Mit der Raumfahrt-Technik aus Lampoldshausen kommt viel Bewegung ins All
Vor 60 Jahren begann mit Ludwig Bölkow das Vorgängerunternehmen der Arianegroup in Lampoldshausen. Heute sind die Antriebe nicht nur bei Mondmissionen gefragt.

Wer vom Raumfahrtstandort Lampoldshausen hört, verbindet das in erster Linie mit dem Grollen, das bei Tests der großen Raketentriebwerke dort im weiten Umkreis zu vernehmen ist. Doch neben diesen Tests, die heute vor allem im Auftrag der europäischen Raumfahrtagentur Esa stattfinden, ist Lampoldshausen auch einer der wichtigsten kommerziellen Entwicklungsstandorte für Triebwerke in Europa, und das seit 60 Jahren.
Das von Eugen Sänger 1959 gegründete Triebwerkstestgelände befand sich noch in den Anfängen, da bekam es schon Zuwachs. Raumfahrtpionier Ludwig Bölkow siedelte 1963 seine Entwicklungs-KG auf dem Gelände an. Die runde Zahl wurde jüngst in kleiner, prominent besetzter Runde gefeiert.
Hier ist es Raketenwissenschaft

Die Politik weiß um den Schatz, der da an der A81 verborgen liegt. "Der Standort steht für ganz Großes", sagt der baden-württembergische Staatsminister Florian Stegmann. Im Englischen gebe es ja den Ausspruch "It"s not rocket science", also das sei ja keine Raketenwissenschaft, wenn etwas nicht so kompliziert ist. Umgekehrt gelte: "Was Sie hier machen, gehört zur absoluten Spitzenklasse", so Stegmann.
Er würdigt die enge Zusammenarbeit zwischen Ariane und DLR. Und die Arianegroup sei zuletzt an vielen bahnbrechenden Projekten beteiligt gewesen. Auch die Heilbronner Stimme berichtete über den Beitrag zur Artemis-Mondmission der Nasa oder zur Jupiter-Mission Juice.
Die Antriebe für das Europäische Service-Modul (ESM) der Nasa-Mondmission wird in den nächsten Jahren voraussichtlich noch zu einer guten Auslastung der Arianegroup am Standort beitragen. Und wenn in sieben Jahren die Juice-Mission die Jupiter-Monde erreicht, dann wird in Lampoldshausen mit Spannung erwartet, ob die Triebwerke nach so vielen Jahren wie geplant zünden und die Sonde abbremsen.
Noch nie haben die Triebwerke aus Lampoldshausen versagt
Steffen Johann ist seit 37 Jahren bei der Arianegroup und ihren Vorgängerunternehmen in Lampoldshausen beschäftigt. Seitdem weiß er von keinem einzigen Triebwerk, das hier entwickelt wurde und dann im All den Dienst versagt hat. "Kleinere Probleme gibt es immer mal, aber die Triebwerke haben letztlich immer funktioniert", sagt der Teamleiter Integration.
Auch in neuen Geschäftsfeldern ist die Arianegroup ganz vorne mit dabei. In einer Grußbotschaft bedankt sich etwa der Gründer und Chef des japanischen Start-ups Ispace, Takeshi Hakamada, für die gute Zusammenarbeit mit Lampoldshausen bei seiner Mondmission. Der erste Versuch, eine Sonde auf dem Mond landen zu lassen, ist zwar im April gescheitert. Der Lander war in Lampoldshausen komplett zusammengebaut worden.
Allerdings - das wird an diesem Tag mehrfach betont - steht das Scheitern in keinem Zusammenhang mit der Arbeit der Arianegroup. Umso erfreuter sind alle, als Hakamada dann auch öffentlich verkündet, die Kooperation beim zweiten Anlauf für die private Mondmission fortzusetzen.
Neues Zeitalter ist angebrochen
Seit mehr als 100 Jahren träumt der Mensch davon, die Fesseln der Schwerkraft abzustreifen, den Raum hinter der Erdatmosphäre zu erobern. Es ist ihm in Teilen gelungen. Mancherorts wird es sogar schon so eng, dass es früher oder später vermehrt zu Kollisionen kommen wird. Mitverantwortlich dafür sind die vielen kleinen Satelliten, die zu sogenannten Konstellationen im erdnahen Orbit ausgebracht werden. Die Raumfahrt verändert sich. Das Zeitalter des "New Space" ist angebrochen.
Pierre Godart, Deutschlandchef der Arianegroup, ist sich mit Standortleiter Stefan Hässler einig, dass für die Arianegroup die Unterscheidung in Old Space und New Space nicht sinnvoll erscheint.
Was neu ist: "Die Raumfahrt ist kein Nischenmarkt mehr", sagt Hässler. Das zeigt sich auch an neuen Aufträgen aus den USA: Für das Raumfahrtprogramm New Glenn von Jeff Bezos etwa liefert die Arianegroup neun Sätze Lageregelungsantriebe. "So viele gute Anbieter, wo man so etwas bekommen kann, gibt es nicht", fasst Hässler den Deal zusammen.
Mit Strom auf Höchstgeschwindigkeit beschleunigen
Zu den neueren Entwicklungen gehören die elektrischen "EP-Triebwerke", die am Standort auch getestet werden - in einer großen Vakuumkammer, in der die Temperatur stark schwankt. Durch die Technik ist es möglich, die auch im All im Überfluss vorhandene Sonnenenergie in Schub zu verwandeln.
Es ist damit auch ein grüner Antrieb, der immer wieder gestartet und Raumfahrzeuge auf extrem hohe Geschwindigkeiten beschleunigen kann. Entscheidend ist: Wann immer sich etwas ins All oder im All bewegen soll, kann die Arianegroup den Antrieb dafür liefern, ob in der Vergangenheit für die Ariane 5, die künftige Ariane 6 oder kleinste 10-Newton-Triebwerke.
Metamorphose
Aus der Fusion der Flugzeughersteller Messerschmitt und Bölkow und dem Erwerb der Hamburger Flugzeugbau (HFB) entstand 1968 Messerschmitt-Bölkow-Blohm (MBB). 1989 wurde MBB von der Deutschen Aerospace AG (DASA) übernommen, ab 1995 Daimler-Benz Aerospace. 2000 fusionierten DASA und weitere Unternehmen zur EADS, mit Astrium als deren Raumfahrttochter. 2014 wurde EADS in die Airbus Group umgewandelt. 2015 wurden Teile von Astrium in das Joint Venture Airbus Safran Launchers integriert. Seit 2017 heißt das Unternehmen Arianegroup.





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