R.-Stahl-Betriebsrat geht auf Konfrontationskurs
Die Stimmung zwischen Arbeitnehmervertretern und Arbeitgeber ist am Tiefpunkt. Das soll eine Umfrage der IG Metall im Unternehmen belegen. Eine Betriebsversammlung an diesem Donnerstag führte zum Zerwürfnis.

Der Betriebsrat des Waldenburger Explosionsschutzspezialisten R. Stahl sieht die Basis für eine konstruktive Zusammenarbeit mit dem Vorstand derzeit nicht mehr gegeben. Eine für den Donnerstag geplante Betriebsversammlung stand an diesem Mittwoch noch auf der Kippe. Nun wird sie zwar stattfinden. Doch das Tischtuch zwischen Geschäftsleitung und Arbeitnehmervertretern scheint zumindest weit eingerissen.
"Hier hängt Angst in der Luft"
Klaus Erker ist aufgewühlt, als er sich am Mittwochnachmittag an unsere Redaktion wendet. "Hier hängt die Angst in der Luft", sagt der Betriebsratsvorsitzende, der seit 1979 bei R. Stahl arbeitet, in Waldenburg.
Die Stimmung in der Belegschaft sei äußerst schlecht. Das belege auch eine Umfrage, die in diesem Sommer in Zusammenarbeit mit der IG Metall durchgeführt wurde, und die auf der Betriebsversammlung vorgestellt werden soll.
Gegenseitige Schuldzuweisungen
Diese Betriebsversammlung hatte im Vorfeld bereits für Verstimmung auf beiden Seiten gesorgt. Sie habe offensichtlich verhindert werden sollen, wirft die zweite Bevollmächtigte der IG Metall Schwäbisch Hall, Saskia Genthner, der R.-Stahl-Führung vor. Zuerst habe der Vorstand eine Teilnahme abgesagt. Kurzfristig sei am Vortag dann die Bereitstellung der technischen Ausrüstung verweigert worden.
Der Vorstandsvorsitzende Mathias Hallmann erklärt auf Nachfrage unserer Zeitung, dass unklar war, ob die auch online übertragene Betriebsversammlung eine geschlossene Veranstaltung bleibe. Das sei gesetzlich vorgeschrieben. "Wir haben das auch in Abstimmung mit dem Arbeitgeberverband Südwestmetall geklärt", sagt Hallmann.
Der zweite Punkt aber sei, dass die Veranstaltung zu einem Zeitpunkt angesetzt wurde, an dem erstmals seit zwei Jahren wieder eine Strategiekonferenz mit den Geschäftsführern aller weltweiten R.Stahl-Gesellschaften in Waldenburg stattfindet. "Dieser Termin war bekannt. Somit muss ich davon ausgehen, dass es eine bewusste Entscheidung war", sagt Hallmann.
Der Bitte, die Betriebsversammlung um eine Woche zu verschieben, sei der Betriebsrat nicht nachgekommen. Somit könne die Geschäftsleitung auch nicht vertreten sein.
Zwei Umfragen, zwei Ergebnisse
Die Inhalte der IG-Metall-Umfrage unter den Stahlianern liegen unserer Zeitung vor. Die Zufriedenheit mit Vorgesetzten ist demnach überwiegend "nicht gut" oder "schlecht", ebenso die Zufriedenheit mit der Unternehmensleitung.
Noch schlechter sind die Werte, die unter "Betriebsklima" erreicht werden. Etwas besser sieht es bei Arbeitsumfeld, Bezahlung und Zufriedenheit mit Kollegen aus.
Damit unterscheiden sich die Ergebnisse offenbar grundlegend von einer vom Unternehmen in Auftrag gegebenen Umfrage von 2019. Ihm seien die Umfrage-Ergebnisse nicht bekannt, erklärt Hallmann.
Aussagekraft angezweifelt
Warum die Umfrage überhaupt in Auftrag gegeben wurde, darüber gibt es wie bei vielen weiteren Punkten widersprüchliche Darstellungen von Betriebsrats- und Vorstandsvorsitzendem. Klaus Erker sagt: "Als ich vor einem Jahr das schlechte Betriebsklima angesprochen habe, sagte man mir unter Hinweis auf die Umfrage von 2019, es gebe keinen Handlungsbedarf."
Hallmann zweifelt die Aussagekraft der IG-Metall-Umfrage an, weil Mehrfachabstimmungen möglich gewesen seien.
Der Graben ist tief. Betriebsratschef Erker betont, er sei an Kooperation interessiert gewesen: Statt Kurzarbeit zu nutzen sei beispielsweise für viele Beschäftigte die Arbeitszeit auf 30 Stunden und damit auch der Lohn reduziert worden. "Das haben wir alles mitgetragen."
Vorstandschef Hallmann widerspricht, dieses Vorgehen sei vielmehr ausdrücklich der Wunsch des Betriebsrats gewesen. Man habe deshalb den Ergänzungstarifvertrag zur Beschäftigungssicherung genutzt, der im Übrigen vor seiner Zeit ausgehandelt worden sei.
Lösungen zu finden wird nicht einfacher
Wie es weitergeht? Klaus Erker weiß, dass eine Zusammenarbeit mit der Arbeitgeberseite nach dem Schritt in die Öffentlichkeit schwieriger wird. Trotzdem sei es ihm wichtig, auch künftig nach Lösungen zu suchen. Und Mathias Hallmann will nicht leugnen, dass es Konflikte im Unternehmen gibt. "Das wurde jetzt ja offensichtlich." Dass sie nur das Beste für das Unternehmen wollen, betonen beide.
Altlasten und Corona
15 Jahre lang war die R. Stahl AG von Martin Schomaker geführt worden, bis der Vorstandsvorsitzende 2017 vorzeitig in den Ruhestand ging. Nachfolger Mathias Hallmann krempelte den Konzern in den ersten Jahren um, die Restrukturierungskosten belasteten das Ergebnis. Dann kam Corona und damit eine anhaltende Investitionszurückhaltung in der Öl- und Gasindustrie, die nun auch aus der beschleunigten Energiewende resultiert. Aus dem Plan, die Profitabilität des Unternehmens zu steigern, wurde vorerst nichts.
Der Börsenwert des Unternehmens verringerte sich in den vergangenen fünf Jahren von knapp 200 Millionen Euro auf derzeit nur noch 125 Millionen Euro.


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