Mittendrin in der mentalen Transformation
Die TU München schenkt Heilbronn mit dem TUM-Talk große Aufmerksamkeit. Ein Top-besetztes Podium und die erste Riege aus München zeigen, dass hier künftig Wissenschaft und Wirtschaft vernetzt werden sollen.

Wie hungrig sind die Arbeitnehmer und Unternehmer in Deutschland noch? Welche Missverständnisse gibt es beim Datenschutz? Warum funktioniert der Tesla so gut? Antworten auf Fragen wie diese gab es beim ersten TUM-Talk am Donnerstagabend in Heilbronn. TUM-Präsident Thomas Hofmann führte durch die Podiumsdiskussionen, die künftig zweimal im Jahr in Heilbronn stattfinden.
Corona ist der Brandbeschleuniger für ein lange bekanntes Problem
In der ersten Diskussion ging es um die "Digitale Transformation" und ihre Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft. TUM-Professorin Ann-Kristin Achleitner stellte fest, dass viele Firmen mit vollen Auftragsbüchern angesichts der Komplexität zu lange abgewartet hatten. "Jetzt kommt mit Corona ein Brandbeschleuniger dazu." Doch leider denke man in vielen Bereichen "nicht so disruptiv".
Tesla verbesserte das Auto nicht, sondern dachte es neu
Was das bedeutet, erläuterte der Gründer und Chef des Neckarsulmer Ingenieurdienstleisters CSI, Steffen Boll, am Beispiel Tesla. "Die haben sich gefragt, was das Auto haben muss, dass es der Kunde will. Und das haben sie über die Software erreicht. Sie haben einfach etwas Neues gemacht."
Als CSI von den deutschen Autoherstellern noch CDs bekommen habe, seien Tesla-Autos schon dauerhaft online gewesen. Audi sei im Vergleich ein Tanker. Es habe in der Vergangenheit an vielen Stellen die Agilität gefehlt. Das habe man bei Audi, aber auch im VW-Konzern inzwischen erkannt.
Keine Zahlen zum Fortschritt der digitalen Transformation
Bechtle-Chef Thomas Olemotz glaubt ebenfalls: "Wir sind zu langsam." Doch wie weit Deutschland in der digitalen Transformation ist, dazu gebe es keine belastbaren Zahlen. "Das ist doch mal ein Aufruf an die Wissenschaft." Man sei vielleicht sogar weiter als "die geneigte Öffentlichkeit" glaubt, schätzt Olemotz.
Jedenfalls sei die Technologie nicht das Problem. Das sei eher in den Köpfen zu suchen, weil der Nutzen der Digitalisierung erkannt werden muss. "Es geht also um eine mentale Transformation", fasste Moderator Hofmann zusammen.
Der Unterschied zwischen Europa und den USA
Immer wieder wurde deutlich, dass die USA in Sachen neues Denken den Takt vorgeben. Doch deutsche Unternehmen wollen hier nicht einfach hinterherlaufen. Das zeigte sich in den Beiträgen von Robert Jozic und Wieland Holfelder. Holfelder arbeitet für Google und forderte Korrekturen bei der Gesetzgebung: "Wir brauchen keinen Datenschutz. Daten müssen nicht geschützt werden, sondern die Datensouveränität." Es gehe um "informationelle Selbstbestimmung".
Jozic sieht für die Schwarz-Gruppe dagegen die Chancen in einer eigenen Cloud, die hiesige Regeln einhält. "Die Datenschutzgrundverordnung wollen wir nicht diskutieren."
Was das Homeoffice für Führungskräfte bedeutet
In der zweiten Runde stand zur Diskussion, wie sich die Arbeitswelt verändert hat - auch durch Corona - und was das für Führungskräfte bedeutet. Thessa von Hülsen, verantwortlich für die Personalstrategie der Deutschen Börse AG, formulierte es so: "Der deutsche Führungsstil ist ja häufig noch etwas kontroll- und anwesenheitslastig." Corona habe einerseits gezeigt, wie viel möglich ist. Dennoch sei der persönliche Kontakt in kritischen Situationen unersetzlich.
Robert Friedmann, Sprecher der Konzernführung der Würth-Gruppe, lenkte den Fokus auf die Unternehmenskultur. Transparenz sei wichtig, Neugier auch in der Führungsriege entscheidend. "Wenn Reflexion nicht mehr stattfindet, wird es schwierig." Und immer brauche es Vertrauen. Wenn es trotzdem nicht funktioniere, bestehe Handlungsbedarf. Das habe Corona gezeigt.
Claudia Peus, Gründungsdirektorin des TUM Institute for Lifelong Learning IL3, betonte in diesem Zusammenhang die Fehlerkultur . "Es muss auch den Führungskräften bewusst sein, dass sie nicht perfekt sind. Sie sollten bereit sein, das auch offen anzugehen."
Treffpunkt für Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft
Beim ersten TUM-Talk diskutierten Würth-Chef Robert Friedmann, Bechtle-Chef Thomas Olemotz, CSI-Chef Steffen Boll, Zukunftsfonds-Chef Thomas Villinger, Schwarz-Gruppen-Geschäftsführer Robert Jozic sowie Verantwortliche von Baywa, Deutscher Börse und TÜV Süd mit den Professorinnen Claudia Peus und Ann-Kristin Achleitner von der TU-München. So viele namhafte Manager und Wissenschaftler - unter normalen Voraussetzungen wären die Warteschlangen vor der Aula des Bildungscampus lang gewesen. Doch die Premiere des TUM-Talks fand unter coronakonformen Bedingungen statt.
So durften nur 71 Gäste dabei sein, darunter Heilbronns OB Harry Mergel, der Heilbronner Bildungsförderer Dieter Schwarz, IHK-Chef Harald Unkelbach und weitere geladene Gäste. Ähnlich viele verfolgen den Abend im Livestream. "Wenn man sieht, wer hier alles zusammengebracht wird, dann zeigt das, wie wertvoll die Entwicklung auf dem Bildungscampus für die gesamte Wirtschaftsregion ist", resümmierte Heilbronns Erster Bürgermeister Martin Diepgen. Eine Adelung gab es auch von TUM-Dekan Gunter Friedl: "Das ist der modernste Campus, den es derzeit in Deutschland gibt."
Moderiert wurde der TUM-Talk von Thomas Hofmann, seit 2019 Präsident der TU München. Die Herausforderungen der "Digitalen Transformation" diskutierten:
- Ann-Kristin Achleitner, Professorin für Entrepreneurial Finance und Wissenschaftliche Co-Direktorin des Center for Entrepreneurial and Financial Studies (CEFS) der TUM.
- Thomas Olemotz, Vorstandschef des IT-Systemhauses Bechtle AG.
- Wieland Holfelder, Leiter des deutschen Entwicklungszentrums von Google in München.
- Gabriele Sommer, Personalchefin beim TÜV Süd.
- Robert Jozic, Strategie-Geschäftsführer im Bereich Digitalisierung der Schwarz-Gruppe.
- Steffen Boll, Gründer und Chef des Ingenieurdienstleisters CSI in Neckarsulm.
- An der zweiten Runde zum Thema "New Work" nahmen teil:
- Robert Friedmann, Sprecher der Konzernführung der Würth-Gruppe.
- Claudia Peus, Professorin für Forschungs- und Wissenschaftsmanagement an der TUM und Gründungsdirektorin des TUM Institute for Lifelong Learning IL3.
- Eva Boesze, Personalchefin der BayWa AG.
- Thessa von Hülsen, Personalchefin bei der Deutschen Börse.
- Thomas Villinger, Geschäftsführer des Risikokapitalgebers Zukunftsfonds Heilbronn.


Stimme.de
Kommentare
Peter Henschel am 19.09.2020 11:27 Uhr
Richtig ist der Denkansatz die Datensouveränität. Dies ist aber auch nicht bei Tesla gewährleistet! Alle hieraus gesammelten Daten werden von Tesla in USA verwendet und es gibt keine Möglichkeit, als Nutzer dies zu unterbinden.
Peter Henschel am 19.09.2020 11:09 Uhr
Das ist mal ein Lichtblick in jeglicher Hinsicht! Zeigt dieser doch z.B., dass die ganzheitliche Betrachtung oft sträflich vernachlässigt wird. U.a. wird hier das Beispiel Tesla gebracht. Musk hat also vom Kunden ausgedacht. Da mag ja sein, nur bislang hat man nichts daran verdient, sondern lediglich über Emissionspapierhandel mit C02-Papieren. Audi verdient noch an seinen Autos. Außerdem sind die Preise von Tesla relativ hoch und auch was die Umweltfreundlichkeit anbelangt mehr als fraglich, siehe Herstellung von Akku/Batterie. Tesla lebt demzufolge massiv von Zuschüssen, sh auch neues Werk in Brandenburg.