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Raumluftfilter spielen für Öffnungsstrategie noch keine Rolle

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In Schulen, Gaststätten, Büros könnten die Geräte Infektionsrisiken mindern. Doch verschiedene Ansätze sorgen für Verunsicherung. Das soll sich in den nächsten Wochen ändern, hoffen die Hersteller.

Die Öhringer Filtration Group hat in der Corona-Krise den Raumluftfilter Silent Care auf den Markt gebracht. Er wurde in Öhringen entwickelt und produziert.
Filtration Group
Die Öhringer Filtration Group hat in der Corona-Krise den Raumluftfilter Silent Care auf den Markt gebracht. Er wurde in Öhringen entwickelt und produziert. Filtration Group  Foto: privat

Da hilft kein Händewaschen und kein Desinfizieren: Die größte Gefahr, sich mit dem Coronavirus anzustecken, steckt in den Aerosolen. Unsichtbar atmet sie jeder Mensch aus und ein. Da läge es eigentlich auf der Hand, dass Geräte, die diese kleinsten Partikel aus der Luft herausfiltern oder sie unschädlich machen, eine nie dagewesene Nachfrage erleben.

Pausenräume, Schulklassen, Büros und Restaurants könnten damit ausgestattet werden. Doch die Nachfrage bleibt - im Verhältnis zu den möglichen Einsatzgebieten - verhalten.

Die Politik hält sich noch vornehm zurück

Stattdessen herrscht viel Unsicherheit. "Ja, wir haben innerhalb kürzester Zeit 450 unserer Geräte verkauft, das ist unüblich für ein neues Produkt", sagt Harisa Lumpp, Leiterin des Produktmanagements bei der Filtration Group in Öhringen.

Rundum zufrieden ist sie dennoch nicht. Es fehle nämlich von der Landesregierung wie auch vom Bund das klare Statement: Ja, das ist hilfreich, das reduziert die Infektionsgefahr. Deshalb leistet das Unternehmen derzeit Überzeugungsarbeit bei Bürgermeistern und Landräten im Umfeld, spendierte auch schon den einen oder anderen Raumfilter kostenlos. Gemessen am theoretisch möglichen Bedarf bleibt die Nachfrage aber weiter zurückhaltend.

Wirkung teilweise schon nachgewiesen

Das sieht auch Jan-Erik Raschke so. Er ist Bereichsleiter Luftfiltersysteme beim Filterspezialisten Mann + Hummel in Ludwigsburg. "Die Reaktion ist verhalten", sagt er. Die Leute wüssten nicht so genau, welcher Technologie sie jetzt vertrauen sollten, wie sicher das alles ist, ob es überhaupt etwas bringt. "Dabei wurde in vielen Studien nachgewiesen, dass mit entsprechenden Geräten fast alle Aerosole und Feinststäube aus der Luft gefiltert werden können."

Das gilt auf jeden Fall für die hocheffizienten und zertifizierten Hepa-Filter, wie sie Mann + Hummel und die Filtration Group verwenden. In einer aktuellen Untersuchung durch das Fraunhofer-Institut zeichnet sich ab, dass auch die anderen Technologien Wirkung entfalten. Derzeit werde untersucht, wie groß diese in Bezug auf das Corona-Virus ist und welche unerwünschten Beiprodukte dabei entstehen können.

Dieser Artikel stammt aus der WirtschaftsStimme, die am Dienstag, 2. März, der Tageszeitung beiliegt. Die Schwerpunktthemen sind Medizintechnik und Kunststoff. 

In der Atemluft sollten keine unerwünschten Produkte entstehen

"Bei Ozon und Ionisation kommt es auf jeden Fall auf die richtige Dosierung an, denn sie wirken sich sonst auf die Zusammensetzung der Atemluft aus", sagt Raschke. Es ist der Punkt, den auch das Umweltbundesamt kritisch sieht: "Ozon ist ein Reizgas." Es könne chemisch reagieren und dabei unbekannte Folgeprodukte bilden.

Klare Ansage der Behörde ist deshalb: "Diese Kategorie von Luftreinigern ist ungeeignet für eine Anwendung in Räumen, in denen sich Personen befinden."


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Auf die Konzentration kommt es an

Marcel Zahlen, der Geschäftsführer des Herrenberger Startups ProActiveAir, will diese Einschätzung nicht so stehen lassen. Seine Geräte arbeiteten mit einer so niedrigen Konzentration von Ozon, dass keine unerwünschten Reaktionen stattfänden.

"Ozon ist ein ganz natürlicher Bestandteil der Luft", sagt Zahlen. Bei einer Konzentration von 25 Mikrogramm pro Kubikmeter sei man auch weit weg von bedenklichen Werten, die bei etwa 120 Mikrogramm pro Kubikmeter für einen achtstündigen Mittelwert liegen. Für ihn werde hier mit den Ängsten vor Ozon ein falsches Bild gezeichnet.

Hochschule Heilbronn an Untersuchungen beteiligt

Auch bei der UV-C-Technik gibt es noch Klärungsbedarf. Ingenieure der Hochschule Heilbronn (HHN) sind derzeit mit Virologen aus Tübingen an einem interdisziplinären Projekt beteiligt, das die Frage beantworten soll, ob UV-C-Strahlen Corona-Viren auch in der Luft unschädlich machen können. Bereits nachgewiesen ist, dass Viren auf Oberflächen durch das kurzwellige Licht unschädlich gemacht werden.

Der Heilbronner Unternehmer Heiko Kreiter ist überzeugt, dass die Technik funktioniert. Gemeinsam mit einem Bekannten aus der Event-Branche hat er ein Gerät entwickelt, das die Viren im Luftstrom abtöten soll. "Das ist Industrie-Technik, die funktioniert", sagt Kreiter.

Die kleinen Geräte seien sehr leise und könnten so beispielsweise direkt an einer Empfangstheke die Luft dort reinigen, wo die Aerosole ausgeatmet werden. Auch für die Eventbranche habe Interesse. "Die erste Charge ist ausverkauft", sagt Kreiter, der eigens dazu die Firma Corvex-Air gegründet hat. Eine Zertifizierung, die die Wirksamkeit eines solchen Geräts nachweist, gebe es aber derzeit leider nicht.


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Was das Land sagt

Mit der "Healthy Air Initiative" des Landeswirtschaftsministeriums soll ein Netzwerk von Fraunhofer-Instituten Unternehmen bei Lüftungskonzepten beraten und gleichzeitig die Wirksamkeit von Luftreinigern zur Reduzierung von infektiösen SARS-CoV-2-Aerosolen untersuchen. Eine Förderung ist damit allerdings nicht verbunden.

Im Rahmen der Überbrückungshilfe III werden allerdings auch Hygienemaßnahmen berücksichtigt. Darunter fallen beispielsweise die Anschaffung mobiler Luftfilteranlagen und die Nachrüstung bereits bestehender stationärer Luftfilteranlagen, wie das Wirtschaftsministerium auf Anfrage mitteilt.

Antragsberechtigt sind von den Corona-Maßnahmen betroffene Unternehmen, einschließlich Sozialunternehmen und Selbständige. So gibt es beispielsweise 90 Prozent der förderfähigen Kosten bei einem Umsatzeinbruch von mehr als 70 Prozent.

Für Unternehmen des Hotel- und Gaststättengewerbes steht die Stabilisierungshilfe II als existenzsichernde Alternative zur Überbrückungshilfe III zur Verfügung, wenn der voraussichtliche Zuschuss aus der Bundesförderung aus strukturellen Gründen nicht ausreicht, um den Fortbestand des Unternehmens zu sichern. In der Stabilisierungshilfe II können Kosten für Anschaffung und Betrieb von Luftreinigungsanlagen als "Investitionen zur Aufrechterhaltung des Geschäftsbetriebs" geltend gemacht werden.

Weitere Förderprogramme

Für öffentliche Gebäude und Versammlungsstätten hat das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie ein separates Förderprogramm für die coronagerechte Um- und Aufrüstung von raumlufttechnischen Anlagen in öffentlichen Gebäuden und Versammlungsstätten aufgelegt. Weitere Informationen hierzu sind beim Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) erhältlich.

Für Schulen stellt das Kultusministerium 40 Millionen Euro zur Verfügung, die in Digitalisierung und für Raumluftfilteranlagen eingesetzt werden können. Allerdings weist ein Sprecher darauf hin, dass das Lüften als die primäre Maßnahme zu Verbesserung der Raumluftqualität gesehen werde.

 
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