Stimme+
Neckarsulm
Zur Merkliste Lesezeichen setzen

"Neckarsulm wird wieder gut ausgelastet sein"

   | 
Lesezeit  5 Min
Erfolgreich kopiert!

Werkleiter Helmut Stettner verlässt den Audi-Standort in der Region und verantwortet in Zukunft den Bau von E-Autos in China. Der 61-Jährige spricht über Perspektiven für Neckarsulm und blickt nach vorne.

Helmut Stettner. Foto: Privat
Helmut Stettner. Foto: Privat  Foto: Audi

Herr Stettner, Sie befinden sich gerade im Quarantäne-Hotel in Schanghai und dürfen das Zimmer nicht verlassen. Was tun Sie den ganzen Tag?

Helmut Stettner: Oh, mein Terminkalender ist voll. Ich kann die Zeit bis Mittag nutzen, um die chinesischen Termine abzuarbeiten, dann wacht Deutschland auf. Wenn der Arbeitstag in Neckarsulm endet, endet auch meiner. Dazwischen gibt es das Essen, das ich hier vor die Tür gestellt bekomme. Und dann schlafe ich noch. Das war"s eigentlich.

 

Kurz zurück nach Neckarsulm. Sie haben hier 2006 als Leiter der Fertigung bei der damaligen Quattro GmbH (heute Audi Sport GmbH) den R8 auf die Straße gebracht. Zuletzt durften Sie den E-Tron GT präsentieren. Was bedeuten solche Fahrzeuge für Sie?

Stettner: Beides sind natürlich Ikonen. Auf den R8 bin ich stolz, weil wir das mit einer sehr kleinen Mannschaft hingekriegt haben. Audi hat sich mit diesem Modell wieder als sportliche Marke positioniert und Neckarsulm seine Kleinserienkompetenz bewiesen. Der R8 begeistert Motorsportfans und Audi-Fahrer weltweit und wir freuen uns sehr, auch den E-Tron GT in Kürze an die ersten Kundinnen und Kunden übergeben zu können.

 

Gut fünf Jahre haben Sie jetzt die Verantwortung für das Audi-Werk Neckarsulm getragen. Was war der größte Erfolg in dieser Zeit?

Stettner: Es war vielleicht kein Erfolg in dem Sinn, aber der Starkregen im Mai 2016 war ein Ereignis, das man nicht so schnell vergisst. Da stand das halbe Werk unter Wasser, im Presswerk ist zudem ein Großbrand ausgebrochen. Aber nach zwei Wochen waren wir wieder am Netz. Die Leute in der Montage sind gekommen, ich habe sie wieder heimgeschickt. Am nächsten Morgen standen sie wieder da, mit selbst mitgebrachten Schaufeln und Schneeschiebern. Sie haben geholfen, damit wir so schnell wieder produzieren konnten. Die Erfahrungen aus diesem Ereignis gelten heute im VW-Konzern als Blaupause für solche mittleren Katastrophen. Was die Mannschaft damals geleistet hat zeigt aber auch, was für einen Spirit wir in Neckarsulm haben.

 

Der Zukunftspakt 2019 enthielt eine bittere Pille für den Standort. Die Elektromobilität wird andernorts vorangetrieben.

Stettner: Das ist keine bittere Pille. Wir sind heute der Standort mit der höchsten Elektrifizierungsdichte, weil hier die meisten Plug-in-Hybride gebaut werden. Zudem bauen wir mit dem E-Tron GT den ersten vollelektrischen Audi an einem deutschen Standort. Vor allem aber wurden alle notwendigen Investitionsentscheidungen getroffen, so dass der Standort bereit ist, wenn mit der übernächsten Modellgeneration auch ein volumenstarkes E-Modell nach Neckarsulm kommt.

 

Die derzeitige, dynamische Entwicklung hin zum E-Antrieb war vor zwei Jahren aber noch nicht absehbar. Muss man da nicht umplanen?

Stettner: Wir haben am Standort die Flexibilität, um jederzeit auf den Marktbedarf reagieren zu können und kurzfristig auch ein reines Elektromodell zu produzieren.

 

Die Brennstoffzelle sollte ein Alleinstellungsmerkmal des Standorts sein. Waren Sie enttäuscht, als Wolfsburg entschied, dass Wasserstoff im Pkw keine Zukunft hat?

Stettner: Wir arbeiten nach wie vor an der Entwicklung der Brennstoffzelle - federführend für den VW-Konzern.

 


Mehr zum Thema

Am Sonntag hatte Fred Schulze seinen letzten großen Auftritt in China. Dabei hat der 54-Jährige den Prototypen eines vollelektrischen SUVs vorgestellt.
Stimme+
Schanghai/Neckarsulm
Hinzugefügt. Zur Merkliste Lesezeichen setzen

"Für mich ist Lebensglück nicht Produktionsvolumen"


 

Gibt es bereits ein konkretes Modell?

Stettner: Wir sehen aktuell kein Einsatzgebiet für den Brennstoffzellenantrieb im Pkw-Bereich. Die Ergebnisse unserer Entwicklungstätigkeit sind für den Konzern für leichte Nutzfahrzeuge und Lkw mittelfristig relevant. Wir arbeiten daran, diese Technologie in Richtung Serieneinsatzfähigkeit zu bringen.

 

Manche, auch hochrangige Mitarbeiter dieser Abteilung haben Neckarsulm aber bereits verlassen. Ist das so einfach zu verkraften?

Stettner: Wir befinden uns in einem Transformationsprozess. Da ist eine gewisse Fluktuation üblich. Es stoßen auch immer wieder neue Mitarbeiter hinzu. Die Leitungsfunktion ist seit dem 1. April ebenfalls wieder besetzt.

 

Ein Blick aufs Werk. Es ist auf 300.000 Fahrzeuge pro Jahr ausgelegt. Derzeit wird nur gut die Hälfte davon produziert. Steht ein Prozess des Gesundschrumpfens an?

Stettner: Ohne auf konkrete Stückzahlen einzugehen, planen wir eine sehr gute Auslastung, wenn die Nachfolger des A4 und des A6 in Neckarsulm gebaut werden. Damit wird der Standort seine Wirtschaftlichkeit deutlich steigern.

 

Welche Großinvestitionen ins Werk sind bereits festgeschrieben?

Stettner: Wir haben zuletzt trotz Corona einen sehr hohen dreistelligen Millionen-Betrag für den Standort verabschiedet. Derzeit entstehen zwei neue Hallen. Auch die Technische Entwicklung bekommt ein neues Gebäude. Das allein ist ein Bekenntnis zum Entwicklungsstandort Neckarsulm. Eine weitere Halle ist beschlossen. Dort werden wir Verbrenner- oder auch vollelektrische Modelle montieren können und damit die Flexibilität erreichen, von der ich vorhin gesprochen habe. Dazu kommt noch die Erneuerung der Lackiererei unter anderem mit einer Halle, wo die Karosserien für die Tauchlackierung vorbehandelt werden. Wir haben damit alle Investitionen, die wir brauchen, um die Zukunft am Standort zu gestalten.

 

Neckarsulm ist Vorreiter im Konzern bei der Digitalisierung der Produktion. Genügen die Mittel, die zur Verfügung gestellt werden?

Stettner: Das Bekenntnis unter anderem von Produktionsvorstand Peter Kössler bei der Jahrespressekonferenz hat uns sehr gefreut. Wir haben vor Jahren intensiv überlegt, welches Alleinstellungsmerkmal wir im Konzern beanspruchen können. Da die Digitalisierung der Produkte in Ingolstadt vorangetrieben wird, nahmen wir die Prozesse, also die Digitalisierung von Produktion und Logistik, in den Fokus.

 

Zur Person  

Helmut Stettner wurde 1960 in Waiblingen geboren. Nach einer Schlosserlehre studierte er Maschinenbau und Wirtschaftsingenieurwesen. Nach mehreren Stationen kam er 1999 zur Quattro GmbH (heute Audi Sport GmbH) in den Audi-Konzern. Dort verantwortete er als Leiter der Fertigung unter anderem den Anlauf des ersten R8. 2011 übernahm Stettner die Standort- und Produktionsleitung bei der FAW/VW Automotive Co. Ltd., Changchun, China. Von Januar 2016 bis jetzt war Stettner Werkleiter des Audi-Standorts Neckarsulm. Nun wird er ab 1. Mai CEO der von Audi und FAW neu gegründeten Audi FAW NEV Co.in Changchun in China.

Es sind derzeit aber keine 100 Leute in Neckarsulm damit beschäftigt...

Stettner: Das ist nur der Start. Dieser Bereich wird auf jeden Fall wachsen. Wir haben auch systematisch geschaut, wer aus unseren Reihen hier Kenntnisse mitbringt und welche verborgenen Talente bei uns schlummern. Wir haben Mitarbeitende, die abends heimgehen, sich an den PC setzen und beeindruckende Dinge programmieren.

 

Etwas Persönliches: Erinnern Sie sich an das Geschenk, das Sie im vergangenen Jahr zum 60. Geburtstag vom Betriebsrat erhalten haben? Das war ein Mülleimer. Was hatte es damit denn auf sich?

Stettner: Ach ja. Als ich anfangs in Bad Friedrichshall gewohnt habe, wurde mir tatsächlich der Mülleimer vor der Wohnung geklaut. So einen habe ich jetzt wieder bekommen. Das war eine Überraschung. Er war allerdings vor allem ein Gefäß für viele weitere schöne Präsente zum Geburtstag.

 

Jetzt verlassen Sie die Belegschaft ihres Lieblingsstandorts und dürfen in Changchun in China ein neues Werk auf der grünen Wiese aufbauen. Was nehmen Sie mit aus der Region?

Stettner: Erst einmal die Erinnerung an die bisher schönsten fünf Jahre meines Berufslebens. Es sind hier Freundschaften entstanden, privat und auch im Umfeld, etwa zu Kommunalpolitikern. Daher war es keine einfache Entscheidung, zu gehen. Aber es gilt jetzt, in Changchun, nicht nur ein Werk, sondern eine komplett neue Company aufzubauen. Das beinhaltet auch die Fabrik, die ab 2024 rein elektrische Fahrzeuge produziert. Das ist schon spannend und eine einmalige Gelegenheit, da dabei zu sein. Das ist die Zukunft von Audi.

 

Kommentare öffnen
Nach oben  Nach oben