPD-Co-Chef Lars Klingbeil.
Und der Freiburger Wirtschaftswissenschaftler Lars Feld erklärt auf die Frage von Varinia Bernau, ob sich die neue Bundesregierung genug für den Mittelstand vorgenommen habe: "Ich sage das auch gerne, wenn ich unter Mittelständlern bin: Dass er in Deutschland wahnsinnig wichtig ist, aber man nicht nur auf ihn schauen sollte." Es sei wichtig, auch die großen Unternehmen im Blick zu behalten. Gestreichelt werden die Unternehmer an diesem Tag nicht.
Steht die Welt vor einer Teilung in zwei Wirtschaftsräume?
Den Rahmen für die Veranstaltung setzt vorneweg ein sehr gesprächiger Jean Asselborn, Außenminister von Luxemburg seit 2004. Seine Einschätzung: Das Risiko, dass sich die Weltwirtschaft in zwei konkurrierende Räume aufspalte, wächst.
"Die USA haben unter Joe Biden dem Protektionismus nicht den Rücken gekehrt", sagt Asselborn, "Wir laufen Gefahr, dass die beiden großen Wirtschaftsmächte China und Amerika der Versuchung erliegen, ihre Volkswirtschaften zu entkoppeln."
Europa und der Konflikt mit Putin
Im Konflikt mit Putin sei Europa jedoch nicht schwach. "Die Kreml-Führung hat sehr viel Respekt vor Europa und seiner Wirtschaftsmacht", sagt Asselborn. "Wir sind eine Soft Power und keine Militärmacht wie China und die USA."
Ob Europa aber seinen Ansprüchen und seinen Möglichkeiten gerecht werde, das liege an den Mitgliedsstaaten. "Wir müssen wieder lernen, warum wir da sind: Damit wir eine demokratische, starke, friedliche Zukunft für unsere Kinder garantieren können."
Lars Klingbeil kommt ins Schwitzen

Sonja Alvarez bringt Lars Klingbeil übrigens mit kritischen Fragen zu seinem persönlichen Freund Gerhard Schröder mehrfach ins Schwitzen. Über dessen Haltung zu Russland und seinem Gas sei er unterschiedlicher Meinung, aber man habe auch nicht viele direkte Kanäle zu Putin, versucht Klingbeil zu erklären. "Wir führen unter vier Augen auch sehr harte Diskussionen." Verständnis müsse man haben, dass Schröder nach seiner Abwahl noch zu jung war, um sich komplett zurückzuziehen.
Jörn Petring, China-Korrespondent der "Wirtschaftswoche", legt den Finger noch in eine weitere Wunde: "Die Chinesen gehen fest davon aus, dass das Kapitel Trump noch nicht zu Ende ist, und bereiteten sich darauf vor." Europa sei von den USA unter Trump auch sehr schlecht behandelt worden, aber ziehe keine Konsequenzen daraus.
Einfach weitermachen wie bisher geht jetzt nicht
Wie die Wirtschaft und die neue Bundesregierung mit solchen Rahmenbedingungen umgehen können, beleuchtet dann der ehemalige Wirtschaftsweise Lars Feld. Die Ampelkoalition könne nicht weitermachen wie bisher, warnt Feld: "Wir leben in Wendezeiten, da reicht Kontinuität nicht aus."
Er spricht sich für eine große Unternehmenssteuerreform aus, macht den 350 Teilnehmern aber keine Hoffnung auf eine baldige Erbschaftssteuerreform, die sich viele Familienunternehmen wünschen. Und die EZB müsse jetzt zügig reagieren, nachdem die Inflation so an Fahrt gewinne.
Duesmann redet von Energiespeicherung
Zur Herausforderung Klimawandel bezieht Audi-Chef Markus Duesmann Stellung. Er ist per Stream zugeschaltet und mach sich in seinem Impulsreferat für den Begriff Defossilisierung statt des bisher verbreiteten "Dekarbonisierung" stark: Denn nicht der Ausstoß von CO2 sei das Problem, sondern die Freisetzung von CO2, das als Öl, Kohle oder Gas gebunden in der Erde schlummert.
Es folgt das bekannte Plädoyer für die Elektromobilität. Duesmann erklärt aber auch, dass die deutsche Industrie nun die Chance habe, Weltmarktführer für andere neue Technologien zu werden. "Die Voraussetzung dafür ist, dass wir uns jetzt auf die dafür notwendigen Innovationen konzentrieren, zum Beispiel die Energiepufferung." Das Wort Wasserstoff fällt in diesem Zusammenhang nicht.
Das Gipfeltreffen
Das Gipfeltreffen der Weltmarktführer wird von der "Wirtschaftswoche" in Kooperation mit der Akademie Deutscher Weltmarktführer (ADWM) des ehemaligen baden-württembergischen Wirtschaftsministers Walter Döring und dem Senat der Wirtschaft (Berlin) veranstaltet. Der Vorabend am Dienstag begann mit einem unterhaltsamen Gespräch zwischen "WiWo"-Chefredakteur Beat Balzli und dem Unternehmer Wolfgang Grupp (Trigema). "Balzli hat da alles rausgeholt", kommentierte Döring.


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